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MY SECOND 1LIVE - INTERVIEW

"Es gibt kein zweites Leben"

Interview mit Web-Experte Oliver Wrede

Von Angie Reinhardt aka 'Gina Ewing'

Sein Outfit ist schlicht, sein Name mysteriös: Prof. Oliver Wrede alias "Norbert Janus" erscheint pünktlich zum Treffen. Wrede unterrichtet Mediendesign an der FH Aachen, ist kaum zehn Jahre älter als seine Studenten, aber schon ein Webveteran. Wir nehmen mit wechselndem Erfolg ein paar virtuelle Drinks (warum landet mein Cocktail immer im Ausschnitt?), dann geht's los: Ginas erstes Interview in Second Life.

Norbert Janus, Rechte: WDR/ Linden lab Bild vergrößern

Prof. Oliver Wrede aka 'Norbert Janus'

[12:34] 1LIVE: Oliver, dein Nachname suggeriert, "Norbert Janus" habe eine dunkles zweite Seite. Stimmt das?

[12:35] Janus: Nein, es gab einfach wenig Nachnamen zur Auswahl, die mir gefallen haben. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich meinen Realnamen verwendet.

[12:37] 1LIVE: Bis auf den Nachnamen kann man sich in Second Life aber nahezu jede Identität frei zulegen. Neben humanoiden Avataren sind so genannte "Furries" sehr beliebt – das sind Avatare, die wie Wölfe, Katzen oder Frettchen aussehen. Was, glaubst Du, steckt hinter dem Wunsch, sein zweites Leben als Pelztier zu verbringen?

[12:39] Janus: Die User haben verschiedene Motive für die Gestaltung ihres Avatars. Manche leben ihren Narzissmus aus und wollen besonders stark oder sexy wirken.

[12:40] 1LIVE: So als Klon von Kater Sylvester - wie sexy kann das sein?

[12:41] Janus: Andere wollen eine Rolle ausfüllen, wie ein Schauspieler. Sie schaffen eine Figur, die von ihrer Identität im realen Leben möglichst stark abweicht. Macht vielleicht auch mehr Spaß.

Secomd Life, Rechte: WDR/ Linden lab Bild vergrößern

Gina tanzt mit einem 'Furry' in Wolfsgestalt

[12:42] 1LIVE: Also wie im Karneval. Wie hoch ist deiner Schätzung nach der Anteil der Second-Life-Einwohner, die nicht im Geringsten das sind, wofür sie sich ausgeben? 

[12:49] Janus: Ich schätze, etwa jeder Fünfte trägt eine besonders schräge Maske.

[12:59] 1LIVE: Gibt es Second-Life-eigene Moden und Schönheitsideale? Ich habe viele Leute mit seltsam phosphoreszierenden Blinkedingern gesehen, was ist das?

[13:01]  Janus: Man kann Accessoires kaufen. Das sind 3D-Objekte, die du mit einer kleinen Programmierung ausstattest, so dass die sich zum Beispiel bewegen. Oder leuchten. Wahrscheinlich hast du das typische "Bling" gesehen, das ist hier zurzeit sehr hip. Die User  verwenden viel Zeit und Geld darauf, ihren Avatar zu gestalten. Hauptsache, es fällt auf. Das ist wie mit der Mode im realen Leben auch.

[13:02] 1LIVE: Und nächsten Sommer gibt es diesen virtuellen Glitzerkram dann ganz real am Strand von Ibiza zu kaufen?

[13:04]  Janus: Wer weiß?

[13:08] 1LIVE: Die Second-Life-Welt, das so genannte "Grid", läd teilweise sehr langsam. Ist das normal?

[13:09]  Janus: Zu Spitzenzeiten haben die Server von Second Life eine Menge Arbeit. Für Wanderungen in Second Life müssen eine Unmenge an Daten für jeden einzelnen User verarbeitet werden. Es geht hier nicht um schlichte Videostreams, sondern um hochgradig selektiv ausgegebene Daten. Das ist sehr anspruchsvoll.

[13:15]  1LIVE: Frage an den Designer: Warum muss es in Second Life genauso viele gesichtslose Hochhäuser geben wie im "First Life"? Geht das nicht kreativer, wilder?

[13:19] Janus: In Second Life kann sich jeder als Architekt versuchen. Und da zeigt sich, dass es nicht einfach ist, Dinge zu erschaffen, die vielen Menschen gefallen. Es gibt ja keine Gestaltungsrichtlinien und keine Bauaufsicht. Ich habe aber auch schon ganz erstaunliche Konstruktionen gesehen, die mit viel Mühe zusammengedengelt worden sind.

Second Life, Rechte: WDR/ Linden lab Bild vergrößern

Sex unter Avataren - eine Gefahr?

[13:28] 1LIVE: Second Life birgt ohne Frage ein großes Suchtpotential, manche Experten warnen vor möglichem Realitätsverlust. Zu Recht?

[13:30] Janus: Die Gefahr des Realitätsverlustes ist doch überall gegeben. Der Name Second Life ist geschickt gewählt, er täuscht über die Tatsache hinweg, dass es sowas wie ein zweites Leben nicht gibt: Alles passiert im "First Life". Viele Aspekte unseres Alltags sind doch schon komplett realisierte Virtualitäten. Insofern ist auch die Diskussion über Gewaltspiele und Jugendschutz immer ein wenig an der Realität vorbei.

[13:32] 1LIVE:  Jugendschutz ist ein gutes Stichwort: Letzte Woche ging die Story über holländische "Age-Player" durch die Medien, die sich in Second Life zum virtuellen Sex mit Avataren in Kinderoptik treffen. Dazu wurde ein forensischer Psychologe zitiert, der Second Life "ein Trainingslager für Pädophile" nannte. Siehst du diese Gefahr auch?

[13:36] Janus: Ich bin in dieser Frage kein Experte, kann es mir aber vorstellen. Die Realisierung der Phantasie ist ja machbar in Form von eingebildeten Handlungen. Man muss sicher juristisch klären, inwieweit es in einer kompletten Comic-Welt überhaupt zu kriminellen Handlungen kommt. Bis zum Beweis des Gegenteils würde ich dem Psychologen erst einmal Recht geben.

[13:38] 1LIVE: Was sollte der Betreiber Linden Lab für den Jugendschutz tun?

[13:39] Janus: Jugendschutz muss in Second Life definitiv Thema sein. Obwohl es eine eigene Teenie-Version gibt, habe ich hier schon Fünfzehnjährige getroffen. Es wird nicht kontrolliert. Jedenfalls nicht, solange man nicht mit einer Kreditkarte Eintritt zahlen muss.

Second Life, Rechte: WDR/ Linden lab Bild vergrößern

Virtuelles Schwätzchen in der Bar des 'NEON', Second Life

[13:45] 1LIVE: Spinnen wir ein wenig herum - wie sieht Second Life in zwei Jahren aus?

[13:48] Janus: In zwei Jahren wird die grafische Qualität viel besser sein. Es wird eine eigene Ökonomie und spezielle Unterhaltungsformen geben und  Leute, die in Second Life ihren Lebensunterhalt verdienen. Was ich eher nicht in Second Life sehe, ist Politik. Ich denke, die Betreiber werden das so weit wie möglich raushalten. Second Life ist eine Unterhaltungsplattform.

[14:50] 1LIVE: Tauschen wir dann auch die Tastatur gegen eine Handsteuerung in der Art von Nintendos wii ein und hampeln daheim vor unseren Monitoren herum?

[14:53] Janus: Möglich. Vielleicht gibt es auch einen Second Life -Client für die großen Spielekonsolen. Und Audiokommunikation kommt bestimmt: Es gibt jetzt schon Computerspiele, in denen die Spieler per Headset online miteinander sprechen. Das klappt recht gut, bis hin zur Abnahme der Lautstärke, wenn jemand sich wegbewegt, künstliche Lippenbewegungen und Richtungshören.

[13:57] 1LIVE: Was macht für dich persönlich die Faszination aus?

[13:58] Janus: Mich persönlich fasziniert, wieviel Passion Menschen für ihr "zweites Leben" entwickeln. Second Life ist eine Plattform, die es erlaubt, sehr phantasievoll und kreativ zu sein.

Stand: 08.03.2007

PLAYLIST AKTUELL

Uhrzeit 14:23:12Uhr
InterpretBilly Talent
Titel"Red Flag"
Uhrzeit 14:18:35Uhr
InterpretJan Delay
Titel"Hoffnung"

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