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Von Tobias Plutat
Als vor sechs Wochen die Staatsanwaltschaft die illegale Video-Seite kino.to dicht gemacht hat, ging ein Aufatmen durch die Filmbranche: Schließlich sei die extrem populäre Seite schlecht für das Geschäft mit DVDs und Kinokarten. So zumindest die einhellige Meinung in der Branche. Doch stimmt das wirklich?
Tatsächlich könnte es genau anders herum sein. Denn anscheinend sind gerade die Nutzer illegaler Streaming- und Downloadseiten im Internet die besten Kunden der Musik- und Filmbranche. Zu dem Schluss kommt jedenfalls eine Studie, die das Marktforschungsunternehmen GfK nach Angaben des Online-Magazins Telepolis durchgeführt haben soll. Demnach geben die Nutzer von kino.to & Co. deutlich mehr für Kinokarten und DVDs aus als der Durchschnitt der Deutschen. Und: Viele Nutzer schauen anscheinend nur den Anfang der Filme, um zu entscheiden, ob sie ihn im Kino sehen wollen oder nicht.
Selbst überprüfen konnten wir das nicht - denn aus rechtlichen Gründen darf die GfK keine Angaben machen, solange der Auftraggeber dem nicht zustimmt. Nicht mal offiziell zugeben, dass und für wen eine solche Studie durchgeführt wurde, darf das Unternehmen. Aber: Die Frage, ob die Nutzer illegaler Angebote im Netz nun weniger, genau so viel oder vielleicht sogar mehr CDs, DVDs und Kinokarten kaufen als Nicht-Nutzer ist in den letzten zehn Jahren schon eingehend untersucht worden. Schon zu Zeiten von Napster - dem Ur-Ahnen der illegalen Download-Angebote - kam der Verdacht auf: Wenn überhaupt, haben diese Angebote einen positiven Effekt auf die Umsätze mit Musik und Filmen.
Was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, ergibt für den Wirtschaftswissenschaftler Professor Frank Linde von der Fachhochschule Köln viel Sinn. Denn Seiten wie kino.to, bei denen die Nutzer sich ohne große Hürden und Kosten schnell einen Eindruck von einem Film machen können, müssen nicht unbedingt den DVD-Kauf verdrängen - sie können ganz im Gegenteil auch einen Werbe-Effekt haben. Die Nutzer kaufen dann DVDs, die sie sonst eher liegen gelassen hätten. Welcher dieser Effekte überwiegt, wird für die Musikbranche schon länger untersucht - mal ergeben die Studien, dass der legale Kauf verdrängt wird, andere wiederum sprechen eher für einen Werbe-Effekt. Insgesamt, sagt Ökonom Linde, sind aber die Studien pro Werbe-Effekt wissenschaftlich fundierter: "Wenn man die 30 bis 40 Studien danach filtert, wann, von wem und wie fundiert sie durchgeführt wurden, bleiben eigentlich nur Studien übrig, die entweder gar keinen oder sogar einen positiven Effekt durch Tauschbörsen und Streaming-Seiten ergeben."
Dazu kommt: Selbst wer einen Film nur streamt und kein Geld dafür ausgibt, muss noch lange nicht von Nachteil für die Filmbranche sein. "Man darf nicht vergessen", sagt Linde, "dass viele, die das Geld für das Kino sowieso nicht haben, trotzdem Werbung für einen Film machen können, den sie illegal gesehen haben." Schließlich erzählt man ja seinen Freunden oft, wenn einem ein Film gefallen hat - "und davon lassen sich die Freunde und Freunde der Freunde beeinflussen, ins Kino zu gehen", sagt Linde.
Offenbar spricht also sehr viel dafür, dass die Filmbranche Seiten wie kino.to nicht zu fürchten braucht - wohl eher im Gegenteil. Und auch, dass die Verleiher, Kinobesitzer und deren Verbände das wissen, ist ziemlich wahrscheinlich. Warum dann also das harte Vorgehen gegen die Seite und ihre Betreiber? Ganz einfach: Noch gibt es kein Angebot im Netz, dass auch nur annähernd das Repertoire von kino.to bietet - andererseits ist immer wieder von Plänen zu hören, dass sich die Filmverleiher wie Warner Bros. und Universal zusammentun, um eins zu starten. Und das hätte dann in direkter Konkurrenz zu kino.to gestanden.
Stand: 18.07.2011
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