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Magazin | Interviews
Von Annelen Geuking
Er war zwölf Jahre lang überzeugter Neonazi, hat eine nationalsozialistische Untergrundorganisation gegründet und Migranten zusammengeschlagen. Vor fünf Jahren ist er aus der Szene ausgestiegen. Heute sagt Manuel Bauer: "Ich bin Demokrat." Nach den schockierenden Erkenntnissen über die Anschlagsserie der rechtsradikalen Terror-Zelle aus Zwickau haben wir mit Manuel Bauer über rechten Terror, sein Leben in der rechten Szene und seinen Ausstieg gesprochen.
1LIVE: Herr Bauer, Sie sind in Sachsen aufgewachsen und sind dort schon 1990, mit elf Jahren, zum ersten Mal in Kontakt mit der rechten Szene gekommen. Wie wird man schon als so junger Mensch zum Rechtsradikalen?
Manuel Bauer: Sie müssen sich das so vorstellen: Nach der Wende war die soziale Sicherheit bei uns fast komplett weg. Es gab finanzielle Schwierigkeiten durch die Arbeitslosigkeit - Massenarbeitslosigkeit. Das alles hat die Bevölkerung in Ostdeutschland so demotiviert, dass der Alltagsrassismus immer lauter wurde. Die Parteien - die Republikaner, die DVU oder die NPD - haben entsprechend reagiert und angefangen, Parolen gegen das System zu verbreiten.
1LIVE: Und dann sind Leute auf Sie zugekommen...?
Manuel Bauer: Nein, es ist keiner auf uns zugekommen. Man hat die ganzen Übergriffe und Überfälle von rechtsradikalen Skinheads im Fernsehen verfolgt. Auf Plakaten, die in fast jedem Ort bei uns hingen, standen deren Parolen - ihre Slogans waren also bekannt. Und daraufhin hat man dann gesagt: Mensch, wir möchten auch so sein. Gleichzeitig haben die Parolen auch unsere Elterngeneration angesprochen. Dementsprechend konnten wir uns so entwickeln, ohne dass wir in irgendeiner Form Gegenwehr zu spüren bekommen haben.
1LIVE: Sie waren zwölf Jahre lang in der rechten Szene aktiv - und zwar auf schockierend radikale Weise. Sie haben Discos, Asylbewerberheime und Schwulenkneipen auseinander genommen, eine Dönerbude angezündet. Sie haben Migranten zusammen geschlagen. Woher kam dieser Hass?
Manuel Bauer: Dieser Hass kam hauptsächlich durch die Musik, denn in den Musiktexten der Rechten wird zu Hass, zu Übergriffen, teils auch zu Mord aufgerufen. Der Hass war im Grunde allgegenwärtig durch Zeitschriften, über Kameradschaftssitzungen, Konzerte oder Treffen mit anderen Verbündeten. Gewalt ist ein wichtiger Aspekt innerhalb der Bewegung. Das ist auch heute noch so: Es gehört zur Szene, menschenverachtend zu agieren. Gewalt erscheint da unabdingbar.
1LIVE: Die rechtsradikalen Terroristen aus Zwickau sind sogar soweit gegangen, Bomben zu legen und Menschen zu töten. Wären Sie dazu auch bereit gewesen?
Manuel Bauer: Ja, leider - Ja. Das wäre ich damals gewesen. Einfach aus dem Grund, weil wir zu der Zeit weltweit vernetzt waren. Für mich war sicher, dass ich nicht alleine dastehe, wenn ich irgendwelche Aktionen plane. Daher wäre ich leider auch bereit gewesen, Menschen zu töten. Zum Glück bin ich aber nicht so weit gegangen.
1LIVE: Bei den Taten der Rechtsradikalen aus Zwickau fragt man sich: Warum töten Terroristen im Geheimen - ohne Bekennerschreiben? Ohne damit auf die eigene Ideologie aufmerksam zu machen...
Manuel Bauer: Ja, das stimmt. Eigentlich rühmt man sich in der Szene mit seinen Taten, die oftmals auch als "Heldentaten" gelten. Aber es gibt eben eine Ausnahme: wenn Menschen ums Leben kommen oder wenn Bombenattentate geplant werden. Der Grund ist einfach die Geheimhaltung. Je mehr Mitwisser man hat, desto mehr unsichere Stellen gibt es. Dann könnten auch leichter staatliche Stellen, sprich Staatsschutz, Polizei und Verfassungsschutz, einschreiten und somit die ganze Aktion ins Wanken bringen. Von daher ist es für mich auch sehr verständlich, dass von dieser Aktion fast niemand wusste - wirklich nur Eingeschworene. Meine persönliche Meinung ist aber, dass in den nächsten Monaten und Jahren noch einige Namen auftauchen werden, die mit dieser Sache in Verbindung gebracht werden.
1LIVE: Manche Leute, die Ihnen bei den Erzählungen aus der Vergangenheit zuhören, können nicht ganz glauben, dass Sie heute tatsächlich gar nicht mehr hinter den damaligen Parolen stehen... Daher die Frage: Wie stehen Sie heute dazu?
Manuel Bauer: Ich arbeite heute in einer Firma mit sehr hohem internationalem Klima. Mir macht das Spaß, es ist für mich aufregend. Ich habe auch eine andere Essenskultur angenommen. Also ich fürchte mich nicht mehr vor dem Döner oder dem griechischen Essen. Also das ist ganz großer Irrsinn und Quatsch, das ist eine Diffamierung meiner Person, wenn man die Vermutung aufstellt, dass ich noch immer hinter diesen Parolen stehe. Also so ist es auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich setze mich sehr gezielt ein, ich wirke bei Integrationsprojekten mit, ich unterstütze auch soziale Projekte. (Anmerkung der Redaktion: Bauer engagiert sich seit 2003 in der Aussteigerinitiative Exit in Form von Präventions- und Aufklärungsarbeit.)
1LIVE: Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?
Manuel Bauer: Motor war meine damalige Verlobte, heutige Frau und natürlich auch die Aussteigerorganisation Exit. Ausschlaggebend war auch ein sehr prägendes Erlebnis während meiner Haftzeit. (Anmerkung der Redaktion: Bauer wurde 2001 u.a. wegen räuberischer Erpressung inhaftiert). Damals wurde ich von Kampfgenossen und Weggefährten sehr enttäuscht. Es kam zu einer Schlägerei. Ohne dass das irgendwie absehbar gewesen wäre, kamen mir zwei türkische Mithäftlinge zur Hilfe und haben mich dort rausgeholt. Das war einer der springenden Punkte. Auch der Kontakt zu Exit Deutschland hat mir sehr geholfen. Die Demokratisierung, die man mir dort angeboten hat, ging über Jahre, sodass ich heute aus vollster Überzeugung sagen kann: Ich bin Demokrat.
Stand: 18.11.2011
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