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Magazin | Kolumne
Von Hans Nieswandt
"Sogenannte Fans", sagen Fußball-Reporter oft, wenn im Stadion ein Bengalo gezündet wird. 1LIVE-Kolumnist Hans Nieswandt weiß: Ultras sind gesprächsbereit - und laufen gerade dadurch Gefahr, dass der Fußball zur bourgeoisen Eventkultur verkommt.
Es sind Bilder, wie wir sie so in deutschen Fussballstadien nicht mehr sehen wollen sollen: faszinierende Wolkenformationen aus hell leuchtendem Qualm, die unter Tribünendächern wabern oder als dichte Schwaden gemächlich über den Rasen ziehen. In kühnem, ästhetischem Bogen durchs Stadion sausende, Rauchfahnen hinter sich herziehende Signalraketen wie bei "Apocalypse Now". Von so stylishen wie wetterfesten Kapuzenpulloverträgern anmutig geschwungene Leuchtfeuer, sogenannte Bengalos, die ihre Umgebung in ein fantastisches, magisches Licht tauchen oder in discoartigen Nebel hüllen. Doch stoisch wiederholt der Reporter: "Was diese 'sogenannten Fans' da machen, das wollen wir alle nicht mehr sehen."
Ich bin mir da ehrlich gesagt gar nicht so sicher, ob das wirklich stimmt. Ob es nicht durchaus ziemlich viele Zuschauer gibt, ob im Stadion oder vor dem Fernseher, die das viele Feuer tatsächlich stark in ihren Bann zieht. Besonders aus dem Komfort einer VIP-Lounge heraus, beim sprichwörtlichen Lachs und Champagner, stelle ich mir so ein Bengalo-Spetakel unheimlich kribbelig und von hohem Schauwert vor.
In Österreich, wo die Gesetzgebung bis vor kurzem noch etwas laxer gewesen zu sein scheint, bekennen sich auf der Seite "Pyrotechnik ist kein Verbrechen" sogar zahlreiche Spieler wacker zu der anregenden Wirkung der Bengalos: "A Spui ohne a Pyro is füa mi koa Spui", heißt es da zum Beispiel. Es sei herrlich beim Einmarsch.
Gerade eben hat aber der DFB wieder klargestellt, dass Pyrotechnik in Stadien bis auf weiteres definitiv verboten bleiben wird. Das hat für schlechte Stimmung bei den durchaus gesprächs- und kompromissbereiten Ultragruppen geführt. Diese hatten sich zu einer bundesweiten Initiative mit dem schönen Namen "Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren" zusammengerauft, mit der bemerkenswerten Forderung nach kontrollierten Pyro-Zonen, in denen dann unter fachkundiger Aufsicht auch weiterhin die von vielen Seiten bestätigte großartige Stimmungswirkung der Pyrotechnik erzeugt und erhalten bleiben könnte.
Auf der einen Seite zeigt das, dass es der Initiative wirklich um den farbenfrohen Effekt, das rauschhafte Leuchten zu gehen scheint, und nicht um das Recht auf "Gewalttaten" oder die dumpfe Freude am Verbotenen. Auf der anderen Seite erinnert so ein kontrolliertes Show-Abfackeln in gewisser Weise doch letzten Endes sehr an Veranstaltungen wie "Rhein in Flammen" oder olympische Eröffnungs- oder Abschlussfeiern. Feuerwerke in Stadien hat man ja nun auch in genehmigter, offizieller Form schon massenweise gesehen. Die Bengaloshow würde also zu einem Teil genau der bourgeoisen Eventkultur werden, gegen den sich die nach eigenen Angaben wahre, echte Fankultur eigentlich so vehement wehrt - zum Beispiel durch den Einsatz von Pyrotechnik. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass so ein vom TÜV abgesegneter Kompromiss Konsens in der Pyroszene ist.
Sollte es aber für die Pyrotechnik funktionieren, könnte eine ähnliche Regulierung vielleicht auch das Problem der wilden Hooliganscharmützel auf Feldern, Wiesen und Parkplätzen lösen. Anstatt diese dort dereguliert aufeinander losgehen zu lassen, könnten sie in festgelegten, kontrollierten Arealen ausgewählte Repräsentanten ihrer jeweiligen Gruppen gegeneinander antreten lassen. Sagen wir jeweils elf Mann, die zum Beispiel um einen Ball kämpfen könnten... Nee, also das klingt nun wirklich einfach zu unrealistisch.
Stand: 04.11.2011
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