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MY SECOND 1LIVE
Von Angie Reinhardt
Ich bin Gina Ewing. Ich bin virtuell und inzwischen schon zwei Monate alt. Ich bin für euch in Second Life. Und heute treffe ich einen Star. Hoffentlich...
Demian Caldera ist verwirrt: "Why do you want to have this interview with The Edge only? You can also meet Bono." (wer will den denn treffen?!) Ich chatte zurück "Oh, 1LIVE is pretty much about guitars, so meeting The Edge would be just great." Was erzählt der Teufel nicht alles, wenn er hinter der armen Seele her ist.
Seit Tagen schon chatte ich mit drei Studenten aus Massachusetts, einer davon ist Demian, und heute Nacht könnte es endlich klappen: Ginas Date mit The Edge, Gitarrist von U2 in Second Life. Ja genau, der Schweigsame mit der Mütze.
Noch näher kann ich U2s Saitenmagier nicht kommen. Was nicht sehr nah ist. "U2 in Second Life" sind eine rein virtuelle Band und haben mit der echten Gruppe nicht viel zu tun. Vermutlich können die Jungs nicht mal drei Akkorde spielen.
Auch echte Bands haben die Bühnen im zweiten Leben längst entdeckt. Second Life wird von zahlreichen Künstlern als Plattform genutzt, darunter Suzanne Vega, Duran Duran und Regina Spektor. Die meisten, so scheint es, wollen indes vor allem auf der Bugwelle des Hypes surfen und günstige Publicity abgreifen. A propos Welle: Die deutsche Band Juli konnte man letztens bei lifeforyou.tv zum virtuellen "meet & greet" treffen.
Andy Warhol hätte Second Life geliebt. Jeder bekommt hier seine Viertelstunde Ruhm, jeder darf Kunst machen - oder das, was er für sie hält. Es gibt Bildhauer, Maler, Videokünstler, Galerien, Vernissagen und Museen wie den "Second Louvre".
Seit Dezember hat Second Life mit SLART sogar sein eigenes Kunstmagazin, inklusive Motto: "If its good, its slart". Gina schwebt durch einen Skulpturenpark voller quietschbunter Drachen und erinnert sich an die alten Griechen, deren Akropolis einst auch aussah wie die Villa Kunterbunt.
"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft..." Fast wäre Gina gegen eine haushohe Schrifttafel geflogen. Mit Vielem hätte Gina nach zwei Monaten in Second Life gerechnet, aber nicht mit ihrem Lieblingsgedicht von Hermann Hesse auf einem schwarzen Monolith wie aus Kubricks "2001 – a space odyssey", mitten im Drachenpark.
Die alte Parallelwelt Literatur findet ihren Weg ins "Grid", auch wenn Cyberpunk-Autor Neal Stephenson (er erfand die Begriffe "Metaversum" und "Avatar") im Netzeitung-Interview verkündet, er habe keine Lust mehr auf virtuelle Welten: "Wenn ich auf meinem Totenbett liege, werde ich kaum sagen: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit damit verbracht, auf meinem Arsch zu sitzen und auf Pixel zu starren."
Zwei Tage später, kurz vor Mitternacht: Gina sitzt (mit ihrem Arsch) im "Three Lions Pub" vor einem Bier, ihre Schöpferin zuhause vorm Bildschirm. Todmüde. Ich starre auf Pixel und warte – wer nicht auftaucht ist "The Edge". Wenigstens ist der Heimweg nicht so lang, wenn man virtuell versetzt wird, tröste ich mich, da kommt "pling" eine Nachricht: "Gina, can we meet also next Friday? We all have busy jobs and need to arrange for a date with the whole band." Pfft, und ich hab vielleicht keinen "busy job"?! Leute, die ganze Band brauche ich nicht. Aber gut, dann eben Freitag.
Am folgenden Abend hat Gina mehr Glück: "Jaynine Scarborough" gibt einen Chansonabend. Jaynine heißt im ersten Leben Juliane Gabriel, lebt in Berlin und hat dort klassischen Gesang studiert. Mit ihrer Performance, irgendwo zwischen Annett Louisan und Juliette Gréco, wurde sie in Second Life zum Star. Ihre Show im "Whispering Nights" (Iron Forge 164, 219, 29) besuchen so viele Avatare, dass Gina die "Sims" förmlich knarzen hört.
"In Second Life ist die Kommunikation zwischen Künstler und Publikum demokratischer, nicht so von der Kanzel runter. Ich finde es toll, dass mir die Leute gleichzeitig zuhören und schreiben können, wenn ich auf der Bühne stehe" sagt Jaynine, die ihre Auftritte per Live-Stream überträgt und deshalb jederzeit ansprechbar ist. Im August wird sie als einzige deutsche Künstlerin zur ersten Second-Life-Convention nach Chicago fliegen und dort gleichzeitig im ersten und zweiten Leben auftreten.
Es ist wieder Freitagabend, es ist wieder diese Bar. Gina zählt ihre virtuellen Augenringe. Wird das jetzt endlich was mit dem Treffen? Wieder macht es "pling ", Demian meldet sich. Mit der Nachricht, dass "U2 in Second Life", diese Pixel-Combo, einfach zuviel um die Ohren haben, um mir ein kurzes Interview zu geben.
So what! Second Life ist der virtuelle Spiegel des "Real Life". Also gibt es dort auch Bands mit Allüren. Luftgitarren-Nummern. Avatare, die sich nach Romanfiguren von Hermann Hesse benennen. Und Gott sei Dank auch Hesse selbst.
Stand: 08.03.2007
