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LITERATUR
Von Christian Möller
Wolf Haas lässt seinen Privatdetektiv Simon Brenner nach
sechs Jahren endlich wieder ermitteln. Comic-Zeichner Nicolas
Mahler versammelt "alles, was ich in meinen Schubladen finden
konnte" und bekommt ein Lesebändchen. Und New Yorks
Literatur-Hipster Keith
Gessen schreibt komisch und melancholisch über
"All die traurigen jungen Dichter".
Vor sechs Jahren war Schluss. Keine Brenner-Krimis mehr, verkündete der österreichische Autor Wolf Haas, der damals gerade erschienene sechste Fall solle sein letzter sein. Und das gerade zu einer Zeit, als sein missgelaunter, migränegeplagter Privatdetektiv Simon Brenner, gespielt von Josef Hader, begann, auf der Leinwand Karriere zu machen ("Komm, süßer Tod", "Silentium", "Der Knochenmann"). Und als auch die dem Krimi-Genre sonst abgeneigten seriöse Literaturkritik merkte, womit sie es da zu tun hatte: "So etwas", staunte die FAZ, "hat es in der deutschen Literatur überhaupt noch nicht gegeben." Wohl wahr. Und man möchte Straßenfeste feiern vor Glück, dass Haas sein Versprechen nun gebrochen hat. "Wenn etwas so erfolgreich ist, ist das zwar schön, aber es wird einem auch irgendwie weggenommen. Man fühlt sich beim Schreiben wie in der Schule, wenn einem der Lehrer über die Schulter guckt. Dann verkrampft man ein bisschen", erklärt der Autor im 1LIVE-Interview seinen damaligen Entschluss. "Da nun keiner mehr einen Brenner mehr von mir erwartet hat, hab ich ihn mir zurückerobert."
Brenner ist also wieder da. Er arbeitet als Chauffeur für den Bauunternehmer Kressdorf. Als ihm an der Tankstelle dessen kleine Tochter entführt wird, ist er seinen Job los. Und macht sich auf, den Fall zu lösen. Was das nun alles mit einer Abtreibungsklinik, einer Jauchegrube, Jimi Hendrix und dem lieben Gott zu tun hat, erfährt der Leser nur Stück für Stück. Was natürlich an der genialsten Erfindung des Autors Haas liegt: Dem namenlosen Erzähler, der gar nicht so heimlichen Hauptfigur der Brenner-Romane. "Jetzt pass auf, was ich dir sage", duzt er uns von der Seite an. Eine geschwätzige Ausgabe von Sherlock Holmes' Dr. Watson, einer der vom Hundertsten ins Tausendste kommt, Sätze ins Nichts laufen lässt und zielsicher am Punkt vorbei schwafelt. Es ist diese Figur, die dafür sorgt, dass man Haas' Krimis am liebsten pro Jahr einmal lesen möchte. Kurzum: Der Brenner ist wieder da. Und sein Erzähler würde sagen: Vergnügen Hilfsausdruck, ja was glaubst du!
Nicolas Mahler: "Längen und Kürzen. Das schriftstellerische Gesamtwerk", Band 1, Luftschacht, 127 S. mit Lesebändchen, 15,90 Euro
"Wenn ich nur einen Verlag finden könnte, der
hinreichend dickes Papier verwendet, dann ließen sich meine
bisherigen Zeilen schon binden! Das sind doch tolle
Neuigkeiten", schreibt M. Er möchte gern ein echter
Schriftsteller werden, mit Autorenfoto, Vorschuss,
Lesebändchen und allem. Leider hat er bisher kaum etwas
geschrieben. "Das ist alles? Kann man unmöglich
binden", sagt der Verleger. "Und mit Vorsatzblatt?"
- "Hab ich schon einberechnet." - "Mit dickem Papier
vielleicht?" Bringt alles nichts. Weshalb das Buch
schließlich den bezeichnenden Titel "Roman, Briefe,
Postkarten, Faxe und Gedichte" trägt.
Nicolas Mahler kennt man bisher überwiegend als Comic-Zeichner
– vor allem seine Figur "Flaschko – der Mann mit
der Heizdecke" ist legendär. Hier nun wird er zum
Schriftsteller - irgendwie. Man mag "Längen und
Kürzen" als Literaturbetriebssatire sehen. Oder als
Satire auf Literaturbetriebssatiren. Oder was. Auf jeden Fall
zeichnen ihn diese 127 Seiten mit ihrer Mischung aus Comics und
kurzen Texten wieder als Meister darin aus, absurde Komik durch
Schweigen, Warten und Weglassen zu erzeugen. Das ist höchst
brillanter Unfug. Und ein Lesebändchen gibt es auch!
"Wenn Sam in den
nächsten fünf Minuten keine Erektion zustandebekam, die
ausreichend gefestigt war, um bestehen zu bleiben, während er
seine Jeans lokalisierte und ein Kondom aus der echten vorderen
Tasche fischte – dann würden das vor Ablauf dieser Woche
zehntausend Leser wissen. Genau in diesem Moment sagte sie, und es
war, als besiegele sie seine Schmähung: "Entspann
dich." Aber wie soll das gehen, wenn die Frau, mit der man
gerade im Bett liegt, eine Sex-Kolumne im Internet schreibt? Dabei
hat Sam sogar echte
Probleme: Der "große zionistische Roman", für
den er längst einen Vorschuss kassiert hat, kommt nicht voran.
Und "sein Google"
sinkt dramatisch, sprich: die Trefferanzahl seines Namens.
In seinem Debütroman "All die traurigen jungen
Dichter" schreibt Keith
Gessen über Männer zwischen 20 und 30, gefangen in
der Schwebe zwischen Uni und wirklichem Leben, Doktorarbeit und
Internetpornos, hochfliegenden Ambitionen und Dating-Hölle.
Gessen weiß, wovon er
erzählt: In New York
City, wo er das angesagte und umstrittene Literaturmagazin
"n +1"
herausgibt, ist er selbst Teil der hippen Intellektuellenzirkel, um
die es hier geht. Ein bisschen highbrow ist das alles manchmal schon. Trotzdem
findet Gessen genau die
richtige Balance zwischen Melancholie und bösem Humor.
Stand: 10.09.2009
