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INTERVIEW
Von Marcel Anders
Ginge es nach Lenny Kravitz und seinem achten Album "It's Time For A Love Revolution", ließen sich alle Probleme der Welt mit ein bisschen mehr Liebe, Glück und Harmonie lösen. Dinge, die – und da liegt die Ironie - der 43-jährige Rock-Beau aber privat auch noch nicht gefunden hat. 1LIVE traf ihn in den New Yorker Electric Lady Studios, dem Lieblingsspielplatz seines Über-Idols Jimi Hendrix.
1LIVE: Lenny, sollte "It's Time For A Love Revolution" nicht ein Doppelalbum werden? Was ist passiert?
Lenny Kravitz: Das war der Plan. Aber weil sich CDs nicht mehr so verkaufen wie früher, hat es halt nicht geklappt. Das Label konnte sich einfach nicht dafür begeistern. Was schade ist. Ich meine, ich wollte eine Platte mit 27 Stücken machen, aber dann habe ich sie halt runtergekürzt – und das ist, was übrig geblieben ist. Aber ich werde schon bald das nächste Album aufnehmen, statt eine längere Pause einzulegen, wie ich es sonst immer tue. Wahrscheinlich werde ich sogar zwei Tourneen nacheinander durchziehen.
1LIVE: Wobei die neuen Songs viel rauer und ungeschliffener sind als beim letzten Mal. Bewusst?
Lenny: "Baptism" war wirklich anders. Ich meine, wenn du dir Stücke wie "I Don't Wanna Be A Star" anhörst, dann sind die schon sehr sauber. Und diese Platte ist rau, dreckig und laut.
1LIVE: Inwieweit ist sie ein Aufruf zur Revolution – zum Aufstand gegen das bestehende System unter Präsident Bush?
Lenny: Schau dich um: Die Welt ist das reine Chaos. Es existiert kein Winkel auf diesem Planeten, wo es keinen Krieg, keine Zerstörung und kein Morden gibt – ganz zu schweigen von Umweltproblemen. Deshalb ist es für mich an der Zeit zu sagen: "Okay, wofür stehst du? Was willst du verändern?" Ich stehe für Liebe und Frieden. Und es ist an der Zeit, endlich etwas zu tun, um diese Revolution voranzutreiben. Das fängt bei mir an – und bei dir. Denn wenn du dich nicht selbst liebst, kannst du auch nicht deine Frau, deine Mutter, deinen Vater, deinen Nachbarn oder jemanden auf der Straße lieben. Von daher ist es höchste Zeit, sich für Liebe und Frieden - und die Verbreitung dieser Werte einzusetzen. Schließlich haben wir über die Jahre so viel Negativität erlebt. Uns wurden nichts als Lügen eingetrichtert. Und es dreht sich alles um reinen Materialismus. Du bist ein niemand, wenn du nicht das Geld, die Frauen, die Autos, die Diamanten und all den anderen Luxus-Kram hast. Das ist es, was uns definiert. Und zwischen den ganzen Kriegen und Leuten, die nicht wissen, dass man Probleme auch mit Dialogen lösen kann, herrscht einfach ein riesiges Chaos.
1LIVE: Doch statt das zu bewältigen weiden wir uns an den Ausrutschern von Paris Hilton, Britney Spears und Lindsay Lohan?
Lenny: Richtig. Wir lieben es, uns auf Leute und ihre Probleme zu stürzen. Und je fertiger sie sind desto attraktiver wirken sie. Was soll das? Das ist doch krank!
1LIVE: Nimm Amy Winehouse – ihre Selbstzerstörung macht sie zum Superstar.
Lenny: Schlimm! Die Tatsache, wie wir das feiern und fördern, finde ich sehr befremdend.
1LIVE: Also müssen die Menschen endlich aufwachen und ihre Prioritäten ändern?
Lenny: Ich denke schon. Und ich meine: Worauf warten wir? Wie viel schlimmer kann es werden? Es ist höchste Zeit, die Probleme anzugehen, statt immer nur darüber zu reden.
1LIVE: Dabei hätte man dich für ein Stück wie "Back In Vietnam" vor drei bis vier Jahren noch als unpatriotisch und systemkritisch abgestraft…
Lenny: Aber das hat mich ja nie davon abgehalten, es trotzdem zu tun – auch, wenn ich jedes Mal zensiert werde. Das erste Mal war, als ich mit Sean Lennon "Give Peace A Chance" aufgenommen habe. Das war während des ersten Irakkriegs – 1990/91. Und als ich dann einen Tag vor dem neuen Golfkrieg mit "We Want Peace" rauskam, mit Sängern aus dem Irak, dem Libanon und Pakistan, ist mir dasselbe passiert. Einfach, weil man Kritik so handhabt – man unterdrückt sie. Wenn da ein Krieg ist und jemand nimmt einen Song dagegen auf, wird er halt nicht gespielt.
1LIVE: Weil du das Land nicht so unterstützt, wie man es von dir erwartet?
Lenny: Ganz genau. Aber ich glaube nun mal nicht an Krieg. Was nicht heißt, dass ich die Truppen nicht unterstütze und mich ihr Schicksal vollkommen kalt lässt. Das ist definitiv nicht der Fall.
1LIVE: Gibt es eine Lösung für die Situation im Irak oder sollten die USA einfach abziehen und die Zivilbevölkerung in diesem Torso zurücklassen?
Lenny: Das ist genau die Frage. Ich habe keine Ahnung, ob es da eine Lösung gibt. Denn wir haben all diese Löcher gebuddelt und stecken da so tief drin – wie sollen wir da je wieder rauskommen? Ich weiß nur, dass es mit mehr Liebe beginnen könnte. Von daher sage ich auch nicht, dass ich weiß, wie man all die Probleme löst, zumal einige von ihnen schon seit Tausenden von Jahren bestehen. Alles, was ich sage, ist: "Wir müssen unser Bewusstsein für die Liebe schärfen." Das kann nur positive Folgen haben.
1LIVE: 2008 sind Präsidentschaftswahlen in den USA. Könnte ein Demokrat im Weißen Haus wirklich etwas verändern?
Lenny: Im Grunde ist es völlig egal, welcher Partei er angehört. Es geht nur darum, den besten Kandidaten für ein oder zwei Amtszeiten zu finden. Und das müsste jemand sein, der sich im Klaren darüber ist, dass wir dringend etwas verändern müssen.
1LIVE: Du hattest den Luxus, dich unlängst auf eine Farm in Brasilien zurückzuziehen und da wie lange zu leben?
Lenny: Fast vier Monate - das mitten im Nirgendwo, ohne Menschen weit und breit. Es war toll. Und das ist wirklich ein Luxus. Deshalb denke ich mir oft: "Mann, wenn doch alle Menschen mal ein bisschen Zeit in der Natur verbringen, den ganzen Stress abstreifen und einfach nur tief in sich hineinhorchen könnten. Gott, was für eine tolle Sache – und was würde das bewirken." Aber selbst Leute, die sich das eigentlich leisten könnten, tun es nicht. Die sind so festgefahren, dass sie sich nicht einmal die Zeit nehmen, um das zu tun. Wenn sie ein paar Tage abschalten, dann auf ihrer Yacht – und zwar da, wo wirklich jeder hinfährt. Sie feiern, wo jeder feiert. Einfach, weil sie unter sich bleiben und sehen wollen, wer die neue, heiße Freundin hat. Und wer das größte Boot hat. Das ist schlimm.
1LIVE: Aber du hast doch auch deinen eigenen Koch und eine Masseurin, die sich täglich um dich kümmert. Ganz ohne Luxus geht es bei dir also auch nicht, oder?
Lenny: Stimmt. Aber: Wenn ich all diese Sachen morgen nicht mehr hätte, wüsste ich immer noch, wer ich bin. Dann würde ich sofort alles umstellen und ganz anders leben. Außerdem machen mich all diese Dinge ja nicht besser. Wenn ich eine schlecht gelaunte, negative Person bin und du mir eine Milliarde Dollar gibst, dann bin ich ein schlecht gelaunter, negativer Milliardär. Das ändert also nichts. Und wenn du glaubst, dass es das tut, ist das eine Illusion.
1LIVE: Was ist mit dem anderen Lenny, der ebenfalls auf der Platte vertreten ist?
Lenny: Welchen meinst du?
1LIVE: Den, der es in "Dancing Till Dawn" so richtig krachen lässt. Oder dient der Song nur als Balance - damit die Platte nicht zu politisch ist?
Lenny: Den habe ich geschrieben, als ich Tag und Nacht im Studio war. Wenn ich dann morgens um drei nach Hause gefahren bin, kam ich immer an diesem Club bei mir auf der Straße vorbei. Er heißt "The Lounge". Und da legt dieser großartige DJ auf, der alte Musik aus allen erdenklichen Genres spielt. Eben richtig gute Sachen. Ich gehe da wirklich gerne hin. Und deshalb habe ich einen Song über den DJ geschrieben und was er so spielt. Und natürlich über die Frauen, die da tanzen.
1LIVE: Die imaginäre Versuchung?
Lenny (lacht): Da gibt es jede Menge, die sogar sehr real sind.
1LIVE: Was Frauen betrifft, hast du dich in den letzten Jahren sehr zurückgehalten. Zumindest ist kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen…
Lenny: Das habe ich ganz bewusst getan. Ich bin regelrecht abgetaucht. Ich habe mir gesagt: "Ich will mit dem ganzen Mist nichts mehr zu tun haben. Ich will nicht, dass ständig irgendwelcher Müll über mich geschrieben wird." Und es ist verrückt, dass die Leute diesem Blödsinn überhaupt so viel Aufmerksamkeit schenken. Deswegen sagte ich mir: "Ich muss einfach ein bisschen kürzer treten."
1LIVE: Also hat es dich gestört, dass es zur Veröffentlichung von "Baptism" nur um deine Beziehung zu Nicole Kidman ging?
Lenny: Das war verrückt. Insofern ist es nett, sich zurückzuziehen und einen sauberen Neustart hinzulegen. Wenn mich die Leute jetzt sehen, geht es nur um die Musik. Und das ist gut. Dafür musste ich mich nicht groß verändern. Ich musste mich nur zurückziehen. Und ich bin froh, dass ich das getan habe.
1LIVE: Suchst du immer noch nach der Richtigen, wie es Songs der Marke "I'll Be Waiting" vermuten lassen?
Lenny: Zumindest taucht es immer wieder in irgendwelchen Stücken auf. Deshalb denke ich, dass ich mehr denn je bereit dafür bin. Ich meine, ich wollte schon öfter bereit sein, war es aber eben nicht. Doch jetzt habe ich das Gefühl: "Ja, es ist so weit. Es ist an der Zeit." Denn wenn es sich so offensichtlich zeigt, ist es wirklich so weit.
1LIVE: Gibt es momentan jemanden an deiner Seite?
Lenny: Nur meine Tochter Zoe.
1LIVE: Die sich langsam zur erfolgreichen Schauspielerin mausert?
Lenny: Sie macht ihr Ding. Und ich muss schon einen Termin mit ihr vereinbaren, um sie überhaupt zu sehen zu bekommen. Sie geht zur Uni, übernimmt Nebenrollen in immer größeren Filmen und arbeitet sich langsam nach oben. Was ich sehr gut finde. Ich bewundere die Art, wie sie das macht. Sie nimmt das wirklich ernst, sie arbeitet hart dafür, und sie trifft die richtigen Entscheidungen.
1LIVE: Was ist mit dir? Du schauspielerst doch auch seit neuestem, oder?
Lenny: Stimmt…
1LIVE: Ein Film namens "Push". Worum geht es darin?
Lenny: Der ist von Lee Daniels, dem Regisseur von "Monster's Ball". Und ich übernehme da eine Nebenrolle. Einfach, weil ich keine Zeit für mehr habe.
1LIVE: Was ist das für eine Rolle?
Lenny: Die eines Krankenpflegers.
1LIVE: Im Ernst? Schwester Lenny?
Lenny (lacht): Lass dich überraschen. In bin ein Krankenpfleger - und die einzige Person, die der Hauptfigur sympathisch ist: Ein 150 Kilo schweres, Aids-infiziertes Mädchen, das von seinem Vater und seiner Mutter vergewaltigt wurde. Das Ganze spielt in den 80ern, und ich bin der Pfleger, der sie im Krankenhaus trifft, ihr näher kommt und die einzig nette Person in ihrem ganzen Leben ist. Eine sehr dramatische Geschichte.
Stand: 01.02.2008
