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LITERATUR
Von Christian Möller
Er gilt als der Rockstar der zeitgenössischen Literatur.
Mit seinem zwölften Roman "Die Frauen" ist T.C.
Boyle gerade auf Deutschlandtour. Wir trafen Boyle unterwegs auf
der Zugfahrt von Frankfurt nach Köln. Ein Gespräch
über Flug- und Zugreisen, Lesungen als Performance, schreiben
als Rausch, Radiohead, E-Books, Abhängigkeit,
Bedürfnislosigkeit und rote Turnschuhe.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man ihn wirklich eher für einen alternden Rocker halten. In roten Chucks latscht Thomas Corraghessan Boyle - so der volle Name – über den Bahnsteig. Seine spindeldürren Beine stecken in schwarzen Jeans, darüber trägt er eine abgewetzte Lederjacke und einen schwarzroten Schal, die Augen unter dem roten Vogelnest auf seinem Kopf sind vorerst hinter einer Sonnenbrille verborgen. Als Boyle die schwarzen Handschuhe auszieht, um sich vorzustellen, kommt ein Totenkopfring zum Vorschein: "Hi, ich bin Tom", sagt er, wirft die schwarze Sporttasche mit seinen Klamotten von der Schulter und lässt sich auf eine der Bänke am Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs fallen. Neben ihm sitzt seine Tochter Carrie, die ihn auf seiner Reise begleitet und ebenfalls Schriftstellerin wird. Unser Zug hat 20 Minuten Verspätung. Tom blinzelt in die Sonne und setzt seine Brille wieder auf. "Wir können ja schon mal anfangen", schlägt er vor.
Zug statt Flug!
1LIVE: Stimmt es, dass Sie am liebsten mit dem Zug reisen?
T.C. Boyle: Absolut, ich hasse Flugzeuge. Das sind lärmende Todesfallen voll mit stinkenden Fremden. Man fühlt sich wie ein gequältes Tier, das nicht abhauen kann. Trotzdem fliege ich natürlich oft, aber Zug fahren ist viel besser. Kurz bevor ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich auf meiner Lesereise in den USA einen freien Abend. Ich bin über Nacht mit dem Zug von New York nach Chicago gefahren und hatte ein Schlafwagenabteil ganz für mich allein. Ich hab die Tür hinter mir zugeworfen, mir eine Cola-Rum gemixt und aus dem Fenster geguckt. Einfach toll.
1LIVE: Was machen Sie sonst auf Zugfahrten – lesen, Musik hören, an einem Buch arbeiten?
Boyle: Lesen. Auch im Flugzeug. Ich gucke mir da auch nicht die Filme an. Ich lese mein Buch und versuche, die Enge dieser winzigen Flugzeugsitze zu vergessen. Schreiben, das klappt bei mir unterwegs nicht. Darüber brauche ich gar nicht erst nachzudenken. Ich habe gerade mein nächstes Buch mit Kurzgeschichten beendet, und ich bin zu drei Vierteln mit meinem nächsten Roman fertig. Und ich bin gerade ein bisschen frustriert, weil ich es eigentlich in drei Monaten fertig kriegen könnte. Aber auf Tour geht das nicht.
Der Tagesablauf eines Autors
Unser Zug fährt ein. Tom wuchtet Carries Koffer und seine Sporttasche ins Gepäckfach. Die neonbunten Gepäckbändchen am Trageriemen sind kaum zu zählen. "Da sieht man, wie oft ich schon durch die Flugzeughölle gegangen bin", sagt er grinsend, als wir uns setzen.
1LIVE: Viele Musiker schreiben unterwegs an neuen Songs...
Boyle: Ja, das ist etwas Anderes. Die spielen jeden Abend, dabei können sie neues Material entwickeln und direkt ausprobieren. Ich bin mit meinem alten Material unterwegs. "Die Frauen" hatte ich im Juli 2007 fertig, jetzt, wo ich damit auf Tour bin, weiß ich schon gar nicht mehr, worum es da eigentlich geht (lacht).
Warnung für ihn selbst? Boyles zwölfter Roman "Die Frauen"
1LIVE: Wir sagen es Ihnen gern: "Die Frauen" handelt von einer historischen Figur – dem berühmten Architekten Frank Lloyd Wright. Wright war egomanisch, größenwahnsinnig, charismatisch und vermutlich genial. Was davon trifft auf Sie zu?
Boyle: Mir gefallen diese Begriffe alle ganz gut (lacht)! Aber im Ernst: Ich schreibe über Leute wie Wright, Alfred Kinsey oder Harvey Kellogg (der Sexualforscher Kinsey und der Cornflakes-Erfinder Kellogg waren die Hauptfiguren von Boyles Büchern "Dr. Sex" und "Willkommen in Wellville", Anm. d. Red.), weil sie so viele Anhänger haben. Aber ich glaube, sie interessieren sich nicht für andere Menschen. Sie sind Gurus, erschaffen großartige Werke oder haben tolle Projekte, trotzdem verhalten sie sich gegenüber den Menschen in ihrer Umgebung sehr verletzend. Deshalb schreibe ich über Frank Lloyd Wright aus der Perspektive seiner Frauen: Wie war es, mit so jemandem zusammenzuleben? Was mich angeht: Vielleicht schreibe ich diese Bücher auch als Warnung für mich selbst. Ich habe Fans auf der ganzen Welt, und viele davon sind wirklich fanatisch. Aber andererseits: Ich verlange von niemandem, dass er etwas für mich tut. Ich habe keine Partei, der die Leute beitreten sollen. Ich kommuniziere mit Menschen durch meine Kunst. Wenn ihnen das gefällt - okay. Wenn nicht - so what?
1LIVE: In einer Szene in "Die Frauen" nutzt Wright seine Prominenz aus, um ein Auto umsonst zu bekommen...
Boyle: Ja, und das ist eine wahre Geschichte. In den 1940er Jahren ging er zu einem Lincoln-Händler und sagte: "Ich will dieses Auto da, aber es muss umlackiert werden, in Cherokee-Rot, außerdem will ich es als Cabrio - und ich werde nicht dafür bezahlen." Er hat gekriegt, was er wollte. Weil der Hersteller damit werben konnte, dass der größte lebende Architekt seine Autos fährt.
1LIVE: Sie sind auch berühmt, so wie Wright zu seiner Zeit. Sind Sie jemals in Versuchung gekommen, das für sich auszunutzen?
Boyle: Nein. Ich habe schon solche Angebote bekommen, aber ich lehne immer ab. Es gibt einfach nichts, was ich so dringend haben will, dass ich bestechlich wäre. Ich will gar nichts. Ich will nur meine Arbeit machen. Als ich als Student an meinem ersten Roman "Wassermusik" gearbeitet habe, klingelte eines Tages das Telefon. Es war unser lokaler Rocksender, ich war live in der Sendung. Und sie sagten: "Herzlichen Glückwunsch, wir haben dich zufällig ausgewählt, du hast eine Reise nach Hawaii gewonnen, wenn du bereit bist, eine Frage zu beantworten. Bist du interessiert?" Ich habe "Nein" gesagt und aufgelegt (lacht). Bei so was bin ich echt ein harter Knochen. Weil ich nichts brauche.
Keine Lust auf Hawai
1LIVE: Das klingt sehr bestimmt. Sind Sie sich deshalb so sicher, weil sie das Gefühl, etwas dringend zu brauchen, allzu gut kennen? Sie haben früher Heroin genommen...
Boyle: Ich war nicht abhängig, aber ich
wäre es garantiert geworden. Und dann hätte mir zum
Schreiben die Kraft gefehlt. Das wollte ich unbedingt verhindern.
Ich habe eine Sucht gegen die andere getauscht. Als Schriftsteller
erschafft man etwas aus dem Chaos, aus dem Nichts. Und zu sehen,
wie es langsam Form annimmt - das ist ein Thrill, genauso wie ein
Drogenrausch. Und wenn man das einmal hatte, will man es sofort
wieder haben. Man kann nicht mehr darauf verzichten. Aber solange
ich das kann, habe ich keine anderen Bedürfnisse. Ich brauche
keinen Luxus.
Erkennungszeichen: rote Chucks
1LIVE: Außer roten BMWs. Davon stehen angeblich vier Stück in ihrer Garage…
Boyle: Okay, stimmt, aber die habe ich selbst bezahlt. Um genau zu sein: Frau Boyle hat sie gekauft. Sie ist meine Chef-Einkäuferin. Ich habe keine Lust, irgendwelche Verhandlungen über Preise zu führen. Frau Boyle kauft alles, was ich brauche.
1LIVE: Auch Ihr Markenzeichen – die roten Chucks?
Boyle: Klar. Alle sechs Monate sind die ausgelatscht, dann besorgt sie mir neue.
1LIVE: Hat es einen besonderen Grund, dass Sie nur diese Schuhe tragen?
Boyle: Ich finde einfach, Schuhe sollten rot sein. Autos auch. So ist das eben.
1LIVE: Hat Frau Boyle auch ihren schwarz-roten Schal gestrickt?
Boyle: Ja. Sie hat nur zwei Jahre dafür gebraucht (lacht).
1LIVE: Sie haben das Image des Rockstars der Literatur. Und ihr Kleidungsstil hebt sie von den meisten anderen Autoren ab. Ernten Sie in Literatenzirkeln manchmal böse Blicke dafür?
Boyle: Kann schon sein. Vor allem, weil ich jetzt alt werde und immer noch so rumlaufe. Aber ich kenne nichts Anderes. Ich habe niemals einen Business-Anzug besessen. Ich mag einfach diese Rock'n'Roll-Klamotten, ich habe ja früher auch mal in einer Band gespielt. Und als ich zum ersten Mal breitere Aufmerksamkeit bekam – für meinen fünften Roman "World's End" – und auf Lesereise gehen musste, wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Also nahm ich mir als Vorbild die ganzen alten Rock'n'Roller, die ich mochte.
1LIVE: Hören Sie aktuelle Rockmusik?
Boyle: Ja, zum Beispiel liebe ich das letzte Radiohead-Album ("In Rainbows", Anm: d. Red.). Das ist das beste Album, das sie gemacht haben. Und vor allem: Es ist ein echtes Album. Das ist ja ein Konzept, das durch das Internet langsam verlorengeht.
Lesung als Performance
1LIVE: Was halten Sie vom E-Book?
Boylle: Das ist eine praktische Art, Gedrucktes mit sich rumzutragen. Das ist okay. Aber ich selbst fühle mich mit richtigen Büchern wohler. Ich mag, wie sie sich anfühlen, ich mag das Coverdesign. Auch da komme ich vom Rock'n'Roll, vom Album: Ein gut designtes Cover ist ein eigenständiges Kunstwerk. Ich glaube nicht, dass ich jemals mit einem E-Book-Reader Bücher lesen werde.
1LIVE: Sie haben mal
gesagt: "Ein Buch ist wie ein Rockkonzert: Du musst die Leute
zum Tanzen kriegen oder sie bewerfen dich mit Bierdosen." Hat
auf einer Ihrer Lesungen schon mal jemand eine Dose
geworfen?
Boyle: Nein, nur tote Katzen (lacht). Ich
habe diesen Satz vor Jahren gesagt, um deutlich zu machen: Wenn ich
als Autor auf die Bühne gehe, will ich nicht, dass man das
"Lesung" nennt. Es soll auf keinen Fall akademisch sein.
Ich will, dass die Leute das anmacht, so wie ein Konzert sie
anmacht. Ich gebe eine Performance, und die soll Spaß machen.
Das setzt die Bücher nicht herab. Meine Bücher sind sehr
ernst, ich finde, sie sind anspruchsvolle Literatur. Aber wenn
jemand zu einem Auftritt von mir kommt, will ich, dass es lustig
wird und die Leute umhaut.
1LIVE: Lesungen sind die eine Seite ihres Berufs. Die andere, wichtigere, ist das Schreiben selbst. Wie sieht ihr Tagesablauf aus?
Boyle: Ziemlich geregelt, das ist wichtig für mich. Ich habe eine ganz normale Fünf-Tage-Woche. Ich stehe gegen sieben Uhr auf. Oft muss ich dann erst mal meiner Frau hinterherräumen (lacht). Dann lese ich Zeitung, checke E-Mails. So gegen zehn setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe für drei bis vier Stunden. Um drei Uhr nachmittags bin ich mit der Arbeit fertig und verschwende bis zum nächsten Tag keinen Gedanken mehr daran. Meistens gehe ich dann raus und mache irgendetwas Körperliches. Gehe an den Strand, fahre mit meinem Kajak aufs Meer raus, mache Gartenarbeit oder hacke Holz für den Kamin.
Wer sollte die Hauptrolle spielen?
1LIVE: Einige Bücher wurden verfilmt. Wenn das mal mit Ihrem Leben passiert - wer sollte die Hauptrolle spielen?
Boyle: Ich weiß nicht, aber er müsste unglaublich dynamisch und gutaussehend sein, oder? (lacht) Ich hoffe nicht, dass es jemals Biografien oder Filme über mich gibt. Ich führe kein spannendes Leben, weil ich mich ganz meiner Arbeit widme. Die ganzen aufregenden Dinge sind alle passiert, als ich ein wilder, junger Mann war. Da hab ich ständig Streit gesucht und bin mit dem Kopf gegen die Wand gerannt. Aber das wäre ein sehr kurzer Film.
Wir sind in Köln angekommen. T.C. Boyle setzt die Sonnenbrille wieder auf, schwingt die Sporttasche über die Schulter und hält beim Verabschieden noch eine kleine Entschuldigung für angebracht: "Sorry, dass ich so wenig Witze gemacht habe." Gut zu unterhalten ist ihm eben wichtig.
Stand: 22.03.2009
