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Magazin | Sport

Ein kleines bisschen Horrorshow

Fangewalt-Debatte: Hysterie und Realität

Von David Schumann

Seit einiger Zeit ist es fast unmöglich, einen Blick in eine Zeitung oder Nachrichtenseite zu werfen ohne irgendwo einen neuen Bericht über die "neue Dimension der Gewalt beim Fußball" zu finden. TV-Sendungen stürzen sich auf das Thema, Moderatoren verbrennen im Fernsehen zu Demonstrationszwecken Schaufensterpuppen mit Pyrotechnik und die DFL arbeitet an einem neuen Konzept mit dem Titel "Sicheres Stadionerlebnis", gegen das sich gerade auf Seiten der aktiven Fans breiter Widerstand regt. 1LIVE-Reporter David Schumann geht selbst regelmäßig in ein großes Erstliga-Stadion und hat von einem Anstieg der Gewalt in den letzten Jahren nichts bemerkt. Der Versuch einer Deeskalation.

Spätestens als die "Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) der Polizei unlängst neue Zahlen zum Thema Gewalt in deutschen Fußballstadien vorlegte, schien sich zu bestätigen, worüber in großen Teilen der Medien in letzter Zeit - teilweise höchst unreflektiert - häufig berichtet wurde: Von einem "ansteigend hohen Niveau" der "Ausschreitungen durch aggressive und gewaltbereite Personen in der Fußballfanszene" ist dort die Rede. Für viele Menschen wird so der Anschein erweckt, in den Stadien der Fußball-Bundesliga herrsche regelrecht Bürgerkrieg. Politiker wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) drohen mit einer Einschränkung oder Abschaffung der Stehplätze, härteren Kontrollen, personalisierten Tickets und lebenslangen Stadionverboten, um der offenbar aus dem Ruder laufenden Gewalt in und um das Stadion Herr zu werden. Aber ist es in unseren Stadien wirklich so gefährlich, wie Polizei, Politiker und DFB-Funktionäre es uns immer wieder erzählen?

Statistik vs. Interpretation

Immerhin hat es laut ZIS-Bericht im letzten Jahr eine Gesamtzahl von 1142 Verletzten bei allen Spielen der 1. und 2. Bundesliga, sowie im DFB-Pokal, den internationalen Wettbewerben wie Europa und Champions League sowie Länderspielen gegeben. Das klingt nach viel, keine Frage. In den richtigen Zusammenhang gesetzt, relativieren sich diese anfangs so drastisch klingenden Zahlen aber deutlich: In den 612 von der ZIS betrachteten Spielen waren insgesamt ca. 18,7 Millionen Zuschauer zugegen. Prozentual beläuft sich die Zahl der Verletzten also auf 0,0064 Prozent. Zieht man davon die Zahl der verletzten Polizisten (laut ZIS 235) ab, bleiben am Ende noch 0,0051 Prozent aller Stadionbesucher übrig, die beim Besuch eines Fußballspiels innerhalb eines Jahres zu Schaden kamen. Die Zahl der Fans und Zuschauer, die dabei durch Pfefferspray- oder Schlagstock-Einsätze der Polizei - und nicht etwa durch marodierende Hooligans - verletzt wurde, wird in der ZIS-Studie übrigens nicht gesondert aufgeführt.

Realität vs. Horrorshow

Fankurve, Rechte: WDR/ImagoBild vergrößern

Die Duisburger Fans äußern ihre Meinung

Auch wenn der Vergleich bereits an vielen Stellen gezogen wurde, verdeutlicht er nach wie vor gut die Hysterie, mit der momentan über Gewalt beim Fußball gesprochen wird: "Allein beim Münchner Oktoberfest gibt es täglich rund 800 Verletzte", so Helmut Spahn, immerhin ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des DFB, in einer TV-Debatte mit Offiziellen und Fans im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF Anfang dieses Jahres. Personalisierte Eintrittskarten oder ein generelles Alkoholverbot fordert in diesem Zusammenhang allerdings niemand. Klar ist: Jeder Verletzte beim Fußball ist selbstverständlich ein Verletzter zu viel. Von den Horrorszenarien, die momentan allerorts gezeichnet werden, ist die Realität aber glücklicherweise meilenweit entfernt. Eine Erkenntnis, die auch viele der harte Strafen fordernden Diskussionsteilnehmer bekommen müssten - wenn sie denn tatsächlich mal ins Stadion und in die Fankurven gingen und sich die Lage vor Ort anguckten, anstatt immer nur darüber zu reden. Übrigens: Der Bericht der ZIS besagt nicht einmal explizit, ob die Verletzungen im Stadion, vor dem Stadion oder bei der Anfahrt - beispielsweise am Bahnhof oder bei Auseinandersetzungen auf dem Parkplatz entstanden sind. Ob es die vermeintlichen Gewaltexzesse im Umfeld von Fußballspielen wirklich eindämmt, wenn im Stadion stärker kontrolliert wird?

Fankultur vs. Eventkultur

Warum es für den Fußball so wichtig ist, die Zahlen der ZIS in Relation zu setzen und vor einer weiter um sich greifenden Hysterie zu warnen, zeigt das Beispiel England. Früher für seine euphorischen Fans, seine stimmungsvollen Stadien und aufregende Fußballkultur bekannt, ist die Gegenwart auf den Tribünen im einstigen "Mutterland des Fußballs" inzwischen trist und trostlos. Mit einem starken Anstieg der Eintrittskartenpreise, gekoppelt an die komplette Abschaffung der Stehplätze und einem generellen Alkoholverbot, hat der Verband die Fans, die für die Stimmung maßgeblich verantwortlich sind, aus den Stadien vertrieben und durch ein Eventpublikum aus Besserverdienenden ersetzt. Die Eintrittskarten sind inzwischen so teuer, dass die oft jungen und begeisterungsfähigen Fans und Supporter sich diese einfach nicht mehr leisten können. Auch ältere Fans aus England fahren inzwischen lieber vermehrt nach Dortmund, Schalke und St. Pauli anstatt sich ein überteuertes Premier-League-Spiel anzuschauen, sie schätzen die lebendige und noch dazu günstigere Fankultur in deutschen Stadien, in denen sie im Gegensatz zu ihrer Heimat auf billigen Stehplätzen Bier trinken und singen können.

Doch genau diese für den Fußball so typische Fankultur wird durch die unreflektierte Panikmache vieler Boulevard-Medien und die reflexhaften, oftmals populistischen Forderungen vieler Politiker in Gefahr gebracht. Es empfiehlt sich also, genau hinzugucken, sachlich zu diskutieren und Problemfans, die es unbestritten gibt, zu isolieren anstatt sie zusammen mit der überwiegenden Mehrheit an friedlichen Fans und Zuschauern in einen Topf zu stecken - denn die müssen in letzter Konsequenz die Zeche dafür zahlen, dass sich einige wenige daneben benehmen und die gesamte Fanszene in ein schlechtes Licht rücken.  Vor allem aber gilt es für die Entscheider, sich nicht vorschnell in eine für den Fußball verheerende Richtung drängen zu lassen. Denn dafür steht für Fans und den Sport zu viel auf dem Spiel.

Schweigen vs. Stimmverlust

Fankurve, Rechte: dpaBild vergrößern

Ohne Stimme keine Stimmung, auch auf Schalke

Am 12. Dezember 2012 tagte die Deutsche Fußball Liga (DFL) endgültig über ihr umstrittenes Konzept "Sicheres Stadionerlebnis". Darin sind bereits einige Punkte enthalten, die von Fanvertretern als massive Eingriffe in ihre so geliebte und gelebte Kultur bundesweit kritisiert werden. Unter dem Motto "Ohne Stimme keine Stimmung" schwieg "der zwölfte Mann" bei allen Bundesliga-Partien zwischen dem 14. und dem 16. Spieltag für 12 Minuten und 12 Sekunden (auf Grund der Verabschiedung des Sicherheitspapiers am 12.12.2012), um für den Erhalt der gegenwärtigen Fankultur zu protestieren. Eine Aktion, die - zusammen mit zahlreichen Fan-Demos im Rahmen der Spiele - eindrucksvoll zeigte, wie es in den Stadien aussähe, wenn die stimmgewaltigen Supporter und aktiven Fans mit ihren bunten Choreografien und kreativen Gesängen aus den Kurven verdrängt würden: Es herrschte in diesem Zeitraum eine gespenstische Stille, die das eigentliche Spiel aus dem Rasen fast zur Bedeutungslosigkeit degradierte. Ungeachtet dessen entschied die Vollversammlung der DFL mehrheitlich für ihr Konzept "Sicheres Stadionerlebnis".

Stand: 27.11.2012

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