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Magazin | Interviews

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Die Gemeinwohl-Ökonomie

Von Heiko Behr

Bankenkrise, Eurokrise, EU-Krise. Es hört nicht auf. Vielleicht ist es Zeit, das große Ganze mal zu überdenken? Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsjournalisten Christian Felber, der ein neues Wirtschaftssystem entwickelt: die Gemeinwohl-Ökonomie. Aus der Reihe 1LIVE Vordenker, bei denen Menschen und ihre Ideen vorgestellt werden, die unsere Welt verändern könnten.

Christian Felber, Rechte: NewmanBild vergrößern

Christian Felber hat die Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt.

1LIVE: Herr Felber, Sie haben bei der Arbeit an einem Buch eine Alternative zum Kapitalismus entwickelt. Die Gemeinschafts-Ökonomie. So ganz nebenbei. Was ist da passiert?

Christian Felber: Vor mir lag irgendwann die Grobskizze einer alternativen Wirtschaftsordnung, das war eigentlich gar nicht geplant. Die habe ich dann in das Schlusskapitel eines Buches gepackt. Daraufhin haben sich fünfzehn Unternehmen an mich gewandt und gesagt: 'Das ist genau das, was ich als Bauchgefühl seit Jahren immer stärker in mir trage.' Von 2009 an haben wir dann in Österreich in gemeinsamer Arbeit die Gemeinwohl-Ökonomie geboren. Das Ganze ist dann in genau der Woche als Buch erschienen, in der eine Studie veröffentlicht wurde, derzufolge sich in Deutschland 88 Prozent der Menschen eine neue Wirtschaftsordnung wünschen.

1LIVE: Ihr Modell liegt ja zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Ist das quasi das Beste aus beiden Modellen?

Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie geht weit über die beiden Modelle hinaus. Sie versucht aus den Fehlern zu lernen. Beide sind ja in großer Unfreiheit geendet. Im Kern geht es bei der Gemeinwohl-Ökonomie darum: Die gleichen Werte und Verhaltensweisen, die unser zwischenmenschliches Verhalten gelingen lassen, sollen zu den Leitprinzipien des Wirtschaftens werden. Die Wirtschaft bleibt aber eine Marktwirtschaft, alles baut auf Privateigentum auf – und eben nicht wie im Kommunismus als Vergesellschaftung.

Bankenviertel, Rechte: dapdBild vergrößern

Bankenviertel in Frankfurt

1LIVE: Ihre Grundidee ersetzt ja Eigennutz durch Gemeinwohl. Also nicht mehr das eigene finanzielle Interesse, die eigene Firma, der eigene Laden zählt – sondern immer die gesamte Gesellschaft. Ist Gier nicht eine menschliche Grundeigenschaft? Immerhin geht es ja schon in den zehn Geboten darum...

Christian Felber: Gier ist eine Möglichkeit, aber keine Grundeigenschaft. Der Fehler ist, dass wir gieriges Verhalten belohnen im jetzigen Wirtschaftssystem. Und der Belohnungsanreiz für die Gier, aber auch für die Verantwortungs- und Rücksichtslosigkeit, besteht in den Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz. Heute agiert man auf dem Markt so erfolgreicher. In der Gemeinwohl-Ökonomie werden neue Spielregeln aufgestellt: Gemeinwohlstreben und Kooperation.

1LIVE: Ihre Idee baut generell auf Konsens, es geht im Grunde um Basisdemokratie. Konkurrenz wird ausgeschaltet. Ist das realistisch?

Christian Felber: Heute messen wir den Erfolg eines Unternehmens am Finanzgewinn. Aber der Finanzgewinn sagt uns nichts über das solidarische Verhalten eines Unternehmens aus. Er sagt uns nichts über eine gerechte Verteilung aus. Er sagt uns nichts darüber aus, ob die Umwelt geachtet wird, ob die Menschenwürde gewahrt wird, ob Frauen wie Männer bezahlt werden. Aber all das würden wir messen in der Gemeinwohl-Bilanz. Wir sind im Herbst 2010 an die Öffentlichkeit gegangen und haben gefragt: Würde sich hier irgendjemand noch engagieren wollen? Das Echo war überwältigend. Heute sind es 1.500 Personen, fast 500 Unternehmen in 13 Staaten, die Interesse hatten. 150 Unternehmen erstellen momentan diese Gemeinwohl-Bilanz und sammeln Erfahrungen, um sie zu verbessern, damit sie vielleicht in fünf Jahren ein Gesetz werden kann.

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Deuticke (Februar 2012)
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1LIVE: Was haben Sie gelernt aus den bisherigen Erfahrungen?

Christian Felber: Wir haben zum Beispiel mit 55 Gemeinwohl-Indikatoren begonnen, die messen, wie hoch die Qualität der Arbeitsplätze in einem Unternehmen ist. Mittlerweile sind wir auf 18 Indikatoren zusammengeschmolzen. Das war die Reaktion der ersten Unternehmen, die mitgemacht haben: Wir wollen uns nicht überfordern, es soll überschaubar bleiben. Nichts ist in Stein gemeißelt, es ist ein demokratischer Prozess. Und es geht noch weiter. Wir sammeln jetzt Erfahrungen, aber das Ziel ist es, in einem Wirtschaftskonvent einen Teil der Verfassung neu schreiben zu lassen. Die meisten Menschen glauben, es gibt nur die Alternative zwischen der freien Marktwirtschaft und der Planwirtschaft - und das ist der große Irrtum. Es gibt ganz viele Alternativen.

1LIVE: Was entgegnen Sie Zweiflern: Das ist doch unrealistisch, bei all den großen, anonymen Mächten – Banken, Regierungen, Lobbyisten. Wie ist Ihre Strategie?

Christian Felber: Die Riesenschrittstrategie wäre, dass ich mich mit einem Schildchen vor das Hauptquartier der Deutschen Bank stelle und sage: Ich fordere die Deutsche Bank auf, kleiner zu werden und auf das Gemeinwohl-Orientierung  umzuschwenken. Ich glaube, das führt nicht zum Ziel. Die Zwergenschrittstrategie wäre, im Unternehmen, in dem ich arbeite, den Vorschlag  zu machen, unsere Bilanz auszuprobieren. Oder regionale Unterstützungsgruppen zu gründen. Oder mit kleinen Veranstaltungen in der Nachbarschaft zu beginnen. Und Sie werden dann sehen, dass ganz, ganz viele Menschen darauf anspringen. Das Ziel ist: Irgendwann steht die Deutsche Bank vor der Alternative, entweder die Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen oder ihre Kunden zu verlieren.

1LIVE: Bis jetzt ist die Idee etwas im luftleeren Raum, gibt es Pläne, eine Partei zu gründen?

Christian Felber: Wir sind eine überparteiliche Initiative. Wir sprechen alle Wähler und Politiker an, sie können diese Ideen in die Parteien tragen. Vielleicht wird die Finanz- und Wirtschaftskrise so schmerzhaft, dass dann alle Parteien sehnlichst nach einer alternativen Wirtschaftsordnung zu suchen beginnen. Vielleicht ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein wichtiger Impuls bei dieser gemeinsamen Suche.

Besucht Christian Felber im Web

Stand: 05.01.2012

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