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MY SECOND 1LIVE
Von Angie Reinhardt
Meine Stimme gegen die der ganzen Talkshow-Nation. Meine
Fäuste gegen euren Hype der Saison. Meine Seele für ein
bisschen echte Passion. Ich bin Gina Ewing. Für euch in Second
Life - und ich tausch nicht mehr.
Er hört auf den Namen "Avastarchi", ist ein knappes Pfund Hund mit Knopfaugen, kostet 50 Lindendollar, trägt ein knallrotes Werbetrikot und hockt auf einmal mitten in Ginas Mähne.
Hilfe! Kann mir einer sagen, warum die Springer-Tochter Bild.T-Online im Promoshop ihrer Secondlife-Zeitung "Avastar" neben den üblichen Billiguhren und Shirts auch einen "loveable Chihuahua" anbietet? Steckt Paris Hilton ihr Geld neuerdings in Zeitungen? Und hilft die mir jetzt, das Vieh korrekt an der Leine zu führen, anstatt auszusehen wie eine Witzfigur? Wehe, der macht mir einen Pixelhaufen auf den Kopf!
Gina dreht und wendet sich, doch das Tier krallt sich mit seinen dünnen Beinchen fest und bleibt stur sitzen. Gut, sein Problem. Ich muss weiter zur nächsten virtuellen Redaktion in Second Life - sollen die Kollegen vom Fernsehen ruhig lachen, wie ich da mit dem Pinscher von Springer angedackelt komme.
Medien in Second Life (Auszug)
Der Konkurrenz könnte das Lachen jedoch vergehen, wenn Springer die ersten nennenswerten Umsätze mit seinem Boulevardblatt macht. Fünfzig Tacken für einen hässlichen Werbeköter zeigen, wohin die Reise gehen soll. Die dreißig Seiten starke deutsche Ausgabe des "Avastar" kann man noch gratis downloaden, doch für das englische Original zahlt der Leser schon 150 Lindendollar (ca. 42 ct), dafür liefert man ihm dann auch im zweiten Leben die vertraute Seifenoper aus News, Crime, Stars und Klatsch.
Sicher: Mit solchen Pfennigbeträgen kann Bild.T-Online die Gehälter der sieben extra für den Avastar abgestellten Redakteure kaum bezahlen. Aber Kleinvieh macht auch Mist (hoffentlich hat Avastarchi das jetzt nicht mitbekommen). Und in zehn Jahren Kampf um "Paid Content" im 2D-Internet haben die großen Medienhäuser sicher manche Lektion gelernt, die sie nun "in 3D" von Anfang an richtig machen wollen.
Der vielzitierte Medienhype rund um Second Life macht gerade auch vor den Medien selbst nicht halt: Radiostationen wie die BBC verschenken in Second Life virtuelle MP3-Player und Kopfhörer, bei TV-Sendern gibts den kompletten Fernseher "to go". Gina greift sich alles, was nicht niet- und nagelfest ist.
Sie streunt durch Studios und Redaktionen. Bei "Bunch TV" (Plush Avenue 194,72,30) stehen haufenweise Fernseher in 80er-Jahre-Optik herum, auf denen alte Musikvideos laufen. Verrückt. Warum gehe ich extra "inworld", um über den Computermonitor Gina dabei zu beobachten, wie die sich wiederum auf einem virtuellen Fernsehbildschirm in Visitenkartengröße den Uraltclip zu Massive Attacks "Teardrop" ansieht? Hey, das Video ist toll, große Kunst von Walter Stern - aber winziger kann der singende Embryo kaum werden!
Ein anderes Konzept verfolgen die Berliner Macher von "Life4U". Sie produzieren ein rein virtuelles TV-Magazin "von Second Life für Second Life". Ähnlich wie der Avastar setzt auch Life4U auf eine bunte, zwölfminütige Melange aus Service und Unterhaltung und will damit "Newbies genau wie erfahrene Second-Life -Bewohner erreichen", erklärt Redaktionsleiter Christian Maier.
Gina und Hund sehen sich die aktuelle Sendung direkt in den Life4U-Studios ("Big Bit" 69,77,28) an und bewundern die Mimik der Moderatorin. Gina hat in sechs Wochen Zweitleben nicht gelernt, so telegen zu lächeln wie "Kirah Singh". Kirah wurde, so Maier, von einem Avatar-Designer eigens dazu erschaffen, "allen Bedürfnissen der Zuschauer entgegen zu kommen". Hm, die Gute hat ganz schön was in ihrer züchtigen Bluse und erinnert Gina an Collien Fernandez.
Schluss mit frivolen Scherzen, die Lage ist ernst: Der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor. "Reale Enttäuschung in virtuellen Welten" erlebt die FAZ, die taz entdeckt die "zweite Lebenslüge", und Internetjournalist Mario Sixtus sähe den ganzen "3D-Kokolores" am liebsten gleich auf dem Müll. Natürlich nicht ohne ein paar "wirklich letzte Worte" zum Thema Second Life draufzubloggen.
Nach Wochen heftigster Verknalltheit in den Hype des jungen Jahres stürzt die Presse jetzt kollektiv in postnatale Depression - und übereinander her. Es wird über Kollegen geschimpft, die nach fünfzehnminütiger Stippvisite im zweiten Leben schlecht recherchierte Jubelstories zusammentippen. Nur wenig später heißt es dann, Second Life sei so totenöde, dass niemand es dort länger als eine Viertelstunde aushalten könne.
Flankiert werden diese Artikel durch düstere "Experten"-Warnungen und die Kommentare derer, die sich wirklich "nie, nie" ins zweite Leben einloggen würden. Brandgefährlich für unsere Gesellschaft sei die "verwaiste Welt" nämlich trotzdem und der oben bereits angekündigte Untergang daher ganz nah. Nur Spiegel Online nennt Second Life immerhin ein "Biotop" für die Zukunft des Netzes.
Die "Titanic" sah Second Life jüngst in einer Glosse ausschließlich von Journalisten bevölkert, die sich gegenseitig wahlweise interviewten, befummelten oder abknallten, je nachdem, welches Stück der Redaktion zu liefern war. Es hat einen Heidenspaß gemacht, das zu lesen, und hätte er dort schon gehockt, wäre mir Avastarchi beim Lachen sicher vom Kopf geflogen.
Doch sorry, liebe Kollegen, virtuoses Lästern in allen Ehren: Würden sich in Second Life nur Reporter tummeln, gäbe es dort keine Oper, keinen Louvre, keine Klöster, keine "Phat Cats Lounge ", keinen Zoo, keinen Naturkundepark, nicht mal einen Palmenstrand zum Surfen. Mit der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne (siehe oben) eines Medienmenschen ließe sich an diesem Strand allenfalls eine Holzhütte zusammennageln - aus ziemlich dünnen Brettern.
Auf welche Weise sich unser Alltag durch virtuelle Welten
wie Second Life & Co.
konkret verändern wird, kann keiner sagen. Aber noch nie
haben Menschen weltweit an einem so großen 3D-Feldversuch
teilgenommen wie wir jetzt, hier und heute. Ich bin gerne dort, wo
etwas passiert.
Stand: 08.03.2007
