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LITERATUR
Von Christian Möller
In Paris lässt der kongolesische Autor Alain Mabanckou den Helden von "Black-Bazar" Frauen nach ihren "B-Seiten" beurteilen. Nach Italien schickt der schweizer HipHop-MC Andri Perl den Helden von "Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel". Und in den USA hat der Journalist Jon Ronson "Männer, die auf Ziegen starren" nachgespürt. Die erste, einzige und ultimative Leseregel lautet wie jede Woche: Folge den Empfehlungen des Plan-B-Kritikers!
"Arschologe" wird der Held dieses Romans von seinen Kumpels genannt. Und das ist kein rheinischer Aussprachefehler. "Arschologie" ist die Kunst, den Charakter von Frauen anhand der Beobachtung ihrer "B-Seite" (knick, knack) vorauszusagen - laut Autor Alain Mabanckou ein beliebter Volkssport in seiner Heimat, der Republik Kongo. Aus ihr stammt auch der "Arschologe", der schon seit Jahren in Paris lebt, ein Dandy mit einer Vorliebe für teure Designeranzüge. In seiner letzten Freundin hatte er zwar "das Hinterteil meiner Träume gefunden", aber daneben gelegen. Gerade ist sie ihm mit einem Drummer davongelaufen, den er konsequenterweise nur "den Bastard" nennt.
Alain Mabanckou: Black Bazar
übers. v. Andreas Münzner
Liebeskind Verlag, ca. 270 S., 19,80 Euro
Nun sitzt der Verlassene im "Jip's", einer Bar, in der sich die Black Community von Paris trifft, und beschließt, Schriftsteller zu werden, um sich seine Wut von der Seele zu schreiben. "Black Bazar" ist ein Roman über ernste Angelegenheiten. Es geht um Rassismus, Kolonialismus, Immigration, den Umgang mit Vorurteilen und die Sehnsucht nach der Heimat. Es hätte ein todtrauriges Buch werden können, doch bei Mabanckou kommt es wunderbar leichtfüßig daher. Wenn "Roger-der-Franko-Ivorer-der-alle-Bücher-der-Welt-gelesen- hat", "Vladimir-der-Kameruner-mit-den-längsten-Zigarren-von-ganz-Frankreich" und die anderen Saufkumpane des "Arschologen" schwadronieren, dreht sich alles um das Thema "Schwarzsein" - und kein Klischee wird ausgelassen. Ein fulminanter Roman: schnell, schlau, poetisch und oft zum Brüllen komisch.
Kein Handy benutzen. Jeden Tag vor neun Uhr aufstehen. An der Unterkunft sparen, aber nicht am Essen. Und jeden Tag mit einer schönen Frau sprechen. Das sind die ersten vier Reiseregeln, die sich der 27-jährige Christoph auferlegt. Die "fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel" im gleichnamigen Roman von Andri Perl lautet: "Folge den Gedichten". Die hat Christophs Großonkel Lorenz vor fast sechzig Jahren geschrieben, als er von einem Tag auf den anderen aus der Schweiz verschwand. Warum er floh, davon hat Christophs Großmutter ihm nichts erzählt. Doch sie hat ihm die Gedichte gezeigt, die Lorenz ihr aus jeder Stadt, in der er Halt machte, aus Italien und Frankreich geschickt hat.
Andri Perl: Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel
Salis Verlag, ca. 220 S., 19,90 Euro
Auch Christoph ist auf der Flucht aus seiner Heimtstadt Chur. Vor einer unglücklichen Liebesgeschichte, vor der Orientierungslosigkeit nach dem gerade abgeschlossenen Geschichtsstudium. Aber weil es besser ist, jemandem zu folgen, als vor etwas wegzulaufen, reist er dem Großonkel im WM-Sommer 2006 hinterher, schließt Bekanntschaften mit dem kroatisch-stämmigen Playboy Savo, zwei attraktiven deutschen Kunstsudentinnen – und schließlich dem alten Professore Biancardi, Lorenz’ einstigem Reisegefährten.
Christoph will das Rätsel um den verschollenen Onkel lösen. Doch wie in jedem guten Reiseroman wird seine "grand tour" immer mehr einer Reise zu sich selbst. Der schweizer HipHop-MC Andri Perl legt mit "Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel" ein außerordentlicheses Debut hin, dessen charmant auf altmodisch getrimmter Stil mit Rap außer der Lust am spielerischen Umgang mit Sprache wenig zu tun hat: elegant, gewitzt und gewandt.
"Dies ist eine wahre Geschichte." Lautet der allererste Satz dieses Buchs. Ein Hinweis, der auch dringend nötig ist. Worüber der britische Journalist Jon Ronson in "Männer, die auf Ziegen starren" (inzwischen von Hollywood in Starbesetzung verfilmt) berichtet, ist so absurd, dass man es kaum glauben kann. Seit Ende der 60er Jahre machten sich parapsychologische Ideen im US-Militärgeheimdienst breit. Soldaten, die sich selbst als "Jedi-Mönche" sahen, wollten einen "sanften, gütigen Weg" der Kriegführung einführen. Ihre futuristischen Kampfmonturen sollten mit Lautsprechern ausgestattet sein, um mit Acid-Rock-Beschallung Feinde zum Aufgeben zu bringen. Ihre Geisteskräfte sollten so trainiert sein, dass sie durch Wände gehen und durch tagelanges Anstarren Ziegen töten könnte. Im Ausbildungslager existierte deshalb ein "Ziegenlabor". Die dort beschäftigte Sondereinheit war so streng geheim, dass sie noch nicht einmal eine offizielle Kaffeekasse haben durfte.
Jon Ronson: Männer, die auf Ziegen starren
übers. v. Martin Jaeggi
Heyne Taschenbuch Verlag, ca. 270 S., 7,95 Euro
Nein, kein Witz. Jon Ronson hat – ursprünglich für eine BBC-Doku mit dem passenden Titel "Crazy Rulers Of The World" - Leute getroffen, die an diesen und ähnlichen Projekten beteiligt waren. Wohlgemerkt: Keine Mitglieder einer Weirdo-Sekte, sondern teilweise hochrangige Militär- und Geheimdienstleute. Einen nach dem anderen stellt er uns vor, und es wird von Seite zu Seite grotesker. Und düsterer. Die Ideen der Hippie-Soldaten wurden im "Krieg gegen den Terror" reaktiviert. Und mutierten dabei in eine Richtung, die nicht mehr so "sanft und gütig" scheint. Auch wenn die Folter von Kriegsgefangenen in Abu Ghraib ausgrechnet durch eine Endlosschleife des Titelsongs der Kinderserie "Barney & Friends" erstmal zum Lachen reizt. Ein haarsträubendes, witziges, unbedingt lesenswertes Buch.
Stand: 07.02.2010
