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INTERVIEW
Von Christoph Bökamp
"In jedem steckt ein guter Tänzer", behauptet
Dr. Peter Lovatt. Der
Psychologe der University of
Hertfordshire in der Nähe von London ist Tanzforscher
und glaubt, die Formel für den perfekten Auftritt auf der
Tanzfläche zu kennen. Der selbsternannte "Dr. Dance" behauptet
außerdem, dass Männer unbewusst einer tanzenden Frau
ansehen können, wann sie ihren Eisprung hat.
1LIVE: Wie wird man
eigentlich Tanzforscher an einer Uni?
Dr. Peter
Lovatt: Ich bin Dozent im Fachbereich Psychologie
und ausgebildeter Psychologe. Davor war ich Profitänzer. Das
habe ich gemacht, bis ich Ende 20 war. Irgendwann habe ich
festgestellt, dass man eigentlich beides prima verbinden kann. Mich
fasziniert, wie Menschen durch das Tanzen non-verbal miteinander
kommunizieren. Am Anfang war mein Plan, bloß eine kleine
Studie zu dem Thema anzustoßen. Aber dann wurde mir klar,
dass ich damit eine Tür zu einem völlig neuen Fachgebiet
innerhalb der Psychologie aufgestoßen hatte. Obwohl es jede
Menge Menschen gibt, die sich generell für das Thema Tanzen
interessieren, gibt es darüber kaum Untersuchungen. Also habe
ich hier ein Tanzlabor aufgebaut, ein Forschungsteam
zusammengestellt und wir erforschen seitdem die Psychologie des
Tanzens.
1LIVE: Was passiert denn im
Tanzlabor? Wie haben wir uns die Arbeit hier
vorzustellen?
Dr. Peter Lovatt: Unser Labor ist nur ein Ort, an dem wir forschen. Natürlich sammeln wir auch Daten in Discos und einige aus meinem Team geben Tanzstunden, in denen sie unsere Fragebögen verteilen. Alle diese Daten kommen dann hier zusammen. Aber auch Videos von Leuten, die wir beim Tanzen gefilmt haben. Die Clips analysieren wir dann etwa, indem wir Probanden die Videos vorspielen und ihre Augenbewegungen messen. Wir können also genau feststellen, wo diese Person hinschaut.
1LIVE: Wo schauen wir denn
hin?
Dr. Peter
Lovatt: Wir haben festgestellt, dass Frauen anders
tanzen, wenn sie ihren Eisprung haben. Männer merken das
– unbewusst schauen sie fast nur noch auf die Hüftregion
der tanzenden Frau. Da haben wir eine klare Abweichung gemessen.
Ansonsten scannen Männer nämlich mit ihren Augen den
ganzen Körper einer tanzenden Frau. Solche Sachen erforschen
wir in unserem Tanzlabor.
1LIVE: Wie macht man
eigentlich aus einem Partyvolk auf einer Tanzfläche eine
Wissenschaft?
Dr. Peter
Lovatt: Als ehemaliger Profitänzer fiel mir
das ziemlich leicht. Ich verstehe die Sprache des Tanzens. Wir
unterscheiden in der Forschung die Weite der Bewegungen beim Tanzen
und wie koordiniert diese Bewegungen sind. Wer kleine Schritte
macht, tanz oft auch mit sehr koordinierten Bewegungen. Und wer
viel Platz auf der Tanzfläche braucht, hampelt meistens
unkoordiniert herum. Frauen empfinden große Bewegungen als
dominant und maskulin. Junge Mädchen lassen sich so
beeindrucken, vor allem mit ausufernden HipHop-Moves. Ältere
Mädchen und Frauen waren weniger beeindruckt. Wer mit den
Armen und Beinen immer die gleiche Bewegung macht, fällt zwar
nicht negativ auf, wird aber auch nicht beachtet. Wer im Takt
bleibt, aber mit Oberkörper, Hüften und Beinen
unterschiedliche Bewegungsabläufe macht, bleibt interessant
für die Beobachter. Je komplexer die Bewegungskoordination,
desto besser. Wer zum Beispiel mit der linken
Körperhälfte etwas anderes macht, als mit der rechten,
der kommt mit seinem Tanzstil bei Frauen gut an.
1LIVE: Das ist also der
Schlüssel zum Erfolg auf der Tanzfläche?
Dr. Peter
Lovatt: Ja, es gibt zwei Sachen zu beachten. Der
Bewegungsradius darf nicht zu groß werden und die Koordinaton
der Bewegungen sollte einfallsreich, aber nicht chaotisch sein. Man
muss vor allem im Takt bleiben. Das ist – ganz generell
gesprochen – das beste Rezept für einen attraktiven
Tanzstil. Das Ganze lässt sich aber noch dadurch toppen, indem
man den Tanzstil der Person, die man antanzen will, in Teilen
kopiert und in die eigenen Bewegungen einbaut. Völlig egal,
wie der oder die andere tanzt. Solange du ähnlich tanzt, wird
das beim Gegenüber gut ankommen. Dafür gibt es auch
sexuelle Gründe. Tanzen ist ja auch ein ganzes Stück weit
Paarungsverhalten. Es ist die Vorstufe zur Paarung. Sex wird doch
auch erst dadurch fantastisch, dass die Bewegungen synchronisiert
sind. Beim Tanzen ist es wie beim Sex: Wenn man aus dem Takt kommt,
ist es ein Riesen-Malheur. Frauen und Männer suchen ihre
Partner auf der Tanzfläche danach aus, wie kompatibel die
Bewegungen sind.
1LIVE: Wenn Tanzen also quasi
so etwas wie unser Balzverhalten ist, warum gibt es dann so viele
Menschen, die im Club den ganzen Abend an der Theke festkleben und
von sich behaupten: Ich kann nicht tanzen?
Dr. Peter
Lovatt: Da muss ich mit einem Vorurteil
aufräumen: In jedem steckt ein guter Tänzer. Ich wehre
mich gegen die Annahme, diverse Menschen seien quasi verdammt dazu,
schlechte Tänzer zu sein. Vor allem Männer haben Angst
vor der Vorstellung, sich beim Tanzen präsentieren zu
müssen. Sie vertrauen ihren Bewegungen nicht und scheuen sich
davor, auf dem Präsentierteller zu sein, wo sie von anderen
beobachtet und beurteilt werden. Ich habe herausgefunden, dass es
einen einfachen Ausweg gibt. Die wichtigste Botschaft ist, dass es
beim Tanzen nicht darauf ankommt, eine tolle Show zu liefern.
Wichtig ist es, relaxt zu sein. Wenn die Muskulatur entspannt ist
und man auf den Takt der Musik hört, dann entfaltet sich von
ganz alleine ein natürlicher Tanzstil.
1LIVE: Also Versagensangst
macht manche Männer zum Tanzmuffel?
Dr. Peter
Lovatt: Und der Testosteronwert. Wer einen hohen
Testosteronwert hat, tanzt generell lieber und ist auch bereit,
sich auf der Tanzfläche auszuprobieren. Das gilt
gleichermaßen für Frauen und Männer. Es gibt also
eine hormonelle Komponente bei der Frage: Tanze ich gerne oder
nicht?
1LIVE: Gibt es eigentlich
auch Fragen zum Thema Tanzen, die sie noch nicht beantworten
können? Woran wird denn zur Zeit gerade im Tanzlabor der Uni
gearbeitet?
Dr. Peter
Lovatt: Im Moment beschäftigen wir uns damit,
was beim Tanzen im Körper passiert. Fest steht, dass
Tangotanzen Menschen mit der Parkinson-Krankheit hilft. Depressive
Menschen sagen uns, dass sie sich nach einem sechswöchigen
Tanzkurs besser gefühlt hätten. Tests zeigen uns, dass
Menschen, die tanzen, ihre Gehirnleistung verbessern und schneller
bei der Beantwortung von Problemlösungsfragen sind. Mein
genereller Wunsch ist es, mehr Menschen zum Tanzen zu bewegen.
Leute, geht statt ins Fitnessstudio lieber tanzen, tanzen,
tanzen!
Opernball vs. Schaumparty - Eure Tanzstile im 1LIVE Gästebuch
Alle 1LIVE Interviews in der Übersicht
1LIVE Tanz-ABC mit Benny K., Teil 1 [1LIVE Fernseher]
1LIVE Tanz-ABC mit Benny K., Teil 2 [1LIVE Fernseher]
Cha Cha Cha! - Tanzschule in den 60er-Jahren [1LIVE Fernseher]
Homepage von "Dr. Dance" (englisch)
Dr. Peter Lovatts Tanzstil-Diagnose auf bbc.co.uk (englisch)Stand: 22.01.2010
