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MY SECOND 1LIVE
Von Angie Reinhardt
Stell dir vor, du feierst Geburtstag - und keiner kommt. Genau das ist Gina Ewing passiert: Unser 1LIVE-Avatar in Second Life wurde dieses Wochenende ein Jahr alt und war dabei ziemlich einsam.
Kein Avatar, nirgends: Geburtstagskind Gina ist enttäuscht. Da hat sie bis zu ihrer Reanimation monatelang im "Thee Lions Pub" ausgeharrt, hat dort unzählige virtuelle Biere kippen müssen (ohne vom Stuhl zu fallen) und brav gewartet, bis sie pünktlich nach einem Jahr im "zweiten Leben" wieder auf Recherche-Tour gehen darf - und dann ist keiner da, um mit ihr Geburtstag zu feiern.
Genau vor einem Jahr boomte "Second Life": Die Nutzerzahlen der 2003 gestarteten 3D-Welt explodierten, das Thema ging durch alle Medien, jeder bastelte eifrig an "seinem" Avatar, und manche Trendforscher prophezeiten gar das Ende unserer ach so öden, real existierenden Erstwelt. Und jetzt - ein Jahr später? Was ist vom Hype geblieben?
Laut Betreiberfirma Lindenlab hat Second Life (SL) mittlerweile 12,5 Millionen Einwohner (ähnlich viele leben in Griechenland) und bedeckt eine virtuelle Fläche von 900 km² (das ist in etwa so groß wie Venezuela). Im Schnitt sind 30.000-40.000 SL-User parallel online, sie können sich dank Voice-Chat auf Wunsch inzwischen sogar akustisch miteinander unterhalten.
So geduldig sind auch nur Frauen: Hier im "Thee Lions Pub" hat Gina gewartet - und gewartet und gewartet...
Man könnte also fast erwarten, dass einem babylonisches Stimmengewirr entgegenschlägt, wenn man die 3D-Welt betritt, über "Orientation Island" oder einen anderen Startpunkt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Als Gina vor dem Pub ihre ersten wackligen Flugübungen absolviert (auch wer virtuell rastet, rostet) tut sie das allein und in völliger Stille. Es fehlt sogar die (fast erwartete) MP3-Dauerbeschallung mit den Lieblingssongs des Pub-Besitzers. Kein großer Verlust, denkt Gina, vielleicht ist der Laden ja einfach nicht mehr angesagt - checken wir mal das deutschsprachige Sim "Apfelland", da war vor einem Jahr immer was los.
Doch auch das Apfelland wirkt öde und verlassen, viel mehr als ein paar kitschige Fachwerkhütten und einen Schilderwald mit der Aufschrift "Grundstück kaufen!" gibt es nicht zu sehen, von anderen Avataren ganz zu schweigen. Wer soll da bloß Land kaufen und Häuser bauen? Obwohl, ist vielleicht auch besser so: Trotz der viel beschworenen Kreativität seiner Bewohner sieht Second Life immer noch genauso geschmacklos aus wie vor einem Jahr. "Wisdom of the crowd"? In dem Fall: Nein, danke!
Gina zieht weiter, entlang der Koordinaten des Grids und zu den Orten, die sie ein Jahr zuvor besucht hat: Die Oper auf "Intempesta Nox" und der "Second Louvre" - unverändert einsam. Die "Secret Gardens of Apollo" und die "Moonlight Mansion" - inzwischen verlassen. "Carduccis Ghetto" oder die "Phat Cats Lounge" - jetzt unauffindbar. Fast verzweifelt lässt sie sich sogar nach "Barcelona" teleportieren - ein Sim, das sie seinerzeit eher gemieden hatte, weil es so chronisch übervölkert war, dass die Avatare oft schon während ihrer Ankunft in der virtuellen Luft erstarrten.
Nicht so heute: Gina kann sich mühelos bewegen, auch fliegen, ja sogar winken und rufen. Aber keiner hört zu. Endlich trifft sie auf einen Leidensgenossen: "Fred Fussbudget" kann zwar auch nicht sagen, wo alle hin sind, hat aber immerhin einen lustigen Namen und gibt ihr den Tipp, mal im Nutzerkonto nachzusehen, welcher ihrer Avatar-Freunde derzeit online ist. Ergebnis: keiner. Nach einer weiteren Stunde fruchtloser Suche gibt Gina auf. Es wird wohl Zeit, denkt Gina, dass ich mich vom zweiten Leben verabschiede. Und mit dieser Meinung ist sie nicht allein.
Die Liste der Firmen, die ihre virtuelle Präsenz in Second Life reduziert oder ganz aufgegeben haben, ist lang: Adidas schloss seinen vielzitierten Sneakers-Shop im vergangenen August, davor waren schon der Computerhersteller Dell und die US-amerikanische Hotelkette Starwood ausgestiegen. Jetzt, Mitte Februar, beendete auch die Deutsche Post ihr Engagement in der Parallelwelt und schloss ihre virtuelle Postfiliale - und das, obwohl Gewinne aus Second-Life-Deals in Deutschland noch als steuerfrei durchgehen.
Sicher, die digitale Karawane aus Usern und Unternehmen zieht weiter, viele haben in virtuellen Welten wie "There", "Entropia Universe" bereits eine neue Heimat gefunden. Man sollte niemals nie sagen, und wer weiß schon, wohin uns Neugier und Technikbegeisterung am Ende noch treiben. Aber ziemlich sicher ist wohl: Nicht mehr ins "zweite Leben". Da machen wir jetzt das Licht aus - goodbye, Gina.
My Second 1LIVE - die SerieGina Ewing startet ins zweite Leben...
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Glossar: Die wichtigsten Begriffe zu Second LifeStand: 25.02.2008
