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SERIE
Von Oliver Hinz aka "Leberund Mills"
Ich bin Gina, für euch in 'Second Life'. Und das ist mein
Waffenbruder "Leberund Mills". Ein Selfmade-Casanova. Der
hat Nerven. Er trieb sich für Euch rum und weiß jetzt
alles über Stripclubs, Liebestempel und die Preise für
Geschlechtsteile. Alles über "Sex and the Grid". Ich übergebe an
"Leberund Mills", für 1LIVE aus der "Moonlight Mansion ":
Das Etablissement sieht nobel aus, eine breite Treppe führt hinein, am Eingang stehen bereits ein paar leicht bekleidete und durchaus attraktive Damen. Drinnen ist das Licht gedimmt, illuminiert ist die Szene dezent, indirekt, unaufdringlich. Aus einem Whirlpool steigt Wasserdampf auf, während sich ein paar Supernixen am Beckenrand in Pose gebracht haben. Ich bin bereit für meinen Versuch.
"Bitte stellen sie die 'Tagesszeit' auf Mitternacht und die Beleuchtungseffekte im Menü 'Einstellungen' auf 'indirekte Beleuchtung zulassen'." Dieser technische Hinweis törnt bereits ab, bevor hier irgendetwas richtig losgeht…
Sex in Second Life – scheinbar an jeder Ecke verfügbar und doch ein Mysterium für viele, gerade für Neulinge im zweiten Leben. Und die Vorbehalte sind enorm: Sex mit Kindern gebe es da, Perverse wohin man schaut, und das ganze Internet sei sowieso ein einziger Sündenpfuhl. Stimmt alles. Second Life ist nicht einen Deut besser als das erste Leben.
Was fasziniert eigentlich Menschen am Cyber-Sex im "Grid" von Second Life? Die Grafik ist bescheiden und erinnert an animierte gif-Bildchen aus den Urzeiten des Computerzeitalters – also von vor über zehn Jahren. Doch die virtuellen Sex-Räume, Nacktstrände und Fetisch-Clubs sind auch 2007 brechend voll, und oft wird wegen Überfüllung der Einlass verwehrt.
Ist man drin, kann der eigene Avatar per Skript zur sexuellen Handlung bewegt werden. Für Leute ohne Programmierkenntnisse sind grafische Markierungen im virtuellen Raum verteilt: Ein Klick, und los geht's. Fehlt nur noch der Partner, sonst sieht das Ganze ziemlich bescheuert aus – etwa wie Breakdancebewegungen ohne Musik.
Das Pixelgezucke übt aber eh nur (fast ausschließlich) einen Reiz auf die User aus, weil es echte Menschen sind, die sich hier durch ihren Avatar maskieren. Ein echter Franzose tippt in echtem Französisch echt französische Anmachsprüche in den Chat. Anstatt der begehrten Dame ins Ohr zu säuseln, schreit er seine Lust für alle lesbar in den künstlichen Raum. Interessant zu lesen – hätte ich doch nur besser aufgepasst im Französischunterricht.
Es dauert keine Minute, da kommt das erste Angebot. Kessarina fragt mich auf Englisch, ob hier denn noch Zwischenmenschliches geschehen könnte – das passiert im 'First Life' so täglich auf der Hamburger Reeperbahn und anderswo. Zeitgleich fragen Takesha und Soni dasselbe. 400 Lindendollar, also etwa 1,20 Euro verlangen sie – Cyber-Prostitution im zweiten Leben. Aus dem ersten Stock dringt Gestöhne vom Band, Gespräche in Second Life funktionieren bislang nur über die Tastatur. Kessarina verrät, dass sie im echten Leben aus Wien kommt und hier so nebenbei aus Spaß mitmacht. Das Spielgeld hat sie bisher noch nicht in bare Münze zurückgetauscht. Stattdessen investiert sie es lieber in neue Accessoires für ihren Avatar. Und so steht sie einen Mausklick später in komplett neuer Montur da.
Fast so schnell wie der Klamottenwechsel funktioniert auch eine Geschlechtsumwandlung. Schätzungsweise 40 Prozent der weiblichen Avatare sind im ersten Leben männlich. Hier leben sie den 'gender change' problemlos aus. So sei es im Übrigen auch mit der oft zitierten Kinderpornografie in Second Life – jeder kann sich hier ein paar Windeln oder eine Schuluniform kreieren und sich mit anderen in irgendeiner abgelegenen Hütte treffen. Einen wirksamen Jugendschutz gibt es nicht, eine Altersbeschränkung auch nicht – Die Second-Life-Betreiber sehen das nicht als ihre primäre Aufgabe an. Ein Alterscheck bei Anmeldung wäre möglich und ebenso schnell zu umgehen.
Ein grundlegendes Problem für Sex im zweiten Leben ist so absurd wie komisch. Obwohl ich bei der Anmeldung mein Geschlecht ausgewählt habe – ist mein Avatar bei genauer Betrachtung geschlechtslos. Keinerlei primäre Sexualorgane dran – frustrierend bei der Selbstbetrachtung. Doch in Second Life gibt es für alles eine Lösung. Ein Clubbetreiber verteilt umsonst in variablen Größen, wofür mancher Mann im echten Leben einen teuren Sportwagen benötigt. Damen können sich ihr Pendant als Texturvorlage selbst designen – oder kaufen. Kaufen geht immer.
Bei all dem Schmuddelkram, der einem in Second Life präsentiert wird, ist manchem der Sinn nach Romantik doch noch nicht abhanden gekommen. Ich finde eine einsame Hütte mit Kaminfeuer und Slow-Dance-Funktion zu Schnulzen von Engelbert Humperdinck (wenn das kein Abtörn ist). Auch hier gibt's, für den Fall der Fälle, im Nebenzimmer ein bequemes Bett.
Doch auch in Second Life wechseln Häuser den Besitzer. Beim Versuch, mich in eine weitere Romantic-Cottage in asiatisch anmutender Umgebung zu teleportieren, sitzt dort plötzlich ein Fantasy-Rollenspiel-Fan hoch zu Ross mit einer doppelschneidigen Axt und hat aus dem Liebesnest einen Trollhort gebaut. Nun wartet er lauernd auf Orks, die den Hort plündern wollen. Der Versuch, noch schnell ein Foto der bizarren Szene zu machen, scheitert. Der Recke katapultiert mich pflugs vor die über-übernächste Tür.
Auf der Suche nach 'Sex and the Grid' bleiben viele Fragen unbeantwortet. Sex ist eine komplizierte Angelegenheit – auch im virtuellen Raum – und sicherlich für viele die Triebfeder, sich überhaupt in eine solche Community zu begeben. Allerdings besteht die Gefahr, dass wir so zu einer Masturbationsgesellschaft degenerieren.
Es gibt keinerlei Zahlen darüber, wie viele Ehen sich aus den Cyber-Dates im zweiten Leben entwickelt haben. Immerhin: Heiraten ist in Second Life äußerst beliebt – und vielleicht ist Gina ja irgendwann so weit. ;-)
Erstaunlich, auf den zweiten Blick allerdings logisch, ist die große Anzahl von Bondage- und SM-Sexspielzeug in den künstlichen Räumen. Wer möchte schon im zweiten Leben denselben Blümchensex haben wie im echten? Und wie sähe das aus, wenn überall nur Betten, Küchentische oder Kuschelecken zu sehen wären. Ein Käfig oder ein Spanischer Reiter machen da schon rein optisch mehr her. Bleibt die Frage nach dem Sinn von Peitschenhieben am Andreaskreuz im virtuellen Raum – tut doch nix weh…
Stand: 19.03.2007
