Skiplinks / Sprungmarken
LITERATUR
Von Jan Drees
Die Camorra bedroht Neapel. Ein Liebespaar hat viel zu viel Sex.
37 Studenten bilden eine Tippgemeinschaft - die Bücher der
Woche in 1LIVE.
In Neapel weigert sich ein Mädchen am Hochzeitstag, den ihr zugeschanzten Berufsverbrecher zu ehelichen und inszeniert mit ihrer Mutter ein spontanes Theaterstück, das dem Gatten in spe auf immer die Lust an ihr verwehren sollte. Ein Mann arbeitet als Pizzabäcker in einer anderen Stadt, er will mit dem Camorra-Sumpf daheim nichts zu schaffen haben, und er opfert seine Beziehung für seine Ruhe. Ein Vater greift selbst auf dem Rummelplatz zur Pistole, weil er glaubt, seinen Sohn vor zwei 12-Jährigen beschützen zu müssen. Zwei Freunde kurven durch die Stadt, der eine hat gerade seinen Einsatz im Afghanistan-Krieg überlebt, nur um dann ausgerechnet in Neapel einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Das ist der Inhalt von drei der zehn Geschichten des hierzulande noch völlig unbekannten Andrej Longo.
Sein mehrfach prämierter Geschichtenband "Zehn" ist pathetisch und skandalisierend, für Leser deutscher Kurzgeschichten ein Kulturschock, der in ähnlicher Weise den Unterschied zwischen deutscher und italienischer Popmusik markiert. Es ist ein Blick in andere Leben, in ein Neapel, das seit Roberto Savianos verfilmten Camorra-Bestseller "Gomorrha" überall als Brennpunkt wahrgenommen wird. "Jede Gasse ist eine Lebensgemeinschaft. Man passt auf die Kinder der Nachbarn auf, jeder hat hier einen Freund, sagt man, einen helfenden Gefährten", sagt Longo. Die Camorra ist der größte Arbeitgeber, auf dem Bau, im Hotelgewerbe, sogar viele Glasereien sind in ihrer Hand - sie fertigen das schusssichere Glas, auf dem dann, glaubt man Saviano, irgendwelche Verbrecher ihre Uzzi ausprobieren. Und sie bildet den Hintergrund für Longo, der ganz persönliche Stories vom schwierigen Erwachsenwerden in Süditalien erzählt.
Für einen "Misfit", einen Einzelgänger, hat Overeems 18-jähriger Held ein recht umfangreiches Liebesleben. Nach seinem Hilfsjob als Fußbodenabschleifer hängt er mit der sexuell offenen Kaat ab. In einem besonders heißen Sommer wechselt ihre Beziehung zwischen Feuerbrand, Fata Morgana und Dürre. Er glaubt, Kaat sei schwanger. Sie verfüttert Kaviar an streunende Hunde. Es gibt einen psychisch labilen Bruder, der sich von Tieren belauert fühlt. Und zwischen diesem Irrsinn verdrängt der Junge eine zunächst namenlose Katastrophe. Ein heißer Sommer in Holland, eine nymphomanische Femme fatale, zu viel Hitze, zu viel Testosteron, und ganz viel Sex ohne (Er)Lösung. Für Sommersüchtige.
"Tippgemeinschaft 2010" - Die Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 210 Seiten, 14 Euro
Als "Tippgemeinschaft" stellen sich die Studenten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) vor. Sie lernen, wie man gute Texte schreibt. Sie zeigen mit ihrer Anthologie, dass das auch klappt. 37 (Nachwuchs-)Autoren, der Jüngste aus dem Jahrgang 1988 (Janko Marklein), der Älteste 1974 geboren (Gerald Ridder). Sie erzählen in Gedichten, Stücken und Stories von Söhnen, die unter dem Kameraauge eines Anwalts monatlich Papas Grab aufräumen, um weiterhin aufs Erbe zugreifen zu können, von "Parkour"-Rennen, einer Putzfrau im Frauen-Fitness-Studio und von gefrorener Spucke, die sibirische Hälse von innen aufschlitzt. Bierflaschen fallen vom Balkon. Himmel und Hölle teilt leise die Luft. Vorsatz: "Bis September noch schwul werden. Mit dabei in der Gemeinschaft: Roman Graf, der mit "Herr Blanc" 2009 ein überaus erstaunliches Debüt abgeliefert hat und der ebenfalls schwer begabte Andreas Stichmann ("Jackie in Silber").
Stand: 06.04.2010
