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Magazin | Interviews

Kämpfer oder Weichei?

Marcus Urban über schwule Fußballer

Von Simon Beeck und Tobi Schlegl

Noch nie hat sich ein aktiver deutscher Fußballprofi geoutet. Statistisch gesehen müsste aber in jeder Mannschaft der Fußball-Bundesliga mindestens ein schwuler Fußballer dabei sein. Marcus Urban hat seine Profikarriere beendet, bevor er sie richtig beginnen konnte – weil er schwul ist.

Marcus Urban, Rechte: picture-alliance/dpaBild vergrößern

Marcus Urban war kurz vor der Profikarriere im bezahlten Fußball - und hat dann den Rückzieher gemacht.

Homosexualität im Fußball ist ein Tabuthema. In allen großen Ligen in Europa - Spanien, England, Italien oder Deutschland - spielen offiziell keine schwulen Fußballprofis. Wer noch auf eine große Karriere schielt, outet sich nicht.

Marcus Urban ist der einzige deutsche Fußballprofi, der zumindest nach seiner Karriere offen gesagt hat, dass er schwul ist. Urban war kurz davor, in den bezahlten Fußball zu gehen, aber das Versteckspiel bedeutete für ihn einen zu hohen Druck. Also ist er ausgestiegen - und hat 2008 in seiner Biografie "Versteckspieler" über seine Zeit als schwuler Fußballer geschrieben.

1LIVE: Marcus, kennst du schwule Bundesliga-Profis?

Marcus Urban: Ja.

1LIVE: Wie können die das so lange geheim halten?

Marcus Urban: Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Es ist Disziplin in ihrer kühnsten Form. Man versucht, sich darauf einzustellen, Gesten einzuüben, die aussehen, als sei man hetero, organisiert sich Freundinnen, verheiratet sich. Man macht das Leben so, dass die Leute denken, man sei hetero - und das rund um die Uhr.

1LIVE: Das ist ein unglaublich anstrengendes Versteckspiel. Warum tut man sich das an?

Marcus Urban: Ich habe das getan, weil ich den Fußball liebe, weil ich ehrgeizig war und weiterkommen wollte. Ich wollte dafür alles tun und opfern - bis zu dem Fakt, dass ich meine Persönlichkeit an den Nagel gehängt habe. So geht es auch vielen anderen Fußballern.

1LIVE: Was wäre passiert, wenn du dich geoutet hättest? Wovor hattest du Angst?

Marcus Urban: Ich hatte Angst vor Ausgrenzung, vor körperlichen Attacken, nicht mehr dazu zu gehören. Ich wollte nicht zurück in meine kleine Stadt, aus der ich kam, in meine kleine Welt. Ich wollte raus. Ich hatte Angst vor meinem Trainer, vor meinen Mitspielern und vor allem vor mir selbst. Ich wollte nach vorn, im Fußball ganz weit kommen, und meine Homosexualität stand mir dabei im Weg, weil ich dachte: Wenn ich schwul bin, bin ich schwach und stehe vor den Anderen dusselig da.

Schwule Fußballer, Rechte: picture-alliance/dpaBild vergrößern

"Fußball ist alles - auch schwul!" - Aktion beim Christopher Street Day in Hamburg

1LIVE: Der Bremer Torwart Tim Wiese ist in der vorletzten Saison im pinken Trikot aufgelaufen und deshalb aufs Wildeste beschimpft worden. Warum ist Schwulsein so ein Problem? Wie groß war deine Angst vor den Fans?

Marcus Urban: Die finden das unmännlich. Schwule werden ja nur in Kontexten wie dem Christopher Street Day oder Shows anderen künstlerischen Bereichen gesehen, wo sie bunt und farbig auftreten. Aber man kennt sie nicht als Gefängniswärter oder als Soldat oder eben als Fußballer. Will ein Fußballer ein Kämpfer sein oder ein Weichei? Natürlich ein Kämpfer - also hetero.

1LIVE: Du sagst, viele schwule Fußballer heiraten, damit niemand etwas bemerkt. Ahnen deren Alibifrauen nichts?

Marcus Urban: Das müsst ihr die Frauen fragen. Entweder machen sie das Spiel mit oder die Wahrheit wäre schockierend.

1LIVE: Also muss der Schein um jeden Preis gewahrt werden?

Marcus Urban: Um jeden Preis.

1LIVE: Der Kapitän der Nationalmannschaft Philipp Lahm hat schwulen Fußballspielern gerade noch einmal davon abgeraten, sich zu outen. Er sagt, die Gesellschaft sei noch nicht soweit. Stimmst du ihm da zu?

Marcus Urban: Dem widerspreche ich. Man sollte sich outen. Mir hat es gut getan, ich war glücklich. Ich habe sogar einem Spieler gesagt, dass ich schwul bin. Der fand es super, hat mir von allen in der ganzen Mannschaft am meisten vertraut. Ich kann nur dazu raten, denn die Energie, die man bei diesem Versteckspiel verliert, ist immens. Man sollte auch nicht vernachlässigen, wie es danach aussieht. Wenn ich mich jahrelang verbiege und verstelle, hat das auch Auswirkungen auf meine Psyche.

Fußballfans gegen Homophobie, Rechte: picture-alliance/dpaBild vergrößern

Das Banner mit der Aufschrift "Fußballfans gegen Homophobie" ist immer wieder in deutschen Stadien zu sehen.

1LIVE: Wenn du sagst, die Gesellschaft sei bereit, warum hat sich dann noch kein einziger aktiver Spieler geoutet?

Marcus Urban: Philipp Lahm sagt es doch: Er denkt, die Gesellschaft sei noch nicht soweit, also sollen sich schwule Fußballer auch nicht outen.

1LIVE: Aber müsste nicht einfach einer anfangen? Wenn eine ganze Masse sagt: "Ich auch!" "Ich auch!" "Ich im Übrigen auch!" - wäre der Bann dann nicht gebrochen?

Marcus Urban: Ja, alles beginnt im Kleinen. Oder noch viel besser: Wir schaffen ein Klima, in dem so eine tolerante Atmosphäre herrscht, in dem es gar keine Frage ist, ob man schwul, hetero oder bi ist.

1LIVE: Es muss ja auch kein Spieler auf Philipp Lahm hören.

Marcus Urban: Absolut nicht. Ich würde eher auf Spieler wie Mario Gomez hören, die sagen: Outet euch doch!

1LIVE: Was hast du für ein Gefühl? Wann wird sich der erste endlich outen?

Marcus Urban: Das kann morgen oder in fünf Jahren sein. Vielleicht ist ein Spieler gerade der jungen Generation, die auch mit anderen, neuen Werten groß wird, so gefestigt und so drauf, dass er sich morgen outet. Da werden wir dann viel Spaß haben.

Stand: 17.01.2012

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