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SERIE
Von Angie Reinhardt
Ich bin Gina Ewing, ich bin virtuell und zwei Wochen alt. Ich
habe keine Ahnung, aber einen Auftrag: Ich bin für euch in
'Second Life'.
Bei der Wiedergeburt wähle ich unter sieben Typen einen weiblichen Avatar – versaut mir das jetzt mein Karma? In meinem neuen Leben heiße ich Gina Ewing, trage Jeans, Top und Leopardenstiefel in Pink. Ich habe einen Knackhintern, eine Mördertaille und eine Frisur wie ein frischgebadeter Pudel. Mein Teenietraum, in Second Life wird er endlich wahr: sensationelle Haare!
Mein Start ins neue Leben war unspektakulärer: Ich musste lediglich ein kleines Programm auf meinem Rechner installieren, das jetzt als Tür in die Parallelwelt fungiert. Dann habe ich ein Gratis-Nutzerkonto bei Secondlife.com angelegt, mir einen Namen ausgesucht und 250 virtuelle Lindendollar Begrüßungsgeld kassiert. Das reicht für den Anfang. Nur wenn ich später Land kaufen will, muss ich zu einem Premiumkonto wechseln.
Second Life wächst rapide: Laut Betreiberfirma Linden Lab stoßen jede Woche etwa dreizehntausend "Zugezogene" zu den 4 Millionen Einwohnern, die Second Life bereits haben soll. Es heißt, die Deutschen belegten in der Rangliste der Nutzerländer bereits Rang drei. Der Anteil aktiver Nutzer ist wie in anderen Communities geringer; Experten schätzen, dass sich etwa eine Million User weltweit regelmäßig einloggt.
Voll kann es in der Parallelwelt trotzdem werden, zum Beispiel auf "Orientation Island", einer grünen Idylle mit sauberen Pfaden zwischen Bäumen und Blockhäuschen. Wie alle "Newbies" starte auch ich mein zweites Leben in diesem Auffanglager für Anfänger. Dort soll ich laufen lernen und meine Motorik trainieren. Freundliche Schilder erklären mir, wie ich mit anderen kommunizieren kann und was zu korrekter Kleidung gehört ("Underpants"). Ich lerne, mein Äußeres zu verändern und gleich auch, was in Second Life gar nicht gut kommt ("No Nudity!").
Wer liest schon Gebrauchsanweisungen?
Ich klicke mich ungeduldig durch die ersten Lektionen, entdecke den
"Fly" Button
– und bin weg! Fliegen ist neben "Teleport" (eine
Art beamen) die eleganteste
Art, sich in Second Life
fortzubewegen. Auf Knopfdruck geht's hoch in die Luft und ich
gleite schwerelos über Städte, Strände und
Parks.
Erst aus der Vogelperspektive bekommt man eine Ahnung von der Größe des "Grid", wie Second Life auch genannt wird. Zu Fuß wäre ich sicher tagelang unterwegs. Außerdem fiele ich ständig ins Wasser und würde Futter virtueller Haie – Second Life ist eine Inselwelt, das Grid ein riesiger Archipel tropischer Inseln. Um von A nach B zu kommen, nutzt man deshalb meist die Suchfunktion und ein Koordinatensystem.
Ein paar Tage später. Die Suche spuckt als besonders beliebten Ort die "Phat Cats Lounge" aus. Ich lasse mich hinteleportieren. Ein Klick, das Pfadfinderlager von Orientation Island versinkt im Dunkel, kurz danach blinkt es vielversprechend "arriving" auf meinem Bildschirm – und ich stehe mitten auf der Tanzfläche.
Um mich herum schöne Avatare in Abendgarderobe und ein Pianist, der dezente Jazzstandards klimpert. Die Lounge, mondän und openair auf einer Dachterrasse, erscheint wie ein Treffpunkt des virtuellen Jet-Set. Man gibt sich weltläufig, es wird vielsprachig gechattet. Ist also doch nicht alles Ballermann in Second Life! Einige Paare schwingen inspiriert das Tanzbein. Wow, wie machen die das? Ich kann noch nicht einmal geradeaus laufen und die drehen hier Pirouetten.
Demoralisiert lehne ich an der Bar, als mich ein
männlicher Avatar mit Sonnenbrille
und Gelfrisur, Typ Latin
Lover, anrempelt. "Hola Chica!" Ich schweige und rutsche etwas
weg. Er hinterher, stupst mich immer wieder an und textet mich auf
Spanisch zu.
Was will der Kerl? Ich fühle mich belästigt. Ein absurdes
Gefühl, schließlich ist Gina ein bunter
Pixelhaufen.
Wem in Second Life die Tageszeit nicht gefällt, kann sie ändern. Ich habe Lust auf einen Sundowner und fühle mich wie in der "Truman Show", als ich es für Gina, äh, mich per Klick auf "force sun" rotgolden dämmern lasse.
Inzwischen habe ich auch das Gestaltwandeln gelernt und mir ein paar Alternativ-Outfits zugelegt. Ich könnte mich jetzt binnen Sekunden in einen Koreaner, eine Elfe oder ein Schulmädchen mit Kniestrümpfen verwandeln. Tue ich aber nicht. Hinterher baggert mich noch so ein 'böser Onkel' an, denke ich beklommen. Meine Identifikation mit dem Pixelhaufen, sie ist perfekt.
Im "Real Life" geht es auf Mitternacht zu, doch in der "Phat Cats Lounge" herrscht ewige Abenddämmerung. Gina hat mit einem Wolf getanzt, den Pianisten vergrault und den Jazz neu erfunden. Dazu hat sie vier Martinis, eine Sushiplatte, diverse Biere und einen kleinen grünen Drachen verkonsumiert, wirkt aber immer noch frischer als ihre Schöpferin - die stiert mit Karnickelaugen auf den Bildschirm und überlegt, welches Kölner Büdchen nach elf noch Salzstangen verkauft. Suchtgefahr? Aber hallo!
Avatare haben keinen Hunger und primäre Geschlechtsorgane müssen sie sich extra kaufen. Sie sind nie müde und praktisch unverwundbar. Fliegen, Essen, Schlafen, Sex – erleben sie nichts mit allen Sinnen? Ginas Einheitsmimik zeigt kaum Gefühle. Aber ich erinnere mich genau, was in der Luft lag, als sie über die Lagune von Pheosia flog: Der Duft grenzenloser Freiheit.
Stand: 08.03.2007
