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Magazin | Interview

Er ist Anonymous

Interview mit einem Aktivisten

Von Dennis Horn

Anonymous hat Sony, das BKA, MasterCard und PayPal lahmgelegt. Die Online-Aktivisten verbreiten mit Angriffen auf Unternehmen oder Behörden immer wieder Schrecken im Netz. 1LIVE-Reporter Dennis Horn hat einen von ihnen getroffen.

Die Flagge von Anonymous, Rechte: AnonymBild vergrößern

Die Erkennungsflagge von Anonymous - kopflos, was deutlich machen soll, dass es im Kollektiv keine Führungsperson und keine Hiercharchien gibt.

"We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us!" Schon die vielen Anonymous-Videos im Netz flößen Angst oder zumindest Respekt ein. In ihnen kündigt das Kollektiv regelmäßig neue Aktionen an, vor denen die Großen zittern sollen. Dazu gehören bisher Attacken gegen den Iran, das BKA und die Polizei, gegen Sony, PayPal oder MasterCard.

Wer steckt hinter Anonymous? Was für ein Mensch taucht auf, wenn ich einen der Aktivisten zum Interview treffe? Ein bleicher Online-Nerd? Ein tätowierter, subversiver Anarcho? Ein Schüler, der sich die Zeit am Nachmittag mit Hacks vertreibt?

Den Termin für das Interview habe ich in einem Chat vereinbart. Ich kenne bis heute nur das Pseudonym meines Interviewpartners. Wir haben ausgemacht, dass er sich als "Lutz Müller" am Empfang von 1LIVE meldet. Und vor mit steht dann am Ende: ein Typ, Mitte 20, selbstsicher, intelligent und vor allem: unauffällig. Ich kann kein Stück Hackerklischee an ihm erkennen.

Die Antworten, die "Lutz Müller" mir gibt, sind nicht seine eigenen: Die Anonymous-Mitglieder im Chat bestanden darauf, sie vorher gemeinsam zu formulieren. Das tun sie bei Interviews generell - ein Kollektiv ohne Anführer entscheidet schließlich gemeinsam. Über seine Rolle und Aufgaben verrät mir mein Interviewpartner nichts.

Wer ist Anonymous?

Anonymous-Aktivisten, Rechte: dpaBild vergrößern

Anonymous ist keine reine Online-Veranstaltung. Aktivisten waren unter anderem Teil der Proteste gegen die Regierung in Spanien.

1LIVE: Du möchtest nicht über dich selbst sprechen, also sprechen wir über das Kollektiv. Warum wird man Teil von Anonymous?

Anonymous: Es gibt verschiedene Gründe. Einige Mitglieder sind politisch motiviert und wollen die Welt verändern, andere die Freiheit des Internets verteidigen. Es gibt auch Leute, die es einfach nur cool finden, Teil von Anonymous zu sein. Die sind aber nie lange dabei. Wichtig sind für viele Mitglieder zwei Dinge: Es geht ihnen darum, die Freiheit zu verteidigen, also Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Und mit Anonymous können viele ihrer eigenen Stimme mehr Kraft geben. Allein auf der Straße kann man nicht viel unternehmen, aber als Gemeinschaft schon.

1LIVE: Wie viel ist das denn wert, wenn jemand nicht mit seinem Namen und seinem Gesicht dazu steht?

Anonymous: Es hat zuletzt auch viele Prominente gegeben, die mit ihrem Namen und ihrem Gesicht Vertrauen missbraucht haben. Der Wahrheitsgehalt von Informationen hängt nicht davon ab, ob sie von einer rechtmäßig gewählten Kanzlerin oder von einem drogenabhängigen Obdachlosen stammen. Und: Anonymität schützt auch die Person, die ihre freie Meinung äußert.

1LIVE: Das ist nötig? Deutschland hat eine der kritischsten und lebendigsten Presselandschaften der Welt. Kritik kann man hier äußern, ohne dafür geschützt werden zu müssen.

Anonymous: Die Freiheit ist bedroht. Wer heute Lötkolben und Grillanzünder kauft, macht sich ja schon verdächtig. Menschen werden ohne Grund durchsucht, es gibt gedankenlose Abhörmaßnahmen, staatliche Spähprogramme auf privaten Computern. Heute wird mehr kontrolliert als vor ein paar Jahren. Es gibt immer mehr Regeln und Gesetze, und man muss den Drang dazu etwas bremsen. Wer überwacht die Überwacher und die Medien? Zensur und Kontrolle wachsen, und in Fersehen und Radio wird oft nur noch die Hälfte der Informationen veröffentlicht, und die meistens noch verdreht.

"Keine Hacks, sondern digitale Sitzblockaden"

Der englische Verschwörer Guy Fawkes, Rechte: Mary Evans Picture LibraryBild vergrößern

1LIVE: Ihr wollt Politik machen, die Welt verbessern, die Freiheit schützen. Warum versucht ihr es nicht erst einmal diplomatisch, bevor ihr die Computer von Organisationen, Behörden oder Unternehmen angreift?

Anonymous: Eigentlich führen wir sehr viele Gespräche. Nur wissen die meisten nicht, wann sie ein Mitglied von Anonymous vor sich haben. Dass wir direkt angreifen, stimmt auch nicht. Als wir WikiLeaks unterstützt haben, haben wir zur gleichen Zeit überall auf der Welt Flyer verteilt. Unsere Hamburger Zelle arbeitet gegen Scientology, steht jeden Tag auf der Straße, demonstriert und klärt Passanten auf. Davon habe ich in den Medien nichts gehört.

1LIVE: Diplomatie gehört aber an den Runden Tisch. Da findet ein Gespräch mit Offiziellen statt.

Anonymous: Wir haben als Schwarm aber keine Repräsentanten, die sich an irgendeinen Runden Tisch setzen könnten. Wir arbeiten mit Demonstrationen, Flyern und Aufklärung. Wie sinnvoll wäre es denn außerdem, sich mit Leuten zu treffen, die für das Volk sprechen sollten, aber das Gegenteil tun? Viele Politiker verfolgen eigene Ziele oder die der Partei, aber nicht die des Volkes. Ich weiß auch nicht, ob ich mich zum Beispiel mit jemandem an einen Tisch setzen will, der mit der Atomenergie sein Geld verdient - mit von Gier zerfressenen Menschen. Ich weiß nicht, ob das etwas bringen würde.

1LIVE: Aus juristischer Sicht begeht ihr in vielen Fällen direkt Straftaten. Angriffe wie die auf PayPal oder MasterCard sind kriminelle Akte, die euren Kritikern Recht geben.

Anonymous: Die Angriffe auf Visa, PayPal oder MasterCard waren keine Hacks, es waren DDoS-Attacken - wir haben die Server dieser Firmen mit einem Haufen sinnloser Anfragen geflutet und damit unerreichbar gemacht. Das richtet keinen Schaden an und ist nichts anderes als eine Sitzblockade. Wenn Umweltaktivisten den Castor-Transport blockieren, setzen sie sich auch auf Gleise und sorgen dafür, dass die Castoren ihr Ziel nicht mehr erreichen können. DDoS-Attacken gelten in Deutschland aber als Computersabotage. Gerade im Netz beweisen viele Politiker immer wieder Unkenntnis, und das schlägt sich in weltfremden Gesetzen nieder. Sicherlich bietet das Ignorieren oder Über-Gesetze-Hinwegsetzen Angriffsfläche für Kritiker. Für uns ist es aber moralisches Handeln. Und: Jedes Anonymous-Mitglied kann frei entscheiden, ob es sich an solchen Attacken beteiligen will.

Freiheit ist auch ein Problem

Anonymous-Aktivist, Rechte: dpaBild vergrößern

"Politicians: We're watching you"

1LIVE: Wie organisiert sich eine Gruppe, deren Mitglieder sich nicht kennen und die keinen Anführer hat?

Anonymous: Wir kennen uns natürlich nicht; es gibt keine Namen, keine festen Termine, alle Absprachen passieren im Chat im gesamten Kollektiv. Aber wir haben Pseudonyme, an den wir uns erkennen können. Wir erkennen also die Charaktere. Die Organisation funktioniert so: Jemand schlägt im Chat ein Thema vor, zum Beispiel dass er es ungerecht findet, wie Sony mit Kunden oder Hackern umgeht. Danach folgen Vorschläge, was zu tun ist, und wir einigen uns auf eine Aktion, ein Projekt, eine Operation. Es ist uns sehr wichtig, dass sich jeder eine eigene Meinung bildet, um dann zu entscheiden: Mache ich mit oder nicht? So kann jeder nach bestem Gewissen handeln.

1LIVE: Du nennst das Beispiel Sony - wer hat die Angriffe am Ende durchgeführt?

Anonymous: Es hat meines Wissens Angriffe von Anonymous gegen Sony gegeben, aber der Diebstahl der Kundendaten hat nichts mit uns zu tun; dazu hat sich Anonymous nicht bekannt. Informationsdiebstahl von Privatpersonen, um diese Daten später vielleicht noch zu verkaufen und Gewinn damit zu machen - darum geht es uns nicht.

1LIVE: Wie sichert ihr ab, dass Anonymous nicht unterwandert wird?

Anonymous: Wir stehen für Freiheit. Von uns aus kann sich jeder in unseren Chats rumtreiben, den ganzen Tag lang. Es gibt kein Netz, keine Gesellschaft, keinen Geist, der zu 100 Prozent sicher ist. Menschen können manipuliert und verärgert werden, sie können ihre Meinungen ändern. Dadurch ist es natürlich einfach, Anonymous zu infiltrieren. Es gibt im Kollektiv aber erstens ein grundsätzliches Misstrauen, wir bleiben auch untereinander anonym. Und zweitens: Wenn tatsächlich jemand das Kollektiv selbst aushebeln will, was auch schon passiert ist, ergibt das einen Selbstreinigungsprozess. Dann überarbeiten wir unsere Strukturen, und alles stellt sich neu auf.

Kampf gegen Atomenergie und Unterdrückung

Die Anonymous-Maske, Rechte: dpaBild vergrößern

Die Anonymous-Maske als Erkennungszeichung und Identitätsschutz stammt aus dem Film "V wie Vendetta".

1LIVE: Trotzdem sagst du selbst, dass es leicht ist, sich unter euch zu mischen. Wie sichert ihr ab, dass sich Anonymous nicht irgendwann in eine Richtung bewegt, die genau das ist, was die Kritiker bemängeln: kriminell?

Anonymous: Wir sind eine Gesellschaft, genau wie die deutsche oder jede andere. Wir haben alle Verstand, moralisches Empfinden, und niemand ist auf den Kopf gefallen. Wenn man einem erwachsenen Mann eine Pistole in die Hand drückt, heißt das noch ja auch nicht, dass er auf jemanden schießt. Die meisten werden die Waffe auf die Seite legen. So ist es bei Anonymous auch. Viele Aktionen von uns sind nach dem Gesetz illegal, aber sie sind moralisch und ethisch gerechtfertigt.

1LIVE: Wer entscheidet über diese Aktionen?

Anonymous: Das Kollektiv. Was passiert, hängt von den aktiven Mitgliedern ab. Wenn die gerade sehr politisch engagiert oder motiviert sind, kann es gut sein, dass wir versuchen, uns irgendwo in die Politik einzumischen. Wenn es verärgerte Nutzer einer PlayStation-Konsole sind, kann es auch sein, dass sich unsere Aktionen gegen Sony richten. Wir sind offen für alles, die Mitglieder können über den Chat Teil von Anonymous werden, wann sie möchten - und sich auch genauso schnell wieder verabschieden.

1LIVE: Welche weiteren Aktionen plant ihr zurzeit?

Anonymous: Es geht nach der Atomkatastrophe in Japan bei uns zurzeit vor allem um die "Operation GreenRights". Die wendet sich gegen Konzerne, die ihr Geld mit Atomkraft verdienen. Soweit ich weiß, unterstützt Anonymous Demonstrationen. Es gibt auch diverse DDoS-Attacken, die mit dieser Operation in Zusammenhang gebracht werden. Anonymous unterstützt die Proteste gegen die Regierung in Spanien und Aufständische in Ägypten, dem Iran oder Syrien. Einige Regierungen in den arabischen Ländern haben zuletzt das Netz abgeschaltet oder denken darüber nach. Wir halten da Kanäle offen, damit Informationen weiter nach außen dringen können.

Stand: 08.06.2011

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