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INTERVIEW
Nicht viele sind die Karriereleiter so schnell und erfolgreich
hochgeklettert wie sie: erst Model wurde Jessica Schwarz kurz
darauf zur beliebten VIVA-Moderatorin und entwickeltes sich zur gut
gebuchten Kino-Schauspielerin. Der immer größer werdende
Ruhm hat sie dabei anscheinend nicht verändert. Sie wirkt
einfach immer gut gelaunt, ist sehr lässig und einfach rundum
sympathisch. Beim 1LIVE-Interview mit 1LIVE-Filmexpertin Jana Heußner
in einem Hamburger Hotel setzt sich Jessica Schwarz mit viel
Schwung in einen Sessel, um über ihren neuen Film
"Buddenbrooks" zu plaudern. Sehr offen und ehrlich
erzählt sie, welche Probleme ihr das Drehen in alter Sprache
und in Kostümen gemacht haben, woran sie wächst, und wie
wichtig ihr das eigene Hotel und ihre Familie sind.
1LIVE: Du spielt im neuen Kinodrama "Buddenbrooks" die Buddenbrook-Tochter Tony und trägst dabei prächtige Kleider und tolle Frisuren. Wie lange musstest du immer in der Maske sitzen?
Jessica Schwarz: Fast dreieinhalb Stunden täglich. Allein die Haare haben viel Arbeit gemacht - ich trage ja eine Perücke. Und das Anziehen dauert auch eine Weile. Aber das ist eine wunderbare Form, um da reinzukommen. Also so eine lange Zeit zu haben, um zu sagen: 'Okay, ich verwandele mich jetzt ins 19. Jahrhundert.'
1LIVE: Die Kostüme sind ja sehr liebevoll gemacht und sehen echt klasse aus…
Jessica Schwarz: So ein Kostüm und so ein Korsett bedeuten natürlich ganz viel. Da muss man für sich klären: Wie bewege ich mich möglichst normal? Wir haben sehr viel ausprobiert mit den Kostümen. So Reifröcke setzen ja auch gewisse Fantasien frei beim Menschen - zum Beispiel, was man damit so alles nicht treiben kann.
1LIVE: Was denn?
Jessica Schwarz (lacht): Mit diesem Rock geht alles. Es gibt zum Beispiel diese ganz kleinen Nischen - heißen die, meine ich - in Lübeck, die in die Hinterhöfe führen, wo man sich definitiv bücken muss, um durchzukommen. Aber es muss breit genug sein, um einen Sarg durchzubekommen. Da denkt man erst mal, man schafft das mit diesen Reifröcken nicht. Aber die sind ja doch dann in sich sehr dehnbar, beweglich - man kann sie zusammenpressen, man kann sie hochheben und rennen. Es ist alles möglich. Man kann Leute drunter verstecken. Toll.
1LIVE: Und weil sich die Familiengeschichte der Buddenbrooks im Film über einen Zeitraum von fast 40 Jahren erstreckt, musstest du durch eine Maske auch zur älteren Dame werden. Wie war das für dich, dich so alt zu sehen?
Jessica Schwarz: Das hat August (Anmerkung der Red.: Diehl) irgendwann mal sehr schön formuliert, als wir da saßen und noch diese Altersmaske anhatten. Er guckte sich uns nur an und sagte: 'Wir sehen uns in 20 Jahren wieder.' Und dann wurde mir bewusst, so könnte das in 20 Jahren mal sein. Ich hoffe nur, dass das nicht in 20 Jahren so sein wird, sondern erst in 30 Jahren. Das ist ein Prozess, das hat etwas Erschreckendes. Klar. Aber warum sollte man nicht lernen, damit umzugehen? Also man hat schon einmal einen Blick darauf geworfen und kann nur hoffen, dass es dann doch nicht ganz so schlimm wird.
1LIVE: Wie war es denn, mit so renommierten, gestandenen Schauspielkollegen wie Armin Müller-Stahl, Iris Berben oder August Diehl zu drehen?
Jessica Schwarz: Das Tolle ist, dass man erst einmal Respekt hat. Aber das kann man dann auch für die Familiengeschichte nutzen. Generell ist man bei diesem Thema sehr angreifbar. Du musst mit Kritik rechnen - und musst ganz stark sein. Wir haben uns gesagt, das einzige, wodurch das funktionieren kann, ist die Familie, die zusammenhält. Darum geht es ja. Da gibt es keine Ränge, da wurde niemand über den anderen gestellt - wir haben gesagt, wir wollen einfach zusammen spielen. Wir sind ein Ensemble, und wir wollen zusammen funktionieren in der jeweiligen Situation. Und das hat ganz fantastisch geklappt. Da gab es ganz viel Vertrauen, das man den anderen entgegen gebracht hat. Da wollte niemand dem anderen irgendwo an den Karren fahren oder sagen, ich trau mich nicht. Ich hatte ein Heidenglück, auf diese Personen zu treffen. Daraus entsteht ein ganz wunderbares Spiel, aus dem man ganz viel lernen kann. Vor allem von Armin Müller-Stahl. Und da habe ich tolle Momente gehabt.
1LIVE: Stehst du als junge Schauspielerin eigentlich besonders unter Druck, weil Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" so berühmt und fast allen bekannt ist?
Jessica Schwarz: Ja. Eigentlich müsste man sagen, das ist doch totaler Quatsch. Aber ich hatte den Druck durchgängig beim Drehen. Das war für mich, glaube ich, mit die schwierigste Erfahrung und somit auch die beste, weil es ja nichts Besseres gibt als Fehler zu spüren und daraus zu lernen. Also habe ich mich zum ersten Mal so richtig mit einem Schauspielcoach auseinander gesetzt und gemerkt, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung von der Schauspielerei habe. Und dass ausgerechnet bei so einem Film. Da steht man erst einmal da und denkt 'na super, ich fange gerade bei Null an - und das bei so einem Projekt. Wunderbar'. Ich war sehr verunsichert und war froh, dass die Familie so stark war und mir darüber hinweggeholfen hat.
1LIVE: Was war denn das Problem? Du hast doch bisher immer gute Kritiken gehabt, was hat nicht geklappt als Tony Buddenbrook?
Jessica Schwarz: Naja, dadurch dass ich nicht wirklich Erfahrung mit der Bühne habe und auf keiner Schauspielschule war, kann es bei so einer Sprache schnell dazu führen, dass das kitschig klingt und dass man es nicht anwenden kann, weil es vielleicht nicht natürlich ist. Die Frage ist: Wie weit geht man mit der Modernität von Antonie Buddenbrook, wo ist diese klassische Tony zu entdecken und wo darf es auf keinen Fall schmalzig oder kitschig klingen? Ich habe mich mit der Sprache sehr schwer getan.
Durch den Schauspielunterricht habe ich gelernt, mich zu fragen: Worauf will die Figur eigentlich hinaus? Was möchte sie? Diese Fragen habe ich mir so noch nie gestellt, weil ich immer stark aus dem Bauch heraus gespielt habe. Dadurch, dass ich mir all diese Faktoren klar gemacht habe, bin ich ganz durcheinander gekommen, weil ich natürlich diese Fragen ständig hatte und nicht mehr mit meinem Bauchgefühl frei an die Sache rangegangen bin. Das war dann so doll, dass ich nach diesen vier Monaten dachte, so möchte ich nie wieder an einem Set stehen. Also dieses Gefühl zu haben, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Und ich habe jetzt weitergelernt mit meinem Schauspielcoach und bin total froh, weil das langsam Früchte trägt und mir jetzt bei den anderen Projekten, in denen ich jetzt stecke, einfach nochmal eine ganz andere Kraft gibt.
1LIVE: Ist es dadurch jetzt einfacher geworden, eine berühmte oder bekannte Persönlichkeit zu spielen? Du bist ja demnächst auch als Romy Schneider zu sehen.
Jessica Schwarz: Einfacher auf keinen Fall. Gerade bei so einer Figur ist ja die Frage noch mal viel größer, spielt man sie oder spielt man sie nicht. Und entscheidet man sich dafür, dagegen, dafür? Man steckt eigentlich immer in diesem wachsenden Prozess. Das ist ja auch das Tolle. Aber ich glaube, ich habe gelernt, anders mit der Sprache umzugehen und gelernt, eine Figur zu verstehen. Das ist eigentlich toll, wenn man spürt, dass das nicht mehr ein ständiges Hinterfragen ist, sondern dass es automatisch kommt, und man mehr Möglichkeiten hat.
1LIVE: Hattest du die "Buddenbrooks" wie so viele Schüler auch im Deutschunterricht gelesen?
Jessica Schwarz: Ne, wir haben "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" gelesen. Ich hatte die "Buddenbrooks" irgendwann mit 16 oder 17 Jahren mal in der Hand, habe sie dann aber wieder weggelegt und das Buch jetzt für den Film gelesen. Das hat mich echt erstaunt, weil ich den Roman innerhalb von vier Tagen verschlungen habe. Es ist so spannend, diesen Figuren zu folgen. Das ist wie bei einer Serie, bei der man wissen will, wie es weitergeht mit den Figuren. Auch wenn ich speziell auf die Tony hin gearbeitet habe, habe ich sie teilweise fast vergessen, weil die anderen Figuren genauso spannend sind. Man sitzt mittendrin. Der Roman erlaubt es einem wirklich, einfach zu sagen, komm in meine Familie, sitzt mit uns beim Abendessen. Du darfst dabei sein. Das ist das Tolle an diesem Buch.
1LIVE: Wirst du mit deiner Familie dann auch Weihnachten ins Kino gehen? "Buddenbrooks" startet ja am 25. Dezember.
Jessica Schwarz: Das wird vielleicht tatsächlich passieren. Ich weiß nur nicht, ob der in Michelstadt tatsächlich schon am 25. Dezember anläuft. Vielleicht müsste ich das mal fragen. Auch ein neues Gefühl, an Weihnachten ins Kino zu gehen. Ich kenne das von vielen, die in der Großstadt wohnen, die vielleicht auch gar nicht nach Hause fahren, dass sie tatsächlich ins Kino gehen, und solche ganz normale Dinge machen. Bei uns ist immer drei Tage Weihnachten angesagt - mit Familie und Fondue essen. Das Schöne ist, dass Thomas Mann ja auch so ein Liebhaber von Weihnachten war. Es kommt auch bei den "Buddenbrooks" zweimal Weihnachten vor. Und deswegen passt der Film ja auch so gut in diese Zeit. Weihnachten ist für mich ein unglaublich schönes Fest, was ich sehr gerne mag.
1LIVE: Und du musst dich um dein eigenes Hotel kümmern, das du mit deiner Schwester Sandra in Michelstadt hast, oder?
Jessica Schwarz: Ja, stimmt, ich muss mich um
die Hotelgäste kümmern. Zimmer machen und so
(lacht).
1LIVE: Wie schaffst du das
parallel zur Arbeit als Schauspielerin, ein Hotel zu
führen?
Jessica Schwarz: Wenn ich drehe, schaffe ich das
gar nicht. Das war jetzt auch ein sehr schwieriger Prozess. Meine
Schwester und ich hatten jetzt ein Jahr lang eine Standleitung und
haben fast 18 Stunden am Tag telefoniert, wenn wir uns nicht
gesehen haben. Aber das war klar, ich habe gesagt, wenn ich
"Romy" drehe, geht gar nichts mehr. Und jetzt haben wir
das erste Mal seit vier Wochen telefoniert. Da hieß es:
"Du, die Josy ist schon wieder weg". Und ich dachte:
'Wer ist die Josy?'. Ich kriege da tatsächlich gerade
nichts von mit, das würde ja gar nicht gehen. Aber wenn ich da
bin, dann freue ich mich natürlich auch. Also mir hat die
erste Woche nach der Eröffnung solch eine Freude bereitet, da
mitzuarbeiten, mitzuwirken und mitzuentscheiden. Wie sehen die
Frühstücke aus, was gibt es zu essen und welche
Getränke gehen raus. Ich habe den Tee selbst gefunden, der
kommt aus Hamburg, der Kaffee kommt aus Berlin. Wir haben alles so
zusammengetragen. Das war wirklich ein toller Findungsprozess - das
möchte ich auch nicht so abrupt beenden, sondern möchte
bei allem weiteren auch dabei bleiben. Es läuft gut, doch,
doch, ich bin ganz glücklich, nach dem, was ich gehört
habe. Und die Leute sind auch glücklich. Es gab noch keine
wirklich schlechten Resonanzen oder so.
1LIVE: Wie wichtig ist deine Familie generell für dich?
Jessica Schwarz: Sie ist das Wichtigste, das ich habe. Zu meiner Familie zähle ich natürlich auch einfach meine Freunde. Ich glaube, für Menschen, die so viel unterwegs sind und ihr Leben mit der Öffentlichkeit teilen, ist es das Wichtigste. Es wird nichts in Frage gestellt, sondern man fragt miteinander. Alles ist schnörkellos, es ist alles klar. Die Familie ist einfach da und fängt einen auf, behütet einen und man gibt selber Schutz. Das ist das Wichtigste, was es für mich geben kann. Auch das Herausfinden, was noch in einem anderen Familienmitglied steckt und auch ein ständiges Hinterfragen, wie weit können wir miteinander gehen, was ist möglich, wo möchte ich nichts mehr ändern. Ich liebe meine Familie, die ist total spannend auf ihre Art. Also Familie ist etwas Tolles!
1LIVE: Du bist vom Model zur bekannten Kinoschauspielerin hochgeschossen. Eine beachtliche Karriere. Wo geht das noch hin mit dem Erfolg?
Jessica Schwarz: Das frage ich mich auch (lacht sympathisch). Also manchmal hat man ja überhaupt gar keine Zeit, das wahrzunehmen aber dann gibt es Momente, wo man das einfach wahrnimmt und sich dann darüber auch freut. Und sich auch bewusst wird, dankbar zu sein. Das ist eigentlich alles wunderbar. Man verliert natürlich auf der anderen Seite aber auch wieder ganz viele Sachen, die wichtig für einen sind. Es wird bestimmt auch wieder der Punkt kommen, wo ich sage, ich brauche jetzt ein Jahr Pause und darf gar nichts mehr machen und niemanden sehen. Damit ich mir das, was ich als Mensch sein möchte und bin, wirklich behalten kann. Damit das nicht verloren geht. Deswegen war auch dieses Hotel so wichtig und die Arbeit mit der Familie, einfach um diese Verwurzelung zu verdichten und zu sagen, hier bin ich jetzt nicht Schauspielerin, sondern hier bin ich Regisseur und bestimme, was die Leute essen und auf welchem Klo die Leute sitzen. Mit Sicherheit wird es da bei mir noch mehrere Projekte geben, weil ich das als Mensch auch brauche. Gesund ist dafür halt immer die Neugierde.
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Offizielle Website des FilmsStand: 23.12.2008
