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SPECIAL
Bosnien 1995: Menschen, die vorher Nachbarn waren,
kämpfen gegeneinander. In diesem brutalen Krieg richten die
Armeen ihre Waffen auch gegen Zivilisten: Sie feuern auf Schulen,
Kirchen, Krankenhäuser. Sarajevo wird fast vier Jahre
lang belagert, die Menschen hungern, allein hier sterben über
10.000 Menschen. Wie konnte der Konflikt so eskalieren?
Wir haben eine Serbin und einen Bosnier gebeten, uns das aus ihrer persönlichen Sicht zu erklären: Sie sprechen darüber, warum es zum Krieg gekommen ist, wie das Zusammenleben zwischen Serben, Bosniern und Kroaten jetzt ist, und wie sie sich die Zukunft für Sarajevo vorstellen.
Maja Glišić ist 27 Jahre alt. Die Serbin wurde während des Krieges in Sarajevo von einer Granate verletzt. 1993 ist sie nach Deutschland ausgereist. Dort lebte sie bis 1998 in der Nähe von Bonn. Heute wohnt sie in einem kleinen Vorort von Sarajevo. Maja ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Admir Kulin
Admir Kulin kommt aus Sarajevo und ist Muslim. Mit elf Jahren kam er nach Deutschland. Nach Kriegsende lebte er für zwei Jahre wieder in Sarajevo, kam dann aber als Basketballspieler nach Deutschland zurück und lernte seine Frau kennen. Heute ist er 26 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Köln. Admir Kulin arbeitet als Basketball-Trainer.
Konntest du ahnen, dass
ein Krieg beginnt?
Maja:Da ich damals zwölf
Jahre alt war, kam es schon überraschend für mich. Ich
konnte die Aufregung bei den Großen zwar mitbekommen, aber
dass es wirklich Krieg geben wird, das hat keiner geglaubt. Man
konnte in den Nachrichten hören, dass sich die Politiker
uneinig waren. Aber man hatte die Nachbarn, die unterschiedliche
Religionen hatten - und die blieben gleich. Irgendwann merkte ich
aber, dass plötzlich viele Menschen verschwunden sind. Auch
mein Vater sagte, dass es Krieg geben wird, und wir schnell weg
sollten. Ich glaubte, der Krieg würde einen Monat oder
vielleicht zwei Monate dauern, aber nicht länger. Am 9.9.1992
wurde ich, als ich draußen mit Freundinnen spielte, durch
eine Granate verletzt. Von da an war ich lange Zeit in Krankenhaus.
Mein Bein ist verletzt worden, und ich habe ein Auge verloren. Ich
bin zu 80 Prozent invalide.
Admir: Man hat es
langsam kommen sehen. Es fing mit der Selbstständigkeit
Sloweniens an - da hat man gemerkt, dass es auch bei uns anfangen
wird. Unter unserem Haus verlief eine Hauptstraße, und da
fuhr etwa vier Stunden lang eine Militärkolonne entlang in die
Berge. Da merkt man etwas, auch als 11-Jähriger.
Was war der Grund
für den Krieg?
Maja:Ich weiß es nicht.
Die Politik war damals einfach so. Aber wieso, das weiß ich
nicht. Wir haben nicht schlecht gelebt. Wir hatten alles. Wenn ich
erwachsener gewesen wäre, hätte ich es vielleicht besser
verstanden.
Amir: Es gibt viele Gründe.
Letztlich mussten wir in Bosnien alles ausbaden. Der Krieg in
Slowenien wurde sehr schnell gestoppt, denn das ist nah an der
österreichischen Grenze. Der Krieg in Kroatien ging auch nicht
sehr lange. Da sind die Adria und bekannte Städte wie
Dubrovnik, wo viele gerne Urlaub machen. Und danach hat sich, so
sehe ich das, der ganze Frust von Serbien auf Bosnien abgeladen.
Viele Serben hatten den Traum von "Großserbien". In
Bosnien ist alles historisch vorbelastet. Die Serben bezeichnen uns
immer noch als zweite Türkei wegen der osmanischen Geschichte.
Ich glaube, dass sie mit dem Krieg auch irgendwie versucht haben,
die Geschichte des 15. Jahrhunderts zu ändern, sich zu
rächen, wenn es etwas zu rächen gab – ich bin ja
schließlich kein Osmane. Außerdem haben die Osmanen
nicht nur die Serben belagert, sondern den ganzen Balkan und auch
Bosnien.
Warum konnte der Konflikt so eskalieren? Gab es
einen Schuldigen?
Maja: Nein. Wenn ich das so betrachten würde,
dass jemand schuldig ist, würde ich mich ganz schön
quälen. Ich bin damals von einer serbischen Granate verletzt
worden. Wenn ich jetzt den Schuldigen suchen würde, dann
würde ich nicht weit kommen: Ich habe damit abgeschlossen. Ich
habe auch Leute getroffen, die jemanden im Krieg verloren haben.
Eigentlich erwarte ich von ihnen, dass sie einen Hass auf mich
haben, aber so ist es halt nicht. Ich glaube auch nicht, dass es
viele Freiwillige gab, die in den Krieg gezogen sind. Die haben
Jungs im Alter von 16 und 17 Jahren eingezogen. Denen wurde viel
erzählt. Ich kann mich erinnern, dass derjenige, der gerade
noch mit dem Ball gespielt hat, plötzlich eingezogen wurde.
Ich weiß nicht, ob er das wirklich wollte. Ich glaube, dass
viele gar nicht kämpfen wollten, sondern sie mussten es. Das
gilt für alle drei Seiten. Ja, und dann gab es noch die
Extremen dazwischen, die das gepuscht haben.
Admir: Ich meine, der Krieg ist
von einer Seite eskaliert. Das war gar kein Bruderkrieg, nie. Auch
wenn es in den westlichen Medien immer so dargestellt wird. Alle,
die in Bosnien gelebt haben, haben sich erstmal verteidigt.
Irgendwann denkt man, dass man durchdreht, wenn das eigene Kind
umgebracht wird, wenn die Frau vergewaltigt wird – Srebrenica
war ja gar nicht das Schlimmste, nur das Bekannteste. Es gab viel
schlimmere Verbrechen. Irgendwann drehen die Leute durch. Der
Grund, warum das bei den Serben so eskaliert ist, denke ich, liegt
in deren Umgang mit der Geschichte. Mehr Ruhe und Sachlichkeit
wäre nötig, damit so was nicht wieder passiert. Es ist
nicht sicher gesagt, dass es in 30 Jahren nicht wieder passiert.
Ich würde sagen, dass der Krieg dann wieder ausbrechen
kann.
Hattest du das
Bedürfnis zu kämpfen? Wenn ja,
wofür?
Maja: Nein! Ich hatte nur das Bedürfnis,
zurück nach Hause zu kommen. Deswegen bin ich ja auch
freiwillig nach Sarajevo zurückgekehrt. Ich war zwölf
Jahre alt, als ich ohne Mutter und Vater nach Deutschland gegangen
bin. Ich bin ja nur mit meiner Schwester ausgereist, weil ich
Probleme mit meinem Bein hatte und es keine medizinische Versorgung
gab. Ich lebte immer in dem Glauben, dass der Krieg aufhört,
und ich nach Hause kann.
Amir: Ja, ich war 14 Jahre alt, als mir gesagt
wurde, mein Vater sei tot. Ich hatte ihn dreieinhalb Jahre nicht
mehr gesehen: Anderthalb Monate nachdem der Krieg begonnen hatte,
hatte mich mein Vater in den letzten Bus aus Sarajevo gesetzt. Ich
sollte nach Deutschland, zu meinem Onkel. "Da fahren wir jetzt
hin für ein paar Tage, dann komme ich zurück",
dachte ich. Aber der Aufenthalt in Deutschland dauerte immer
länger. Nach anderthalb Jahren kam meine Mutter nach
Deutschland – nach Fußmärschen - mit den Kindern
ihres Bruders, damit die auch rauskommen. Als sie hier ankam, hat
sie eine Woche täglich 13 Stunden in einer Telefonzelle
verbracht, um eine Verbindung nach Sarajevo zu kriegen. Und da hab
ich erstmal realisiert, dass da etwas Schlimmes los sein
muss.
Und als mir dann gesagt wurde: "Dein Vater ist tot" - da
wäre ich auch mit 14 Jahren nach Bosnien gegangen und mein
Bruder auch. Mein Vater war aber gar nicht tot: Er war Busfahrer,
der auch während des Krieges weiter fahren musste und eines
Tages wurde sein Bus von einer Granate zerteilt. Ihm ist aber
nichts passiert.Den nächsten Schock hatte ich, als mein Vater
nach Deutschland kam: Er hatte sich in Bosnien von Gras oder alten
Lebensmitteln ernährt, um zu überleben. Wenn abends
unsere Rollläden runter gingen, hat er sich vor lauter Angst
unter den Tisch geworfen, weil er dachte, es sei das Geräusch
von Maschinengewehren. Das ging bestimmt die ersten zwei Monate so.
Und auch das war für mich so ein Moment, in dem ich dachte,
ich würde nach Bosnien gehen - auch wenn es schon kurz vor
Kriegsende war.
Ist der Konflikt auf
dem Balkan für dich beendet?
Maja:Das ist schwer zu sagen.
Jeder hier sagt: "Um Gottes willen, das soll sich nicht
wiederholen." Die Menschen hatten nichts zu essen. Ich habe
mich damals über ein Ei gefreut, das mein Vater gefunden hat.
Das ist schwer nachvollziehbar, dass man so leben konnte. Dass man
freiwillig so leben möchte, das glaube ich nicht. Ich habe
auch keine Angst. Meine kleine Tochter geht zur Schule. Dort ist
sie die Einzige, die die orthodoxe Religion hat. Sie hat noch nie
gesagt, dass sie Probleme hat. Extreme gibt es zwar nach wie vor.
Aber ich glaube, dass dies wenige sind. Ich fühle mich wohl.
Ich habe nichts Blödes erlebt.
Admir: Mit der
Entscheidung des Haager Tribunals nicht, leider nicht. Das Haager
Tribunal war ein Witz, eine Ohrfeige für alle Frauen, die im
Krieg vergewaltigt wurden, für alle Toten, für
Srebrenica. Damit wurde die Schuldfrage nicht geklärt. So wie
sie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geklärt wurde.
Bei den Deutschen hat das noch nach so vielen Generationen
Nachwirkungen, das wird in der Schule noch immer gelehrt. In
Serbien wird man nie etwas über Srebrenica lernen. In Bosnien
versucht man ein erzwungenes Staatsgebilde hinzustellen. Das Land
wird nicht selbst regiert. Irgendjemand übernimmt das, und
wenn der es nicht schafft, wird wieder jemand anderer von der
internationalen Staatengemeinschaft hingeschickt. So lange in
Bosnien die Republika Srbska nicht abgeschafft wird, so lange der
Teil "Republika Srbska" heißt, bedeutet das
für mich, dass der Krieg für die Serben okay war.
Die Hälfte meines Landes gehört Serben - Ich kann nicht
mehr in das Land, in dem meine Eltern geboren sind. Man kann zwar
zurück, aber nicht richtig. Man kriegt keinen Job, der Strom
wird einem abgeschaltet. Da werden zwar Moscheen gebaut, aber das
heißt ja nichts. Man braucht ja schließlich Menschen,
die dort arbeiten. Man braucht junge Menschen dort, die
Perspektiven haben, die auch als Moslem oder Kroate zum Beispiel in
Banja Luka studieren können. Dann erst sehe ich den Konflikt
als begraben an. Aber in Serbien gewinnen seit Jahren die gleichen
Nationalisten. Es fällt immer noch der gleiche Begriff
"Großserbien". Und bei so einem Wort hab ich Angst.
Es muss von der internationalen Staatengemeinschaft kommen, es muss
geregelt werden, dass dieser Teil in Bosnien verschwindet, damit
die Schuld wenigstens indirekt geklärt wird.
Welche Zukunft siehst du
für Bosnien?
Maja:In dem Ort, in dem ich
lebe, wird richtig groß gebaut: Viele Einkaufzentren und
Schulen. Aber es fehlt an Arbeit. Ich würde auch gerne
arbeiten. Man schlägt sich halt so durch. Das wäre
wirklich wichtig für Bosnien, dass sich das ändert. Ich
bin da optimistisch.
Admir:Ich hoffe eine gute Zukunft.
Ich träume davon, zurück zu kehren, dort zu arbeiten. Ich
träume davon, dass mein Kind dort aufwächst. Ich habe
aber leider Angst, dass es nicht so kommen wird. Die Geschichte ist
schwer zu verdauen und wir sind alle nationalistisch geprägt
– ich sage bewusst alle. Das muss man kontrollieren.
Wie würdest du
deinen Kontakt zu anderen Ethnien - also Serben/Kroaten oder
Bosniaken - jetzt beschreiben?
Maja:Gut. Ich habe kleine
Kinder und ich habe mich mit anderen Mamis angefreundet. Die
meisten sind muslimisch.
Admir: Durch meine Arbeit habe zu
allen drei Ethnien Kontakt und der ist sehr gut. Auch wenn der
Krieg erst seit Kurzem vorbei ist, ist er trotzdem nicht wirklich
ein Thema. Und über Politik diskutieren wir jetzt auch nicht.
Zu den Leuten unten hab ich ja weniger Kontakt, bloß ein bis
zwei Mal im Jahr im Urlaub. Aber auch da hab ich keine Probleme.
Und der Krieg ist kein Thema, worüber wir sprechen. Wir machen
wahrscheinlich alle einen kleinen Bogen drum.
Was hat sich für
dich seit dem Krieg verändert?
Maja: Ich finde nicht, dass
sich so viel verändert hat. Viele Menschen sind von
außen gekommen. Es gibt jetzt mehr Muslime in Sarajevo. Sie
kamen aus anderen Städten und Dörfern, weil sie dort weg
mussten. In Sarajevo leben jetzt Menschen, die hier eigentlich
nicht leben würden, wenn es keinen Krieg gegeben
hätte.
Admir: Neben der
Selbstständigkeit Bosniens, weiß man jetzt auch was
Krieg bedeutet und wozu Menschen im Stande sind. Ich bin inzwischen
auch mehr an der Geschichte interessiert und ich werde auch
dafür sorgen, dass mein Kind die Geschichte kennt. Vielleicht
bin ich jetzt auch noch heimatverbundener als vorher.
Stand: 19.09.2007
