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MY SECOND 1LIVE
Von Dennis Horn
Da kommen sie in Scharen: Journalisten, die nie drin waren, Menschen, die nie draußen waren, und Firmen, die zu viel Geld haben. Sie rufen: "Second Life! Web 2.0! Zukunft!" Doch erst wenn alle Server platt sind, Gina Ewing tot und die letzte virtuelle Firmenvertretung verlassen ist, werden sie erkennen: Die nächste Blase ist explodiert. Endlich.
Second Life stürzt ab, sieht billig aus, ist lahm und verlassen, wobei das die vielen Firmen, die sich in Second Life niedergelassen haben, offenbar kaum stört. Hauptsache, man ist dabei und kommt in die Presse. Der Hersteller Linden Labs schwärmt von 6,2 Millionen Avataren. Viele Benutzer aber haben mehrere davon und sind nicht einmal regelmäßig online. Nur gut fünf Prozent betreten mindestens einmal pro Woche Second Life, und wenn zu viele dabei sind, hört man immer wieder, geht das System in die Knie.
Ich habe es versucht. Ich wollte da sein, wo das Leben tobt. Ich musste es, so hoch war der Druck, der auf mir lastete. Jeder spricht doch davon. Jeder fragt mich doch: Wie, du hast noch nicht die ersten tausend Euro dort verdient? Du hast dir für ein paar läppische Linden-Dollar noch keine Hütte direkt am Meer darin gekauft? Du hast dir noch nicht einmal einen wirklich gut aussehenden Avatar gebastelt? Während ich noch darüber nachdachte, ob die Frage mit dem Avatar eine Anspielung auf mein Aussehen sein sollte, war der Download des Programms schon beendet.
Mein erster Schritt in Second Life war toll. Vor mir: eine wunderschöne Welt. Vor allem war sie so gut zu sehen, weil ich mich selbst nicht sehen konnte. Wo war mein Avatar? Der Muskelmann, 1,90 Meter groß, blaue Augen, eine Sahneschnitte - so wie ich? Ab in die Einstellungen - doch nichts ändert sich. Das Programm neu starten - alles bleibt wie es ist. Schön. Also unsichtbar auf den Weg durch die Wunderwelt.
Ich bin froh, dass mein Computer wenigstens der passende war: eine brandneue Maschine, übermäßig teuer, gute Grafikkarte, schneller Prozessor. Ich hatte schon von Kollegen gehört, die ließen sich ihre Rechner extra aufrüsten, nur um darauf Second Life zum Laufen bringen zu können. Am Ende funktionierte es trotzdem nicht.
Bei mir war es anders. Ich machte meine ersten Schritte mit meinem virtuellen Doppelgänger. Nur so langsam stellte ich mir die Frage: Wo zum Teufel ist der Hype? Wo sind die Millionen von Avataren? Blühende Landschaften, aber keine Menschen. Die Firmenvertretungen von Adidas über Dell bis Mercedes-Benz – leergefegt. Wo sind die Millionäre, Haus-am-Meer-Besitzer, Sexbomben? Sind sie unsichtbar, so wie ich? Nein, ich musste nur suchen. Als ich den ersten traf, kam die Wahrheit über mich ans Licht: "You're naked", waren seine ersten Worte.
Mein schöner Avatar, gerade geboren, hatte noch keine Kleidung an. Wie auch - ich konnte ja nichts sehen! Mein Avatar lief in diesem Moment rot an. Ich hoffte es zumindest. Die Worte "You're naked" waren auch schon die einzigen, die mich in Second Life jemals weiter brachten, mir etwas mitgaben, etwas sagten. Je länger ich drin war im Paralleluniversum, desto stärker begann ich zu erkennen: nur Dünnpfiff. Alles nicht besser als ein Chatraum mit Bildern, und anspruchsvoller sind die Unterhaltungen hier erst recht nicht. Danke, auf Wiedersehen!
Darüber haben die Journalisten natürlich nicht immer geschrieben, genauso wenig darüber, dass kaum jemand wirklich von Second Life leben kann. Dass es die Rotlichtbezirke sind, die in Second Life am stärksten besucht sind, das ist für ihre Artikel wahlweise am wichtigsten, oder sie lassen es vorsichtshalber ganz raus. Dabei ist der Sex in Second Life noch nicht mal gut. Ich sehe nichts vor lauter Pixeln, ich fühle nichts vor lauter Technik vor mir, ich höre nichts vor lauter virtuellem Geschrei, und ich frage mich, welcher normale Mensch ernsthaft Geld für Prostituierte im Netz zahlt. Ich möchte diese Menschen nicht kennen lernen. Auch nicht dort.
Manchmal sieht es so aus, als seien die ganzen Alles-geil-Artikel aus Halbwissen und abgetippten PR-Texten zusammengeschreddert. Als "ausgewachsene Sexorgie" hat Blogger Thomas Knüwer das Tun der Journalisten einmal bezeichnet, und Spiegel Online - mit seinem Second-Life-Tagebuch seit Januar dabei - schreibt mittlerweile selbst: "Das meiste, was über diese virtuelle Welt geschrieben wird, ist tatsächlich schlecht informiertes Hype-Gejubel oder Selbstvermarktung." Gut, gut. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.
Bitte, es muss schnell vorbei gehen. Warum ist Second Life aus Sicht vieler der nächste Kandidat für die Welthandelsorganisation? Warum läuft jeder Journalist den Handtaschen-Trägerinnen aus der PR-Branche hinterher, wenn die nächste Firma, die nächste Musikband, der nächste Verrückte mit Sack und Pack ins zweite Leben wechselt? Warum ist die Party nicht langsam vorbei? Warum muss es passieren, dass sich nun selbst Staatsanwaltschaften einschalten müssen, um gegen Kinderpornographie in einer virtuellen Welt vorzugehen?
3D-Welten sind faszinierend, keine Frage. Nur: Niemand braucht Second Life. Irgendwann wird einer kommen und es besser machen. Dann ärgern sich alle, die in Second Life investiert haben und noch mal ganz von vorne anfangen dürfen. Oder Google kommt irgendwann und kauft den Laden, um dort Werbung unterbringen zu können. Oder aber es kommt, wie es vor ein paar Jahren schon kam: Die Blase explodiert, und hinterher sind alle schlauer. Bis das Web 3.0 kommt.
Die Second-Life-LügeBLOG: Rainersacht über das "wahre Second Life"
Sexorgie mit Second LifeBLOG: Thomas Knüwer über Second Life und die Journalisten
getafirstlife.com: Second-Life-Satire
Glossar: Die wichtigsten Begriffe zu Second LifeStand: 08.05.2007
