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Magazin | Kolumne
Von Hans Nieswandt
Nicht alles, was technisch möglich ist, sollte im Animationsfilm auch umgesetzt werden, findet 1LIVE DJ und Kolumnist Hans Nieswandt. Er meint: Wenn animierte Figuren im Film zu menschlich wirken, floppt der Streifen. Ähnliches gilt für zu menschliche Sexpuppen.
In einer Episode der von mir sehr geschätzten US-Serie "30 Rock" möchte einer der Stars, Tracey Jordan, dass seine kleinen Söhne endlich einen Grund haben, um auf ihren Vater stolz zu sein. Deshalb beschließt er, seine beiden Hauptinteressen, nämlich Videospiele und Pornos, zu einem genialen Gesamtkunstwerk zu verschmelzen: einem realistischen 3-D-Porno-Videospiel. Als er seinem Serien-Kumpel Frank davon erzählt, einem erfahrenen Pornoliebhaber, warnt ihn dieser: "Viele haben es versucht. Doch es ist unmöglich. Wegen dem unheimlichen Tal." Dann zieht er ein inzwischen berühmt gewordenes Schaubild aus der Schublade, um seinem Freund das paradoxe Phänomen zu erklären: Kunstwesen gruseln uns, wenn sie zu gut sind. Jordan aber bleibt unberirrt: "Und doch werde ich es schaffen. Denn ich bin wie Mozart, ein Genie. Und du bist wie dieser Typ, der ihn immer am Arbeiten hindern wollte." "Salieri?" "Nein danke, ich habe schon gegessen."
Was aber hat es nun mit dem unheimlichen Tal auf sich? Wo liegt es? Wie kommt man dorthin? Wie komme ich überhaupt darauf? Weil ich gerade mal wieder voll hineingestolpert bin. Es passierte, als ich die Bilder vom neuen Steven-Spielberg-Film sah, seine "Tim und Struppi"-Verfilmung in 3-D. Dafür wurden bekanntlich echte Schauspieler per Motion Capture gefilmt und anschließend mit einer Art digitaler Haut überzogen. Posthumane Kreaturen wie diese sind es, die das unheimliche Tal bevölkern.
1LIVE Plan B mit Hans Nieswandt hört ihr jeden Mittwoch ab Mitternacht in 1LIVE. Auf 1live.de schreibt er einmal pro Woche seine Kolumne "Herr Nieswandt".
Dabei mögen wir Menschen eigentlich Kunstwesen. Wir lieben Roboter. Wir schreiben ihnen, ähnlich wie Tieren, menschliche Eigenschaften zu. R2D2 und C3PO sind niedlich. HAL 9000 aus "2001" ist nur eine rote Glühbirne mit einer angenehmen Stimme. Wir mögen auch Avatare und alle anderen Animationen. Aber wir mögen sie nur, solange sie nicht zu ernsthaft versuchen, menschlich werden. Dann werden sie uns plötzlich unheimlich. Dann projizieren wir keine sympathischen Charakterzüge mehr auf sie, dann sehen wir nur noch die Makel und Merkwürdigkeiten. Die kleinen, aber feinen Unterschiede bis zur Vollendung zum wirklich echten Menschen. Deswegen wirken ultrarealistische Avatare und Roboter auch ultramerkwürdig auf uns, wie sehr, sehr merkwüdige Menschen eben, zu denen wir instinktiv lieber auf Distanz bleiben. Kleine Kinder fangen an zu weinen, wenn ein allzumenschlicher Roboter sich über sie beugt.
Das unheimliche Tal habe ich mir natürlich nicht selbst ausgedacht, sondern der japanische Robotiker Masahiro Mori schon 1970 wissenschaftlich festgestellt. Von ihm stammt auch das berühmte Schaubild, das den Einbruch der Sympathiewerte illustriert, wenn ein künstlicher Charakter annährend menschenähnlich wird – zwischen diesem Punkt und dem echten Menschen liegt das unheimliche Tal und ein großes Problem für die Entwickler von Robotern und Animationen. Der Film "Polar Express" trägt z.B. allgemein nur den Spitznamen "Zombie Express", wegen der toten Augen der Figuren.
Sogar bei Sexpuppen gilt angeblich: lieber nicht zu realistisch, sonst denken die Leute, sie hätten Sex mit einer lebenden Leiche. Und was für das Animieren von Menschen gilt, gilt auch für unsere geliebten Comic-Figuren. Wenn auch auf etwas andere Weise: Weil sie in einer, besonders bei "Tim und Struppi", aufgeräumt-abstrakten, offensichtlich gezeichneten Welt leben, kommen wir gar nicht erst auf die Idee, sie mit echten Lebewesen zu verwechseln. Bei Spielberg aber bewegen sich Tim und Struppi wie Monster in einer realen Welt und machen sie damit zum unheimlichen Tal. Für Freunde von Zombiefilmen also sehr zu empfehlen!
Stand: 29.10.2011
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