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INTERVIEW
Er ist gut Freund mit Castro, Chavez und Maradona, unterstützt die Zapatista, engagiert sich gegen die Globalisierung, wettert gegen Sarkozy und genießt das Leben als Grenzgänger zwischen den Kontinenten und Kulturen. Willkommen in der aufregenden Welt von Manu Chao (46) – dem Che Guevara des Pop.
1LIVE: Manu, dein letztes offizielles Album datiert von 2002. Wo hast du all die Jahre gesteckt?
Manu Chao: Nun, das Leben ist halt sehr intensiv. (lacht ) Ich habe ein Buch mit meinem Freund Wozniak aus Polen veröffentlicht, und Akli D., Amadou & Mariam und ihren Sam produziert. Er heißt Sam und hat eine HipHop-Band in Bamako, namens Smod. Dann arbeite ich noch mit einer kleinen Radiostation in Buenos Aires namens La Colifata. Die ist ein bisschen spezieller, weil sie aus einer neuropsychologischen Anstalt sendet und die Patienten das Programm machen. Das unterstütze ich jetzt schon vier oder fünf Jahre. Und vor kurzem haben wir uns entschieden, eine offizielle CD zu machen. Wir haben nämlich schon ein paar in Kleinstauflagen gemacht und sie auf der Straße verkauft. Etwa, um Musikern in Barcelona zu helfen – und natürlich dem Sender. Aber jetzt wollen wir eine ganz offizielle CD machen, damit sie das Radio weiterfinanzieren können und Geld für technische Neuanschaffungen haben. Denn da herrschen wirklich schlimme Verhältnisse. Und dann bin ich noch mit meiner Band rumgereist. Also Radio Bemba. Die letzten zwei Jahre waren wir in Südamerika, ein bisschen in Europa und in Nordamerika. Da vergeht die Zeit wirklich sehr schnell.
1LIVE: Dabei dachten nicht wenige, du hättest dich nach dem Live-Album "Radio Bemba Sound System" bewusst aus dem Musikgeschäft zurückgezogen.
Manu Chao: Das ist Quatsch. Ich lebe einfach mein Leben, ich spiele Musik, ich nehme Songs auf. Und ich weiß nie, was als nächstes passiert. Etwa, ob die Leute diese CD mögen werden oder nicht. Dabei habe ich persönlich da mein ganzes Herz reingelegt. Und das hat mich Stunden um Stunden gekostet - auch, wenn es mir Spaß gemacht hat. Von daher ist meine Arbeit beendet - jetzt sind die Leute dran. Mal schauen, was sie dazu sagen.
1LIVE: Dein größter Hit ist "Bongo Bong", der mittlerweile zu einem richtigen Monster geworden ist. Ein Fluch oder ein Segen?
Manu Chao: (lächelt ) Ich weiß es nicht. Es ist definitiv der Song, der am häufigsten gecovert wird. Aber worauf ich eigentlich am meisten stolz bin ist, dass gerade Kinder darauf stehen. Das ist toll, und deshalb werde ich ihn auch weiterhin spielen.
1LIVE: Wie denkst du über die zahlreichen Coverversionen - etwa von Robbie Williams?
Manu Chao: Das ist interessant. Ich bekomme eine Menge Coverversionen übers Internet zu hören oder jemand schickt mir eine CD. Und Robbie hat, soviel ich weiß, "Bongo Bong" gecovert...
1LIVE: Und: Hat es dir gefallen?
Manu Chao: Es war nicht schlecht - aber auch nicht wirklich gut. Die beste Version ist von einem DJ namens Dr. Maniac. Er kommt aus Guyana. Das ist der beste Mix von "Bongo Bong", den ich je gehört habe - ganz sicher. Aber ich bekomme wirklich sehr viele und freue mich auch darüber. Einfach, weil die Leute wirklich sehr kreativ sind und etwas sehr Interessantes machen. Ich mag es, so unterschiedliches Feedback zu bekommen.
1LIVE: Wie gehst du mit deiner wachsenden Popularität um? Ziehst du dich bewusst zurück - und ist das bei deinem Bekanntheitsgrad in Frankreich und Südamerika überhaupt möglich?
Manu Chao: Berühmt oder nicht – das entscheide ja nicht ich. (lächelt) Ich habe nicht die Macht, die Leute dahingehend zu beeinflussen, wie sie auf meine Musik reagieren und ob sie ihnen gefällt. Und daran habe ich mich über die Jahre gewöhnt. Weißt du, ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Typ. Von daher ist das nicht einfach. Aber dieses ganze Popularitäts-Ding ist ja nach und nach passiert. Von daher hatte ich genug Zeit, mich daran zu gewöhnen. Und es ist auch kein großes Problem. Es würde zum Problem werden, wenn ich deshalb nicht mehr auf der Straße leben könnte. Denn das liebe ich nicht nur - das brauche ich auch. Selbst, wenn ich in Barcelona bin, der Stadt in der ich lebe, gehe ich nur zum Schlafen nach Hause. Ich esse in einer Bar, ich schaue mir Fußballspiele in einer Bar an, ich lese meine Zeitung in einer Bar, und ich nehme aktiv am Leben auf der Straße teil. Und wenn du zu bekannt wirst, ist es vielleicht nicht mehr so einfach, auf der Straße rumzuhängen. Aber momentan ist das noch kein Problem. Klar, die Leute erkennen mich, aber sie respektieren mich auch. Und dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Denn ich brauche das. Ich muss auf der Straße sein. Und das erlauben mir die Leute. Sie belästigen mich nicht. Und das finde ich toll. Natürlich kommen eine Menge auf mich zu und stellen mir Fragen. Aber nachdem sie das getan haben, frage ich sie eben auch nach Dingen aus ihrem Leben. Sie fragen mich und ich sie. Was ich sehr interessant finde. Aber wie gesagt: Normalerweise bin ich eher ein schüchterner Typ, und halte mich bewusst von Leuten fern. Aber wenn sie zu mir kommen, ist das eine gute Therapie. (lacht )
1LIVE: Ist das der Plan für die nächsten Jahre?
Manu Chao: Ich hoffe es. Aber ich mache keine Pläne, schon gar nicht Jahre im Voraus. Mein Plan endet mit dem letzten Konzert dieser Tour. Danach habe ich erst mal nichts mehr in meinem Terminplan. Aber ich weiß natürlich, dass wir bald wieder touren werden. Einfach, weil es das ist, was meine Band will. Radio Bemba wollen immer touren. Und wenn sie wollen, dann will ich auch. Einfach, weil ich die Jungs liebe. Und weil diese verrückte Familie, die wir bilden, wirklich sehr wichtig für mich ist. Deshalb organisieren wir gerade eine kleine Europatour für September/Oktober, ehe Madjid, der Gitarrist, einen Sohn bekommt und wir eine kleine Pause einlegen müssen.
1LIVE: Demnach ist alles, was du brauchst, ein Koffer und eine Gitarre?
Manu Chao: Und meine Freunde - wenn möglich. Denn ich toure am liebsten mit der Band, mit meiner Radio-Bemba-Familie. Das ist ein großer Spaß. Natürlich reise ich auch gerne alleine. Aber mit der Band ist es doch was Anderes. Da macht das Spielen einfach mehr Spaß, und das Publikum ist stellenweise so wild drauf, dass es der Wahnsinn ist. Da herrscht eine unglaubliche Energie.
1LIVE: Mal ehrlich: Hast du bei deinen ganzen Trips nie Angst? Gerade an Orten in Südamerika, die von Drogenkartellen, Militär und Milizen kontrolliert werden?
Manu Chao: Natürlich habe ich Angst. Und wie. Wenn wir jetzt von der Zugfahrt sprechen, die ich in den 90ern mit Mano Negra durch Kolumbien unternommen habe, dann gab es da Orte tief im Landesinneren, wo es nicht ganz so einfach war. Und da hatte ich sogar eine Menge Angst. Aber was willst du machen? Du bist schließlich da und kommst auch nicht weg. Also musst du damit klarkommen. Aber schau: Jahre später ist diese Tour durch Kolumbien eines der schönsten Abenteuer, die ich im Leben hatte. Natürlich war ich zwischendurch nicht immer glücklich und eigentlich sogar ziemlich müde und in einer fürchterlichen Verfassung. Aber sich an all das zu erinnern, was da passiert ist und in all diesen Geschichten und Erinnerungen zu schwelgen, ist einer der schönsten Schätze, die ich in meinem Gedächtnis habe. Und ich muss sagen: Kolumbien ist ein wahnsinnig aufregendes Land, dem ich zu ewigem Dank verpflichtet bin.
1LIVE: Wie denkst du über Chavez? Ist er deiner Meinung nach ein guter Präsident?
Manu Chao: Ich habe in meinem Leben noch keinen guten Präsidenten getroffen. Aber ich kann sagen, dass er definitiv nicht der schlechteste ist, den Venezuela je hatte. Zumindest wenn wir ihn jetzt mit seinen Vorgängern vergleichen. Da ist er definitiv besser. Und als wir letztes Jahr da gespielt haben, habe ich mir noch mal die Viertel angesehen, in denen wir Jahre zuvor mit Mano Negra aufgetreten sind, als Chavez noch im Gefängnis war. Und mittlerweile hat sich da wirklich einiges verändert. Gerade in den Armenvierteln von Caracas. Da gibt es jetzt Medizin, die Schulen sind besser, und vor allem vertraut die Staatsgewalt wieder der Jugend. Die haben da mal eben eine Show für mich organisiert, und zwar in der größten Halle. Das waren alles Leute unter 30, die keinerlei Erfahrung hatten, wie man so etwas macht. Es war also nicht der selbe große Promoter, der all diese Konzerte auf der ganzen Welt veranstaltet, sondern die Stadtverwaltung hat ein paar junge Burschen aus einem Armenviertel gebeten, ein Gratiskonzert mit mir zu organisieren. Und das fand ich unglaublich positiv. Als wir vor ein paar Wochen in Washington, DC gespielt haben, kamen eine Menge Leute von der venezolanischen Botschaft zur Show. Ich war wirklich überrascht - keiner von ihnen war über 35 Jahre alt. Von daher muss die venezolanische Botschaft ein echter Hotspot sein. Und das ist es, was ich über Venezuela denke. Was ich dagegen absolut nicht mag, ist die Art, wie das Land in den amerikanischen und europäischen Nachrichten dargestellt wird. Da ist alles so verzerrt und so einseitig. Die reden da immer nur über die schlechten Dinge, aber nie über die guten, die da eben auch passieren - und zwar mehr denn je zuvor.
1LIVE: Weil der Westen Angst vor einem sozialistischen Südamerika hat?
Manu Chao: Richtig: Das hat er definitiv. Und es macht mich sehr traurig, wenn ich in Europe mitbekomme, wie da über Venezuela berichtet wird. Ich rede jetzt über journalistische Ethik. Und wenn du mich fragst, ist es eine Schande - eine echte Schande. Ich sage ja nicht, dass in Venezuela alles gut ist, aber wenn man über Sachen redet, die schlecht laufen, dann muss man auch über Sachen reden, die gut laufen. Das ist alles, was ich verlange. Dasselbe mit Kuba. Das ist zwar auch kein Paradies. Aber ist Kolumbien ein Paradies? Ist Brasilien eins? Nein, bei weitem nicht. Von daher bitte ich die Journalisten nur darum, ihren Job vernünftig zu machen. Und ich weiß, dass das nicht leicht ist, weil mehr und mehr Zeitungen und TV-Sender irgendwelchen großen, multinationalen Firmen gehören. Von daher wird es für Journalisten immer schwieriger, die Wahrheit zu sagen. Aber ich meine, ich bin ja auch nicht glücklich damit, dass in Kuba so viele Leute allein wegen ihrer politischen Überzeugung inhaftiert werden. Das ist falsch. Und insofern ist es wichtig, dass das überall auf der Welt diskutiert und beanstandet wird. Aber die selben Leute müssen eben auch sagen, dass Kuba das einzige Land in Südamerika ist, wo niemand die vielen Straßenkinder tötet. Wo Bildung gratis ist und wo Menschen aus allen Teilen Südamerikas umsonst studieren können. Als ich letztes Jahr auf Kuba gespielt habe und über 100.000 Menschen zu meinem Konzert im Malecon gekommen sind, da war ich echt baff, so viele Leute aus allen Teilen der Welt zu sehen. Die waren da, weil Bildung auf Kuba gratis ist. Und das finde ich gut. Was mich aber nicht zum Castro-Anhänger macht. Ich will nur, dass die Leute alle Informationen bekommen - und nicht nur eine verzerrte Sichtweise.
1LIVE: Und warum unterstützt du die Zapatista-Bewegung?
Manu Chao: Weil sie Hilfe von außen braucht - und zwar dringend. Weil die Leute in der ganzen Welt erfahren müssen, was da in La Selva Lacando und überall in Mexiko passiert. Momentan herrscht zum Beispiel ein riesiges Problem in Huaca, und wir versuchen, so viele Leute wie möglich darüber zu informieren. Da sind immer noch unglaublich viele Menschen im Gefängnis, und das allein aus politischen Gründen. Dagegen versuchen wir Unterschriften zu sammeln und einen gewissen Druck auszuüben, damit sie endlich entlassen werden. Dasselbe gilt für viele Leute in Atenco, die aus dem selben Grund inhaftiert sind. Und deshalb brauchen wir Hilfe von außen und nicht nur aus Mexiko. Wir müssen die Regierung dazu bewegen, dass sie endlich aufhört, die politische Opposition ins Gefängnis zu werfen, was ja nichts mit Demokratie zu tun hat.
1LIVE: Zudem gilt Manu Chao als Ikone der Globalisierungsgegner. Ist er glücklich mit dieser Rolle?
Manu Chao: Nein, das bin ich nicht. Und da ist auch kein Platz für Ikonen. Ich meine, es ist eine große Bewegung, und wer da mitmacht, versucht, eine bessere Welt für seine Kinder zu schaffen. Aber diese Intention ist auch das einzige, was sie verbindet. Eben ganz selbstlos für eine bessere Zukunft zu sorgen. Und für mich ist es ungemein wichtig, dass diese Bewegung möglichst horizontal ausgerichtet ist. Diese Bewegung braucht keine Führer und keine Ikonen. Das wäre sogar das schlimmste, was passieren könnte. Und deshalb will ich auch keine sein. Zumal man als Anführer unglaublich leicht korrumpiert werden kann. Und niemand aus der Bewegung erachtet mich als Anführer. Es war immer die Presse, die das getan hat.
1LIVE: Hast du ein Mittel gegen den wachsenden Einfluss von multinationalen Großkonzernen? Etwa Boykott?
Manu Chao: Da gibt es viele Dinge, die man tun kann. Ich denke, das erste wäre, diesen verrückten Konsum zu stoppen. Das ist die Sache, die mich wirklich beunruhigt. Nämlich die mangelnde Ausbildung. Die Lösung aller großen Probleme in der Welt kann nur durch bessere Bildung und Erziehung herbeigeführt werden. Und ich befürchte, dass die Familien in den Armenvierteln der Welt gar nicht die Möglichkeit haben, ihre Söhne und Töchter vernünftig auszubilden - da reicht es meistens nicht mal für die Schule. Stattdessen werden die Kinder durch das Fernsehen erzogen, und dessen einzige Botschaft besteht eben darin zu konsumieren. Du brauchst immer das Neueste, sonst bist du ein niemand. Und das ist die einzige Bildung, die viele dieser Kids genießen, was ich für sehr gefährlich halte. Denn wir können nicht einfach immer nur konsumieren. Das macht unser Planet nicht mehr lange mit - der hat gar nicht genug Ressourcen dafür.
1LIVE: Und die USA setzen weiterhin auf reinen Konsum beziehungsweise ignorieren alle Umweltfragen - obwohl sie die größten Verschmutzer sind?
Manu Chao: Das ist eine echte Schande, so viel ist sicher. Und wenn wir das jetzt mit menschlichen Augen betrachten, dann müssen wir uns große Sorgen um die Erde und um die Natur machen. Aber wenn wir das Ganze aus Sicht der Natur betrachten, müssten wir eigentlich eher Angst um uns selbst haben. Denn eines schönen Tages wird die Natur genug von uns haben - und uns einfach wegpusten. Dann werden wir alle verschwinden. Sie braucht vielleicht 100.000 Jahre um all die Wunden zu heilen, die wir ihr zugefügt haben. Aber für sie sind 100.000 Jahre gar nichts. Die Natur ist stärker als wir. Und eines Tages wird sie wütend sein, und dann werden wir ein Problem haben - nicht sie. Wir töten uns hier auf kurz oder lang nur selbst.
1LIVE: Warum bist du mit dieser Einstellung nicht bei Live Earth aufgetreten?
Manu Chao: Weil ich schlechte Erfahrungen mit diesem Geldof-Ding gemacht habe - mit Live8.
1LIVE: Was ist passiert?
Manu Chao: Nun, sie haben mich gefragt, ob ich bei dem Konzert in Paris auftreten könne. Und das ging nicht, weil ich in Südamerika unterwegs war. Also habe ich ihnen schon vier oder fünf Monate vorher eine Mail geschickt, dass ich nicht kommen kann. Trotzdem haben sie mich angekündigt. Und fünf Minuten nach Beginn des Konzerts, haben sie dann vor laufender Kamera gesagt: "Es tut uns schrecklich leid, aber Manu Chao ist nicht hier. Er hat versprochen zu kommen, aber er ist nicht da." Da war selbst meine Mutter in Sorge. Sie hat es im Fernsehen gesehen, und mich angerufen: "Manu, was ist los? Bist du krank?" - "Nein, Mama, ich toure. Es ist alles okay." - "Aber sie sagen im Fernsehen, dass du nicht da bist, wo du sein solltest." Und darüber war ich sehr traurig. Man erreicht gar nichts mit Manipulation. Die haben mich benutzt, um mehr Karten zu verkaufen und mehr Publicity zu bekommen - eine ganz miese Nummer. Deswegen wollte ich nichts mit Al Gore zu tun haben. Der ist auch nicht besser - schließlich ist er Politiker.
1LIVE: Hast du den G8-Gipfel in Heiligendamm verfolgt?
Manu Chao: Ja, im Internet. Da bekomme ich die meisten meiner Informationen her.
1LIVE: Da wurden Millionen Euro für die Sicherheit unserer Staatsoberhäupter ausgegeben. Wobei man sich die Frage stellt, vor wem die eigentlich geschützt werden müssen. Vor den Menschen, die sie gewählt haben?
Manu Chao: Was einfach unglaublich ist. So viel Geld für gar nichts. Und nachdem, was ich gelesen habe, sind da auch keine Lösungen oder Änderungen beschlossen worden. Das war ein großes Blablabla. Und das ist unglaublich enttäuschend. Ich finde es einfach befremdlich, dass die acht mächtigsten Menschen dieses Planeten überall und ständig beschützt und bewacht werden müssen. Eben von tausenden Polizisten, von Helikoptern und von der Armee - weil sie ganz einfach nirgendwo willkommen sind. Da läuft irgendetwas komplett falsch.
1LIVE: Inwieweit hast du die Präsidentschaftswahlen in Frankreich verfolgt?
Manu Chao: Ich bin da gewesen, um zu wählen - wie es sich gehört.
1LIVE: Wie denkst du über Sarkozy?
Manu Chao: (lacht) Ich schätze, wir blicken harten Zeiten entgegen. Aber die Franzosen haben diesen Kerl gewählt - und das muss man akzeptieren. Ich fürchte nur, dass wir harte und schwere Zeiten erleben werden. Ich meine, ich lebe jetzt schon lange in Spanien, und auch da mussten wir jahrelang unter unserem eigenen Sarkozy leiden. Denn die Aznar-Regierung hat das Leben in Spanien wirklich nicht einfach gemacht. Da hatten wir jeden Tag das Gefühl, dass die Situation immer schlimmer wird, und es war sehr schwierig, sich selbst ausdrücken zu können. Jeder, der nicht wie die Regierung gedacht hat, wurde quasi als Terrorist behandelt. Hoffentlich ändert sich das jetzt wieder. Aber ich fürchte, dass in Frankreich etwas Ähnliches passieren wird. Da werden sie das selbe Problem bekommen, das sie in Italien mit Berlusconi hatten. Denn mit der Wahl von Sarkozy ist Frankreich jetzt in einer Art Berlusconi-Epoche. Und das wird nicht leicht.
1LIVE: Warum haben sich deine Landsleute nicht für Royal entschieden? Hatten sie Angst vor einer Frau im höchsten Amt?
Manu Chao: Ich glaube, das hat nichts damit zu tun. Das wirkliche Problem ist, dass Europa alt wird. Und die Medien verwenden ihre ganze Energie darauf, alten Menschen Angst einzujagen. Die haben dann Angst vor der Jugend, vor Veränderungen und vor allem, was von außen kommt. Einfach weil im Fernsehen nur noch von Gewalt gesprochen wird, die sich direkt in ihrer Nachbarschaft abspielt. Und wenn du mich fragst, wird Europa langsam alt, und alte Leute haben nun mal leichter Angst. Also wählen sie konservativ. Die Jugend dagegen ist nicht mehr in Europa, sie ist nicht mehr in der Ersten Welt, sondern in der so genannten Dritten. Und da liegt die Zukunft. Die Erste Welt wird alt und marode. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum viele Regierungen so konservativ sind. Das scheint die Reaktion darauf zu sein. Denn die alten Menschen in der ersten Welt haben immer weniger Kontakt zur Jugend. Die Jugend lebt in den Ghettos - und die alten Leute sehen sie immer nur dann im Fernsehen, wenn es Probleme und Auseinandersetzungen gibt.
1LIVE: Also bedient sich Sarkozy des selben Angst-Faktors wie George W. Bush in den USA?
Manu Chao: Ganz genau. Sein Wahlsieg basiert auf der Angst der Leute. Deshalb haben sie sich für etwas Konservatives entschieden. Und das kreiert immer mehr Spannung. Es ist ein Bruch zwischen den Generationen, und das ist sehr gefährlich für die Gesellschaft der Ersten Welt. In der Dritten Welt gibt es dieses Problem nicht so sehr, da leben die Leute enger zusammen. Da kennen sich die Alten und die Jungen noch. In der Ersten Welt dagegen nicht. Die Jugend weiß nichts über die Alten, und die Alten wissen nichts über die Jugend. Das ist beinahe tragisch - und extrem ungesund.
1LIVE: Demnach müssen wir erst ein Desaster erleben, ehe sich wirklich etwas ändert?
Manu Chao: Ich weiß es nicht. Aber über kurz oder lang werden sich die Dinge bestimmt verändern. Und der ärgste Feind des Kapitalismus ist nun mal der Kapitalismus selbst. Wenn die Maschine immer so weiterläuft wie bisher, werden wir alle irgendwann einen fürchterlichen Unfall erleben. Das ist vollkommen klar. Ich meine, wenn du fernsiehst, sind da all diese Politiker, die ständig über Demokratie reden. Aber das ist doch eigentlich eine Lüge. Klar können wir wählen. Aber doch nur Leute, die eh keine Macht haben, um irgendetwas zu verändern. Wir leben in der Diktatur des Geldes. Geld regiert diese Welt - mehr denn je zuvor. Und Geld ist viel stärker als Demokratie, über die da ständig gefaselt wird. Von daher ist das ein großes Problem. Und wenn wir das nicht lösen, knallen wir frontal vor die Wand.
1LIVE: Wie steht es mit dir, könntest du dir vorstellen, aktiv in der Politik zu arbeiten - und vieles besser zu machen?
Manu Chao: Ich mag das Wort "Politik" nicht. Kann sein, dass das vor 1.000 Jahren noch ein schönes Wort war, das für ein schönes Büro und einen schönen Job stand. Aber das wurde seither von so vielen professionellen Politikern entwertet, dass Politik mehr und mehr zum Synonym für Korruption wird - und zwar überall auf der Welt. Deswegen bin ich nicht wirklich glücklich mit dem Wort. Aber ich versuche zumindest, meinen Verpflichtungen nachzukommen. Ich bin ein Sänger, also habe ich Zugang zum Mikrofon. Eine Menge Leute haben das nicht, von daher zählt es zu meiner Verantwortung alles zu kommentieren, was ich um mich herum erlebe. Und ich bin ein Weltenbummler. Ich reise um den ganzen Globus. Und dieses Problem ist überall. Ich habe noch keinen Ort gefunden, wo alles gut ist. Mann, ich wäre so froh, wenn es den gäbe. Aber er existiert nicht. Egal, wo ich auch bin - ich bin umgeben von Problemen. Und von daher nutze ich die Tatsache, dass mir so viele Leute zuhören, um zu erklären, was ich sehe, und dass sich die Dinge ändern müssen. Ich tue also alles, was ich tun kann. Und wenn ich das schaffe, dann gelingt das auch anderen. Das ist es, woran ich glaube. Und deshalb warte ich auch schon lange auf keine große Revolution mehr, die alles schlagartig verändert. Ich hoffe auf Tausende und Abertausende von kleinen Revolutionen, die in den Vierteln passieren. Denn keiner von uns kann die Welt verändern, das ist viel zu kompliziert. Denn das Problem ist Geld, und deswegen müssen die Lösungen von Wirtschaftswissenschaftlern kommen.
1LIVE: Also gibt es keine Person des öffentlichen Lebens, der sie zutrauen, konkrete Veränderungen herbeiführen zu können?
Manu Chao: Nun, es gibt eine Menge Leute, die das versuchen. Aber wirklich etwas verändern können wir doch nur gemeinsam. Das ist das, was ich meine - und woran ich glaube. Das schafft nicht einer alleine. Und wir müssen uns erst einmal selbst ändern. Unser Denken. Wir können unsere Familie ändern, unser Konsumverhalten, unsere unmittelbare Umgebung. Da stehen uns alle Möglichkeiten offen. Und das entscheidende Wort für mich ist "Nachbar". Wir alle haben Nachbarn. Und vielleicht mag dich dein Nachbar nicht, vielleicht hat er auch nicht die selbe Meinung wie du. Aber er ist eben dein Nachbar - und wir alle müssen einen Weg finden, um miteinander klarzukommen.
1LIVE: Jetzt hast du immer noch nicht die Frage beantwortet, ob du eines Tages selbst ein öffentliches Amt bekleiden würdest.
Manu Chao: Schwere Frage. Ich meine, ich habe in meinem Leben noch niemanden getroffen, dem ich genug vertraue, um wirklich voll und ganz hinter ihm zu stehen. Und das ist die Krankheit der Demokratie - die Wurzel allen Übels. Ich bin jetzt 46, ich gehe wählen seit ich 18 bin, und ich gehe doch immer nur zur Urne, weil mein Großvater einst zum Tode verurteilt wurde, weil er während des Krieges für mehr Demokratie in Spanien gekämpft hat. Allein aus Respekt davor, werde ich immer meine Stimme abgeben. Nur: Ich habe noch nie für jemanden gestimmt, sondern immer gegen jemanden. Und das ist nicht wirklich gut. Darauf bin ich nicht stolz. Aber ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der dieses Problem hat. Da gibt es Millionen wie mich. Und in diesem professionellen politischen Zirkus, den man uns aufzwingt, wähle ich immer nur gegen den schlimmsten Typen. Aber ich habe noch nie gesagt: "Ich stimme für jemanden, weil er gut ist." Das ist noch nie passiert, und deshalb fühle ich mich wirklich schlecht.
1LIVE: Und das Mittel gegen diesen Frust ist "La Radiolina" - viele kleine Radios, die gute Musik spielen?
Manu Chao: Das ist es, was ich tue - ich füttere viele kleine Radios mit Musik, mit Klängen, mit Texten. Das ist Teil meiner Therapie, um diese Welt besser akzeptieren zu können. (lacht ) Wirklich: Das ist meine ganz persönliche Methode, um all das zu akzeptieren, was um mich herum passiert. Ich versuche, meine Wut und meine Abscheu in etwas zu kanalisieren, das hoffentlich positiv ist.
Stand: 31.08.2007
