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Magazin | Kolumne
Von Hans Nieswandt
So selten heutzutage ein Biologe ein bisher unbekanntes Tier entdeckt, so selten ein Ethnologe ein völlig neues Völkchen findet, so selten stolpert man als DJ heute noch über einen neuartigen Dance-Underground. Weil ich die letzten Wochen Sendepause hatte, nutzte ich die Zeit, um mich wie ein Ethnologe mal ein bisschen in anderen Biotopen herumzutreiben, neue Sounds zu hören, neue Styles zu checken, mal raus zu kommen aus meiner kleinen, stickigen Disko-Galaxie...
Die erste Entdeckung machte ich dann allerdings eher durch Zufall. Eigentlich wollte ich nur einen Freund besuchen, der bei den Kollegen von Funkhaus Europa arbeitet. Die machen regelmäßig ihre "Global Players"-Parties, da hört man mal was anderes, dachte ich, da geh ich doch mal hin. Was ich nicht ahnte: An diesem Abend war der bedeutendste, englische Vertreter des sogenannten "Elektro Swing" zu Gast, der englische DJ Chris Tofu. Ein lustiger Zausel mit Flohmarkt-Sakko, langen Locken und Ballonmütze, wegen dem mindestens 1.000 Leute gekommen waren, für die er Großalarm machte.
Das Publikum war ausgesucht unstylish. Keine Hipster, kaum Emos, und auch nur wenige in Outfits, die man als "swinging" bezeichnen könnte. "Erst-Semester aus Euskirchen" war meine erste Assoziation. Dafür rastete dieses Völkchen umso mehr zur Musik aus, die ich als einen teuflischen Cocktail aus House, Ska und Dixieland bezeichnen möchte und ihr damit natürlich ein bisschen unrecht tue. Jedenfalls marschierte die dicke Pauke wie bei House, der jecke Offbeat kam von Ska, und darüber dödelte je nachdem eine Klarinette, eine Zigeunerfidel oder ein Andrew-Sisters-Swing-Gesang. Wenn es ganz übermütig wurde, gab es vielleicht noch einen irgendwo gerippten Rap dazu, und schrille Mariachi-Bläser. Im Großen und Ganzen wirkte diese Musik zwar ungeheuer aufgekratzt, gleichzeitig aber niemals wirklich extrem. Es gab zum Beispiel gar keine Bass Drops wie bei Dubstep. Es war für mein Empfinden eindeutig zu viel Tweedle-dee-deet und zu wenig Wobwobwobwob.
Die Welt des Wobwobwobwob erkundete ich wenige Tage später. Es war das komplette Gegenteil: Bei "Ehrenfeld Calling" waren praktisch nur gepiercte Kappen-Styler anwesend, die Musik dubbte und steppte sich von Extrem zu Extrem und war vor allem neu, neu, neu, überhaupt nicht retro. Die Tanzfläche war voll, auch wenn ich das Geschehen dort nicht wirklich als Dance Action empfand. Es gab eher ein bedächtiges Hin-und-Herwiegen und In-den-Knien-Federn zu sehen, was zur narkotischen Wob-Wirkung der zahlreichen Bass Drops aber letztlich auch sehr gut passte. Ganz anders bei den Elektro Swingern: Hier tanzte man entweder eine Art hektischen 20er-Jahre-Rezessions-Charleston, mit beidhändigen Wischbewegungen und abwechselnden Wegknicken des linken und des rechten Unterschenkels. Oder man tobte halt einfach nur so wild herum, das galt vor allem für die männlichen Begleiter der tanzwütigen Damen.
Doch so krass entgegengesetzt diese beiden Styles auch wirken mögen, so sind sie doch letztlich näher verwandt und am Ende, also in etwa zwei Monaten, kompatibler als man jetzt noch denkt. Denn beide sind typische Produkte der modernen, globalen Mash-Up-Kultur, anarchische Do-it-yourself-Musiken, für die im Computer zusammengezwungen wird, was man eben zusammenzwingen will. So gesehen ist eine baldige Fusion von Dubstep mit Elektro Swing nicht absurd, sondern, genau, geradezu zwingend. Nur wie man dazu dann tanzen soll, das kann auch ich mir derzeit noch nicht vorstellen. Doch man wird es sehen.
Stand: 27.01.2012
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