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MAGAZIN SPECIAL
Von Andrea Mayer
Zwei Millionen Deutsche haben schon einmal leistungssteigernde
oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen, um im Job besser zu funktionieren. Rund
800.000 Menschen dopen sich
sogar regelmäßig. Viele von ihnen sind Akademiker. Das
hat eine repräsentative Studie der Krankenversicherung
DAK
ergeben.
Leistungsdruck, Angst oder Streß: Es gibt viele Gründe sich auf zu puschen - doch genauso viele Nebenwirkungen!
In der Regel greifen die Doper zu drei Arten von Substanzklassen: Antidepressiva, die entspannend wirken sollen. Betablocker zur Bewältigung von Stress und Ängsten. Und Mitteln gegen ADHS, die üblicherweise Kindern verordnet werden, die unter dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom leiden. Bei Erwachsenen sollen sie die Konzentration erhöhen. Tatsächlich erfüllen die Medikamente erst mal das angestrebte Ergebnis, bestätigt Allgemeinmediziner Dr. Michael Radetzki. Die Nebenwirkungen – etwa von Ritalin – sind jedoch drastisch: "Das hat eine stark aufputschende kokainähnliche Wirkung, die auf Dauer zu starker nervlicher Erschöpfung führt – Schlaflosigkeit! Und das, was man sich für eine gewisse Zeit erkauft an Vitalität und Durchhaltevermögen, muss man dann natürlich hinterher auch wieder abschlafen. Da gibt es keine Wunder." Weitere Nebenwirkungen können sein: Herz-Rhythmus-Störungen, Nervenzusammenbrüche, Impotenz, sogar Selbstmordgedanken.
Michael Schröder (Name von der Redaktion geändert), Unternehmensberater in Köln, ist sich über die Risiken völlig im Klaren. Vor einigen Wochen ist ein Kollege von ihm im Auto tödlich verunglückt. Die Untersuchungen der Ärzte ergaben, dass der Mann kurz zuvor einen wilden Cocktail aus Medikamenten eingenommen hatte. Jahrelang habe sich der Kollege gedopt, meint Schröder. Das sei in der Branche keine Seltenheit. Auch er schluckt seit dem Studium die verschiedensten Medikamente: Blutverdünner. Mittel gegen Asthma, die bei gesunden Menschen aufputschend wirken. Tabletten gegen Panikattacken – zur Entspannung. Abends noch ein Joint und gelegentlich Kokain, aufgelöst in Nasenspray.
Michael Schröder ist 35 Jahre alt, arbeitet durchschnittlich 12 bis 15 Stunden am Tag. Er zählt zu den Spitzenverdienern in seiner Firma. Seine Frau und die beiden Kinder wissen nichts von seinem Tablettenkonsum. Die Pillen hat er sicher im Auto versteckt. Den Arbeitsalltag ohne Doping überstehen? Michael Schröder sieht da keine Chance: "Ich weiß, dass die Mittel schädlich sind. Aber irgendwann trifft man die Entscheidung, dass man einen bestimmten Weg einschlagen möchte. Bei mir ist es so: ich will jetzt dieses Meeting gut machen. Ich möchte jetzt total präsent sein bei den Leuten. Und deswegen nehme ich trotzdem dieses Mittel, um mein Ziel zu erreichen, unter den Top drei der Manager hier im Unternehmen zu sein." In ein paar Jahren hat er sich zum Ziel gesteckt, ohne Tabletten auszukommen – wenn er sich so weit hochgearbeitet hat, dass sein Job zwar an Verantwortung wächst, aber weniger Zeit in Anspruch nimmt. Bis dahin müsse Michael Schröder aber noch 150 Prozent geben.
Ein süchtiger Patient ist ein treuer Patient. Doch nicht nur die Ärzte, auch die Konsumenten sind zu leichtfertig.
Die Medikamente lässt sich der Unternehmensberater von Freunden aus dem Ausland mitbringen. Oder er bestellt sie im Internet. Auch innerhalb von Deutschland hat er Ärzte, die ihm problemlos seine Medikamente verschreiben. Für Suchtberaterin Helene Krötz aus Köln ist es erschreckend, wie problemlos Menschen über Ärzte an aufputschende Medikamente kommen: "Wir schlagen da innerlich die Hände über dem Kopf zusammen und verstehen einfach nicht, wie das teilweise wirklich so unverantwortlich gehandelt wird." Helene Krötz kann sich den Leichtsinn der Ärzte nur so erklären: "Für manche Mediziner sind das treue Patienten. Die kommen ja auch immer wieder, weil sie ja ihr Medikament haben wollen. Was ihnen ja ganz offensichtlich erst mal gut tut. Das heißt also: Damit hält man sich auch Patienten ganz schön warm."
Die Ursache für Medikamentenmissbrauch liegt aber nicht nur bei den Ärzten, betont die Suchtberaterin. Natürlich sind die Konsumenten in erster Linie selbst dafür verantwortlich, was sie tagtäglich ihrem Körper zumuten. Problematisch sei jedoch, dass das Bewusstsein für Medikamentenmissbrauch und Abhängigkeit bei vielen sehr gering sei. Schließlich habe der Arzt das Mittel ja verschrieben.
"Medikamente haben in Deutschland ein sehr positives Image", bestätigt auch Psychologin Annelen Collatz von der Ruhr-Universität Bochum. Sie seien für viele in erster Linie Heilsbringer. Die Nebenwirkungen geraten da schnell aus dem Auge, geht es doch in erster Linie darum, dem wachsenden Leistungs- und Wettbewerbsdruck in der Arbeit stand zu halten. Auffällig ist für die Psychologin, dass Frauen in der Regel zu stimmungsaufhellenden Medikamenten greifen, während Männer eher den Kick suchen, ihre Leistung noch mehr zu steigern.
Nicht selten handle es sich dabei um so genannte Narzissten, erklärt die Psychologin. "Das sind Leute, die sagen: Ich möchte brillant sein. Ich möchte hervorragend sein. Dafür müssen sie höher, schneller, weiter arbeiten als alle anderen. Das sind Menschen, die glauben an sich, haben so einen VIP-Status, sind was ganz besonderes. Sie haben aber in sich immer auch eine Stimme, die sagt: Du kannst nichts." Um diese Stimme zu unterdrücken, greifen sie dann zu Medikamenten.
Besonders kritisch ist der Konsum von ADHS-Medikamenten, die ursprünglich nur für Kinder gedacht waren.
Stress, Müdigkeit, Ängste mit Pillen wegschlucken? Scheint ja auch eine recht unkomplizierte Methode, sagt Arbeitsmediziner Walter Dresch aus Köln: "Die Versprechen der Pharmaindustrie, dass man mit Medikamenten soziale Probleme lösen kann, die klingen so einfach, dass man ihnen gerne hinterher rennt. Ich persönlich halte da nichts von." Besonders kritisch stuft Walter Dresch den wachsenden Verbrauch von ADHS-Mitteln ein, die ursprünglich nur Kindern verabreicht wurden und unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
"Und auf einmal gibt es ganz viele Erwachsene, die sagen: Ich habe auch diese Diagnose und muss jetzt auch diese Medikamente haben. Und tatsächlich gibt es jetzt auch schon Medikamente, die trotz dieser starken stimulierenden Wirkung nicht mehr auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden müssen. Da scheint ein neuer Markt zu entstehen", sagt Dresch. Ob es die Probleme wirklich gibt, für die die Pharmaindustrie auf diesem Markt Lösungen anbietet, wagt Dresch zu bezweifeln. Klar ist für ihn dagegen, dass das Phänomen Doping am Arbeitsplatz weiter zunehmen wird.
Stand: 24.02.2009
