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Magazin | Kolumne
Buchmesse in Frankfurt: neue Möglichkeiten für Schriftsteller und Verlage aber dieselben Fehler wie in der Musikindustrie. Hans Nieswandt nimmt heute in seiner wöchentlichen Kolumne statt Papier und Feder die Tastatur in die Hand und schreibt seine Form von digitalem Aufbruch im Büchermarkt nieder. Eine Kolumne zwischen E-Books, illegalen Downloads, Riots, die lieber Jeans statt Bücher stehlen und E-Publising.
Wie man hört, wird die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr ganz und gar vom Wachstums-Thema E-Book beherrscht. Laut pfeifend im immer noch riesigen Wald aus gutem, altem Papier wird dieses Medium dort von der Buchbranche als Riesenchance gepriesen, obwohl sich in Wahrheit vor der Zukunft alle tierisch gruseln. Denn die sieht im Großen und Ganzen aus wie die jüngste Vergangenheit der Musikindustrie - bald wird es nie mehr so sein wir früher. Die goldene Gutenberg-Ära neigt sich ihrem Ende entgegen, mehr in Richtung bronze.
Dass es dem Buch ergehen wird wie zuvor der Musik, daran wird überall emsig gearbeitet. Große Konzerne puschen Lesegeräte in den Markt, kleine Krauter wittern ihre Chance und eröffnen Accounts auf den Cayman Islands und Belize, um von dort aus die neue digitale Leseratte mit Gratislektüre und Sexwerbung zu versorgen. Bald werden Millionen von Teenagern Terabytes an illegal kopierter Belletristik verschlingen, die ganzen Klassiker, Shakespeare, Goethe, aber auch anspruchsvolle, aktuelle Themen: Houellebecq, Zaimoglu, Mittermaier.
Mit dieser eigentlich äußerst wünschenswerten Vorstellung ist allerdings kaum zu rechnen. Bei den Riots in England in diesem Sommer blieben bemerkenswerterweise die Buchläden ganz normal geöffnet. Die Besitzer spekulierten zu Recht darauf, nicht geplündert zu werden. Die Plünderer wollten keine Paperbacks, sondern Premium-Jeans. Könnte man Markenklamotten auf ähnliche Weise kopieren wie Musik, so dass man sie komplett gratis und so viel man will bekommen könnte - die Modebranche würde innerhalb eines Jahres aussterben.
Vielleicht wird es also für die Bücher nicht ganz so derbe kommen. Man hat ja auch Erfahrungen gemacht. Kopierschutz ist nur uncool und bringt nichts. Das Literaturpublikum ist sowieso älter und solventer und auch zunehmend daran gewöhnt, für kleines Geld Kultur im Netz zu saugen. Dass man beim irgendwie sparsam-schwäbisch klingenden Kindle und anderen Lesegeräten die Schriftgröße verändern kann, wird sich in einer zunehmend von kurzsichtigen Senioren dominierten Welt noch als Hauptattraktion und wichtiger Kaufgrund erweisen. Ebenso natürlich das geringe Gewicht – das ist für jede Bildungsreise ideal. Es leuchtet von innen, man braucht keine Lampe! Und der Preis für Literatur wird bald sinken, auf das Niveau von Apps. Bald wird es dafür irgendetwas geben, etwas mit einem "i" davor.
Und was machen dann die Schriftsteller? Ganz einfach: E-Publishing. Der Autor macht alles selbst und wird dadurch endlich befreit von all den Fesseln, die ihm die Verlage und der Buchmarkt seit Ewigkeiten anlegen. Stephen King macht es anscheinend auch schon. Keinem Lektoren muss sich der moderne E-Publisher beugen, keine Zugeständnisse mehr machen an angebliche Konsumentenbedürfnisse und vor allem mit niemand mehr teilen. Er vertickt seine Werke einfach höchtspersönlich online. Außer zu schreiben kann er sich jetzt auch als unabhängiger Krämer betätigen und die Tantiemen selbst eintreiben, falls da welche anfallen sollten.
Wollen Autoren das? Ihr eigener Lektor, Verlagschef, Marketingleiter, Controller, Sekretär und nicht zuletzt unbezahlter Praktikant sein? Ich weiß nicht. Persönlich bin ich eigentlich ganz froh, dass jemand, der sich auskennt, meine Texte noch mal liest, bevor sie rausgehen. Künstler brauchen Komplizen, vertrauenswürdige Menschen, die ihnen sagen: Das kannst du besser. Oder auch: Das ist genial, das ist mir einen satten Vorschuß wert. Mit welchem komischen Gerät der Leser das durch diesen Vorschuß ermöglichte Meisterwerk dann anschließend liest, ist dem Autoren letztlich egal. Hauptsache: Er hat mal wieder überlebt.
Stand: 15.10.2011
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