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Magazin | Interviews

Facebook vergisst nichts

Interview mit Facebook-Ankläger Max Schrems

Der Wiener Student Max Schrems wollte wissen, welche Daten Facebook in drei Jahren Mitgliedschaft über ihn gesammelt hat. Er hat sie eingefordert, Facebook hat geliefert - und zwar 1.200 DIN-A4-Seiten. Jetzt erstattet er Anzeige.

Facebook-Logo auf Bildschirm, Rechte: WDR/dpaBild vergrößern

Max Schrems klagt Facebook an.

1LIVE: Welche Daten haben dich besonders überrascht?

Max Schrems: Insgesamt sind in diesem Datenpaket 57 Kategorien. Da sind relativ belanglose Sachen wie das, was man bei seiner Schule angibt, bis hin zu sehr, sehr sensiblen Daten: Gesundheitsdaten, psychische Probleme von Freunden, Demonstrationen, zu denen man geht, politische Überzeugungen etc. Was sehr spannend daran war: Viele Daten waren auch gelöschte Daten. Facebook suggeriert uns Usern ja, dass man jederzeit alles löschen könnte. Aber in diesem Datenauszug findet man seitenweise Dinge, die eigentlich gelöscht waren. Und das Unterhaltsame daran ist, dass das auch schön vermerkt ist. Man sieht dann zum Beispiel bei "Messages" darüber: 'Deleted: true' und darunter kommt dann die 'deleted message', also der gelöschte Inhalt. Man denkt sich: Wie kann man den User noch mehr verarschen, als ihm zu sagen: 'Es wurde gelöscht' - und in Wirklichkeit ist noch alles da?

1LIVE: Sind auch Daten dabei, die du gar nicht explizit angegeben hattest, die Facebook also irgendwie rausbekommen hat?

Max Schrems: Genau, es gibt sehr viele Datenkategorien, die Facebook sich errechnet oder von anderen Leuten holt. Bei mir sind zum Beispiel relativ viele Zweit-Mailadressen drin, die ich nie angegeben habe auf Facebook, die haben halt irgendwelche anderen Leute angegeben. Ein anderer Fall ist zum Beispiel, dass Facebook alle Computer erfasst, die jemals auf Facebook zugegriffen haben. Und die letzte Location, in der man war: Die rechnen zum Beispiel aus Bildern, die man hochlädt, und Einlog-Daten die letzte Location, in der man war, aus. Das sind Daten, die man selber gar nicht angegeben hat, die aber Facebook errechnet. Bei den Maschinen ist interessant, dass jeder Computer von Facebook ein Cookie bekommt, sobald er einmal auf irgendeiner Facebook-Seite war. Zu diesem Cookie wird dazugespeichert, welche Leute auf diesem Computer bisher wie oft Facebook genutzt haben. Und damit kann Facebook halt ausrechnen, welcher Person welcher Computer gehört auf der Welt.

Mark Zuckerberg, Rechte: ReutersBild vergrößern

Die erste Anfrage ignorierten Marc Zuckerberg und Co.

1LIVE: Als du jetzt die 1.200 Seiten in den Händen hattest, was hat dich mehr erschrocken: Was du mal gepostet hast bei Facebook oder dass Facebook wirklich nichts vergisst?

Max Schrems: Mich hat zweiteres hauptsächlich gestört. Weil ich datenschutzaffin bin und immer wieder mal meine Wall gelöscht habe - mit einem Skript, denn Facebook gibt einem ja nicht die Möglichkeit, Sachen wirklich effektiv zu löschen. Da habe ich eben selber ein Skript gebastelt, mit dem es funktioniert. Und dass diese Sachen dann aber doch wieder da waren... Das Ganze liegt ja auch in den USA und nicht in Europa, was zusätzliche Probleme nach sich zieht: In den USA sind Datenschutzbestimmungen sehr lax - auch gegenüber den Behörden. Das heißt, amerikanische Behörden können relativ einfach auf diese Inhalte zugreifen.

1LIVE: Es kommt ja auch alles so ein bisschen darauf an, wie sehr du Facebook genutzt hast. 1.200 Seiten klingt nach viel, aber erklär doch mal, wie sehr du Facebook genutzt hast.

Max Schrems: Ich poste vielleicht ein, zwei Mal in der Woche etwas. Ich verwende es sehr viel zum Messengen, das ist das einzige, wo ich wirklich viel schreibe. Ansonsten bin ich wirklich ein sehr zurückhaltender Facebook-User.

Was weiß Facebook?

1LIVE: Es war ja gar nicht so einfach, an diese 1.200 Seiten heranzukommen. Wie lange hat das gedauert?

Max Schrems: Bei mir war's relativ kompliziert. Ich habe die Anfrage per Post gestellt, die wurde komplett ignoriert. Und dann über ein Online-Formular, das Facebook auf seiner Seite ganz gut versteckt hat. Da gingen ein paar E-Mails hin und her... Erst nach dem Einschalten der irischen Datenschutz-Kommission haben sie eine CD geschickt, auf dem ein PDF-Dokument mit sämtlichen Daten war.

Formularhilfe

Bezieht euch im Feld "Zitiere das Gesetz, wonach Du Daten beanspruchst" auf Artikel 12 der Europäischen Datenschutzrichtlinie. Tragt dort deshalb folgendes ein: "Section 4 DPA + Art. 12 Directive 95/46/EG".

1LIVE: Du hast Anzeige erstattet - was forderst du jetzt ganz konkret von Facebook?

Max Schrems: Es sind 22 Anzeigen, die sehr verschieden sind. Für uns ist das Wichtigste, dass der User Macht hat auf dem Portal. Derzeit ist es so, dass wir Content liefern dürfen, damit möglichst viele Leute möglichst lange auf Facebook sind. Aber wir haben keine Macht über das, was mit diesen Daten passiert. Der User muss wirklich klipp und klar wissen, was Facebook damit macht und soll dann ja oder nein sagen.

1LIVE: Wie ist denn der Stand? Wird Facebook das aussitzen oder bist du hartnäckig?

Max Schrems: Die irische Datenschutzkommission nimmt das zum Glück sehr ernst. Die haben uns gleich einen Brief geschrieben und gesagt, sie werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um Facebook dazu zu bringen, sich dem europäischen Recht zu beugen. Die machen jetzt wirklich eine Betriebsprüfung in der Zentrale von Facebook in Irland. Was man dazu sagen muss: Alle Facebook-User in Europa haben mit Facebook Irland einen Vertrag - bisher hieß es ja immer: 'Die sitzen in den USA, da kann man nichts tun.'

1LIVE: Bist du noch angemeldet bei Facebook?

Max Schrems: Ich bin noch angemeldet, einfach aus Überzeugung: Ich will nicht verweigern, ich will verbessern. Warum sollen wir uns Social Media wegnehmen lassen? Ich sehe das überhaupt nicht ein. Wenn es weltweit nur ein, zwei E-Mail-Provider geben würde und die uns vollkommen ausnutzen würden, wäre die Lösung ja auch nicht, sich von E-Mails zu verabschieden.

Stand: 28.09.2011

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