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INTERVIEW
Von Angie Reinhardt
Seit Januar wacht ein "EU-Kommissar für Sprachenvielfalt" darüber, dass in Europa auch in Zukunft ein fröhlicher Sprachenmix herrscht und keine babylonische Sprachverwirrung. 1LIVE-Reporterin Angie Reinhardt sprach mit EU-Kommissar Leonard Orban über die Gefahren sprachlicher Monokulturen, den Wert von Vielsprachigkeit und was die EU jungen Europäern zu bieten hat.
1LIVE: Herr Orban, wie viele Sprachen sprechen Sie selbst?
Leonard Orban: Ich spreche - neben meiner Muttersprache Rumänisch - Englisch, Französisch und ein klein wenig Italienisch.
1LIVE: Würde es nicht
reichen, wenn man einfach die "Weltsprache" Englisch
lernt?
Leonard Orban: Nein. Die EU wächst, in Europa
werden heute so viele Sprachen gesprochen, dass Englisch als
Fremdsprache allein kaum ausreicht. Auch, weil wir in Europa keine
"lingua franca" forcieren, keine Monokultur schaffen
wollen, sondern stolz auf unsere Vielfalt sind. Das ist unsere
Stärke.
1LIVE: Warum sollte es eine Stärke sein, als Zweitsprache Italienisch oder Polnisch zu lernen - anstatt gleich karriereförderndes Chinesisch zu pauken?
Leonard Orban: Vielsprachigkeit zahlt sich
doppelt aus: Zum einen verbessern Sprachkenntnisse natürlich
die beruflichen Chancen. Zum andern zeugt die Fähigkeit, sich
gerade in möglichst vielen europäischen Sprachen zu
verständigen, aber auch von Respekt und fördert die
europäische Gemeinschaft. Sprache schafft Identität und
ist damit oft eine hochpolitische Sache - wer also viele Sprachen
spricht, hat ein viel tieferes Verständnis für das Wesen
anderer Kulturen.
1LIVE: Als EU-Kommissar für Sprachenvielfalt geben Sie in jedem Jahr 1,1 Milliarden Euro allein dafür aus, dass die wichtigsten EU-Dokumente in alle 23 "offiziellen Amtssprachen" übersetzt werden - also auch ins Gälische. Trotzdem hört man immer wieder Klagen aus einzelnen EU-Ländern, dass zuwenig übersetzt werde und eine Art "linguistischer Darwinismus" stattfände - reichen 1,1 Milliarden nicht?
Leonard Orban: Wenn Sie diese Summe auf den einzelnen EU-Bürger herunterbrechen, kommen sie auf 2,50 Euro pro Jahr. Das ist nicht gerade viel Geld, um die Demokratie in Europa zu fördern. Und es gehört eben auch zur Demokratie, dass die Bürger verstehen können, worüber sie abstimmen. Aber wissen Sie, was ich als Erstes höre, wenn ich ein EU-Land besuche? Dass man sich Sorgen um die Präsenz der jeweiligen Sprache im europäischen Vergleich macht. Das ist überall so - übrigens auch in Deutschland.
1LIVE: Gut, lernen wir also möglichst viele Sprachen - was bietet die EU jungen Europäern im Gegenzug?
Leonard Orban: Als junge EU-Bürger haben Sie erstens verbesserte berufliche Chancen, zweitens profitiert ihre persönliche Entwicklung vom Austausch mit anderen europäischen Kulturen und drittens können junge Europäer an EU-Austauschprogrammen teilnehmen - zum Beispiel Erasmus. Das sind viele konkrete Dinge, die die EU speziell jungen Menschen anbietet.
1LIVE: Sie sagten vorhin, Europas Vielfalt sei seine Stärke - warum brauchen wir dann einen EU-Reformvertrag, der uns wieder Einheitlichkeit abverlangt?
Leonard Orban: Wir leben in einer neuen Realität: Die EU wächst, wird stärker und will eine international wichtige Rolle spielen. Und da stehen wir vor neuen Herausforderungen, wie Klimawandel, Terrorismus, organisierte Kriminalität, die allesamt nur gemeinsam und auf globaler Ebene angegangen werden können.
1LIVE: Zum Schluss noch einen Frage an den EU-Insider: In der EU dauert es ja gerne mal länger, bis Entscheidungen auch wirklich fallen. Glauben Sie, dass die Staats- und Regierungschefs es in Lissabon diesmal schaffen, den EU-Reformvertrag zu verabschieden?
Leonard Orban: (lacht) Ich drücke
mich mal diplomatisch aus: Ich hoffe wirklich, dass man sich in
dieser Frage einigen wird und dass der Ratifizierungsprozess
schnell gehen wird, damit wir bis 2009 einen neuen Vertrag haben
werden.
Stand: 17.10.2007
