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INTERVIEW
Von Angie Reinhardt
Charlotte Roche hat einen Coup gelandet: Ihr Anti-Hygiene-Roman "Feuchtgebiete" ist das meistdiskutierte Buch des Frühlings. Am Freitag (09.05.07) las sie daraus in 1LIVE Klubbing. 1live.de wollte vorab wissen: Wie eklig wird's, Charlotte?
1LIVE: Charlotte, hättest du gedacht, dass 400.000 Leute in Deutschland - nämlich alle, die dein Buch gekauft haben – anscheinend genau wissen wollen, wie munter es in den "Feuchtgebieten" deiner Romanheldin Helen zugeht?
Charlotte Roche: Ich hätte das niemals für möglich gehalten. Als ich das Buch geschrieben habe, dachte ich, ich werde dafür abgestraft, und dass man vielleicht ein kleines Genrepublikum glücklich macht. Wer freut sich schon über Anal-Splatter-Geschichten mit Masturbation? Mir kam das beim Schreiben sehr krank vor. Lustig, aber auch krank. Ich dachte, so einen Humor haben nicht viele, und jetzt bin ich tatsächlich richtig geschockt von dem Erfolg.
1LIVE: Was meinst du – lockt die Leser vor allem der Tabubruch? Wollen die sich aufgeilen? Oder gruseln?
Charlotte Roche: Es gibt ja viele Gründe, warum die Leute das Buch kaufen. Jeder pickt sich da etwas heraus, das ihn angeht. Und ich merke, schon das harmlose Rasur-Thema macht Frauen total glücklich. Dass da endlich mal eine darüber redet, wie viel Scheißarbeit das ist, seinen Körper haarlos zu halten. Das Buch scheint an ganz vielen Stellen befreiend auf Menschen zu wirken.
1LIVE: Ja gut, aber bitteschön: Anti-Rasur-Forderungen sind ja nun echt nicht neu , eher sogar Steinzeitfeminismus.
Charlotte Roche: Ich möchte ja auch nicht sagen: "Liebe Frauen, rasiert euch nicht!" Darum geht es überhaupt nicht. Ich plädiere für mehr Gelassenheit auf dem Gebiet. Ich nenne das schrecklichste Beispiel, das mir in einer Lesung passiert ist: Eine junge Frau, seit ein paar Jahren verheiratet, sagt mir, der Rasurzwang sei bei ihr so stark, dass sie sich nicht traut, nach einem Tag ohne Beinrasur Sex mit ihrem Mann zu haben. Hey, wir reden hier über weniger als einen Millimeter Haar! Aber sie denkt, es sei völlig abstoßend, wenn ihr Mann über ihre stoppeligen Beine streichelt und will dann keinen Sex. Und da sage ich: Es kann nicht sein, dass Frauen über ihre stoppeligen Beine nachdenken, während sie Sex haben. Die sollen befreit sein und stöhnen, wild sein wie Tiere - egal wo die überall Haare haben.
1LIVE: Deine Romanheldin Helen ist ja nun ganz anders: Die sagt von sich selbst ganz stolz, bei ihr werde "Hygiene kleingeschrieben" – und sie treibt auf Bahnhofstoiletten Dinge, bei denen einem echt übel werden kann. Was treibt so eine dazu? Was ist Helen für eine?
Charlotte Roche: Sie ist erst einmal traurig, einsam und verlassen. Das finde ich wichtig, dass man das zuerst sagt. Ich glaube aber nicht, dass sie sexuell so obsessiv ist, weil sie gestört ist, und finde doof, dass das viele denken. Nein, im Gegenteil: Sie ist ein unglaublicher sexueller Freigeist und total kreativ auf dem Gebiet. Sie ist total unverklemmt und versaut, und deswegen ein super Vorbild (lacht).
1LIVE: Hättest du sie gern zur Freundin?
Charlotte Roche: Oh ja, ich hätte so gerne so eine Freundin. Wirklich! Es ist tatsächlich so, dass ich immer etwas enttäuscht bin von meinen Freundinnen und gerne so eine wie Helen hätte. Ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Ich habe diese Frau erfunden, weil ich es gerne hätte, dass Frauen so wären.
1LIVE: War das Beschreiben von Sex nicht auch eine ziemliche Herausforderung? Ich meine, man kann ja sprachlich eigentlich nur verlieren: Entweder man rutscht in die Kitschroman-Ecke, wo immer irgendwas "pulsiert"…
Charlotte Roche: Ich bin froh, dass du das sagst. Vor allem wenn es um weibliche Lust geht, werden immer so fiese, klebrige Klischee-Wörter benutzt.
1LIVE:...oder du nimmst das Porno-Vokabular.
Charlotte Roche: Aber das ist doch auch lächerlich. Die klassische Pornografie ist eher männlich orientiert. Da gibt's dann Sätze wie (spricht extra tief) "Er pfählte sie…" oder "Er war ein Hengst und sie die Stute…", (lacht) nein, das wollte ich alles nicht. Ich wollte etwas Eigenes haben - und da musste ich mir krampfhaft was ausdenken, weil ich gemerkt habe, dass ich dafür gar keine eigenen Wörter habe. Ich rede ja mit niemandem so explizit über Sex.
1LIVE: Dafür bist du im Buch aber schon ziemlich genau geworden…
Charlotte Roche: Ich bin so. Das Fokussierte im Buch, das dort Sachen ganz genau angeschaut werden, das mache ich eben so. Wenn jemand verletzt wäre, den ich kenne, würde ich mir die Wunde auch unbedingt angucken wollen - und Doktor spielen. Ich hätte Arzt werden sollen! Deswegen ist das so explizit. Ich bin kein großer Schriftsteller, der aus etlichen Werkzeugen auswählen kann. Ich habe mich hingesetzt und geschrieben, und das kam dabei raus.
1LIVE: Würdest du denn noch ein Buch schreiben wollen?
Charlotte Roche: Oh ja, sehr gerne! Denn das war das glücklichste Jahr, das ich je hatte. Das ist das erste Mal überhaupt, dass ich mir über längere Zeit etwas erarbeitet habe. Das habe ich in der Schule nicht gemacht, im Musikfernsehen nicht und sonst auch nie. Und die Arbeit mit dem Verlag war auch klasse, weil dort nicht wie anderswo jemand in deine Ideen hineinredet. Verlage sind tausendmal cooler und lockerer als jeder Fernsehsender in Deutschland.
1LIVE: Hast du schon eine Idee, worum es in deinem nächsten Buch geht?
Charlotte Roche: Nein, aber ich glaube, ich möchte nicht mehr über Sex schreiben. Ich habe keine Lust, die neue Sexnudel Erika Berger zu werden. Und ich glaube: Je mehr man über Sex redet, umso weniger Sex hat man.
Stand: 05.05.2008
