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TV-KRITIK
Von Angie Reinhardt
Das war er also: Anne Wills lang erwarteter Einstand als Nachfolgerin von Talkqueen Sabine Christiansen.
Christiansens Polittalk galt über Jahre als mediales
Ersatzparlament, sonntags "Christiansen gucken" war
für viele ein fester Bestandteil des Wochenendes. Vor allem
auch, weil man sich ab und zu so schön aufregen konnte -
über lautstark polemisierende Politiker, über aneinander
vorbeiredende Talkgäste oder über Frau Christiansens
weiße Kostüme, in denen sie immer so kühl aussah,
als käme sie direkt aus dem Raffaello-Spot. Mit der Kühle
ist jetzt Schluss. Mit der Lautstärke auch.
Anne Will ist eine kluge Frau: Ihr ocker-gelbes Studio suggeriert Schmusekurs, die rostroten Lounge-Sessel verführen zu intimen Bekenntnissen und sie selbst gibt sich fast mädchenhaft in zartgrauer Rüschenbluse (!) zum schmalen Einreiher. Dazu wuchert sie mit "soft skills", setzt ihr berühmtes Mundwinkelzucken ein und lässt die Augen warm leuchten (ein alter Trick, wie sie jetzt dem Zeit-Magazin verriet) - und doch zweifelt niemand auch nur eine Sekunde daran, dass Frau Will ihre Gäste im Griff hat.
Darunter in dieser ersten Runde NRW-Ministerpräsident und CDU-Vize Jürgen Rüttgers und SPD-Chef Kurt Beck, die sich beim Thema des Abends ("Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert") erwartungsgemäß anzicken. Wie man einen ausgefuchsten Politprofi in die Bredouille bringt, indem man nachhakt, dranbleibt, einkreist, hat Will ja bereits erfolgreich bei den "Tagesthemen" bewiesen. Jetzt kann sie endlich zeigen, wie viel Spaß es ihr macht, streitende Parteien gegeneinander auszuspielen und dabei kein einziges Mal die Stimme zu erheben. Nein, mit dieser Frau kann man nicht nur kuscheln.
Weitere Gäste: Deutschlands bekannteste Bischöfin Margot Käßmann und Telekom-Boss René Obermann, beide eher unauffällig, und dann - quasi als "Volkes Stimme" - ein Burnout-Experte sowie eine Callcenter-Agentin, die für einen Hungerlohn (5 Euro brutto die Stunde) arbeitet und deshalb trotz Vollzeitstelle vom Arbeitsamt zusätzlich unterstützt werden muss.
Und damit kommen wir auch schon zu einem der raren Kritikpunkte: Die Platzierung der Gäste. Warum sitzt "Volkes Stimme" reichlich verloren auf zwei weißen Ledersofas unten vor dem Publikum, während man oben auf der Bühne in der Promi-Runde schön unter sich bleibt? Zeigt das Diskussionsbereitschaft?
Es gibt Kleinigkeiten zu feilen, aber die Premiere hat Anne
Will ohne größere Patzer gemeistert. Und sie wirkt
sichtlich glücklich und gelöst, als sie nach einer Stunde
ihren Ex-Kollegen eine Spezialübergabe widmet: "Nach uns
kommen die 'Tagesthemen' - die empfehle ich Ihnen sehr,
schon alleine aus persönlicher Verbundenheit."
Stand: 17.09.2007
