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INTERVIEW

Die Reifeprüfung

Interview mit Brian Molko von Placebo

Von Marcel Anders

Neuer Drummer, neues Label, neues Album, neue künstlerische Freiheit: Zur Veröffentlichung von "Battle For The Sun" präsentiert sich das amerikanisch-schwedische Trio rundum erneuert – und fast schon fürchterlich erwachsen. Allen voran Sänger/Gitarrist Brian Molko, den 1LIVE in Berlin traf. Ein Gespräch über tätowierte Muskelmänner, Hard Pop, gescheiterte Freundschaften und ihre große Anti-Gothic-Kampagne.

Placebo, Rechte: dpa Bild vergrößern

Neue Besetzung, neues Label, neues Album: Bei Placebo tut sich was.

1LIVE: Brian, angeblich war die Tour zu "Meds" ein solcher Killer, dass ihr fast daran gescheitert wärt. Stimmt das?

Brian Molko:
Es war zumindest der Todesnagel, für das, was wir als Placebo II bezeichnen – sprich: die Besetzung mit Steve Hewitt. Es war das Ende unserer Arbeitsbeziehung und der Zerfall unserer Freundschaft. Was wirklich schmerzlich war. Und das ist halt während des letzten Abschnitts der "Meds"-Tour passiert.

1LIVE: Wo lag das Problem?

Brian Molko:
Das müsstest du ihn fragen – weil er ja nicht hier ist, um sich zu verteidigen. Und ich finde es nicht gut, jemanden durch den Kakao zu ziehen, nur weil da eine gewisse Verbitterung oder unterschiedliche Meinungen über das Warum und Wieso herrschen. Aber für mich persönlich war es, als wäre ich in einer Band mit einem Fremden. Was besonders weh tut, wenn dieser Fremde mal dein bester Freund oder sogar dein Bruder war. Aber es wurde halt immer offensichtlicher, dass wir unterschiedliche Prioritäten und Vorstellungen davon hatten, was wir mit der Band erreichen wollten. Am Ende war es fast so, als würde man jeden Tag ins Büro gehen, und das hasse ich. Es hat keinen Spaß mehr gemacht. Und zwar, weil die Leute in der Band nicht mehr miteinander gesprochen haben. Da war keine Leidenschaft, sondern es war alles sehr mechanisch. Fast so, als ob man die Stechuhr benutzt. Und das ist definitiv nicht der Grund, warum ich einer Band beigetreten bin. Insofern gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder hörst du auf, weil es keinen Spaß mehr macht, oder du tust etwas Drastisches, damit das Ganze überlebt.

ISDN-Video; FlashPlayer ab 8.x erforderlich

Placebo: "For What It's Worth"

1LIVE: Trotz eurer Freundschaft?

Brian Molko:
Ja, es ist wie eine Art Scheidung. Denn es macht keinen Unterschied, ob Leute heiraten oder einer Band beitreten: Am Anfang ist der Sex immer großartig (lacht). Und auch unsere Gigs waren zunächst fantastisch. Aber am Ende war das halt nicht mehr so. Da waren sie sogar richtig schlecht. Also definitiv nicht auf dem Level, auf dem sie sein sollten. Und deshalb musste ich etwas dagegen tun.

1LIVE: Das heißt: Wie therapeutisch ist "Battle For The Sun"?

Brian Molko:
Genauso therapeutisch wie "Meds", aber auf eine andere Art und Weise. Denn ich bin ja heute an einem ganz anderen Punkt meines Lebens als damals. Insofern würde ich sagen, dass jedes Album eine Form von Katharsis und Therapie ist. Denn da kannst du über alles sprechen, was in deinem Kopf rumschwirrt und das du irgendwie rauslassen willst. Aber du kannst dich auch ganz objektiv mit Gefühlen auseinandersetzen, die dir Ärger und Sorgen bereiten. Eben, um etwas Positives daraus zu machen – und es allein dadurch besser zu verstehen.

1LIVE: Das Ergebnis bezeichnest du als "Hard Pop". Was verstehst du darunter?

Brian Molko: Da habe ich mich vor allem auf den Song "Bright Lights" bezogen. Eben, weil wir da versucht haben, eine Brücke zwischen dem Noise-Rock von My Bloody Valentine und einem Pop-Song zu bauen. Keine Ahnung, wie erfolgreich wir damit waren. Vielleicht ist es ja auch eher ein Viadukt geworden. Aber ich denke, es sind definitiv Momente auf diesem Album, wo viel Zuversicht und Spaß im Spiel ist – also definitiv mehr als auf "Meds".

1LIVE: Wobei ihr neuerdings von einem großflächig tätowierten Kalifornier namens Steven Forrest begleitet werdet. Wie passt der zum bleichen, gar nicht tätowierten Rest der Band?

Brian Molko (lacht): Das Gute ist: Jetzt, da wir jemanden in der Band haben, der halb Mensch und halb Tinte ist, müssen wir uns keine Tattoos mehr stechen lassen – weil er genug für alle hat. Also er erfüllt die Tattoo-Quote für die gesamte Band.

 

Brian Molko, Rechte: WDR Bild vergrößern

Könnte der Vater seines Drummers (l.) sein: Brian Molko

1LIVE: Was ist mit dem Altersunterschied, der 14 Jahre beträgt? Oder anders: Ist er nicht ein bisschen jung für euch?

Brian Molko: Na ja, ich bin genau so alt wie seine Mutter, das stimmt. Und ich habe meine Unschuld in dem Jahr verloren, in dem er geboren wurde. Was schon ziemlich lustig ist. Aber: Ich bin nicht sein Vater! Seine Mutter und ich waren damals auf zwei unterschiedlichen Kontinenten. Und ich muss zugeben, dass wir auch ganz bewusst nach diesem Altersunterschied gesucht haben. Also nach der Generationslücke. Denn wir wollten tatsächlich junges, frisches Blut in der Band.

1LIVE: Wie Rock'n'Roll-Vampire?

Brian Molko: Ganz genau. Eben in bester "Twilight"-Manier. Wobei es aber auch so ist: Sollte dieses Album nur halb so erfolgreich sein, wie wir hoffen, dann werden das demnächst richtig große und lange Shows. Deshalb brauchen wir auch jemanden mit Ausdauer. Und wir wollten jemanden, der noch nicht erfolgreich war. Der noch nicht das erlebt hat, was Stefan und ich mitgemacht haben. Ich meine, wir sind jetzt 15 Jahre dabei und haben so ziemlich alles gesehen und erlebt. Von daher ist die Gefahr, ein bisschen verwöhnt zu sein, definitiv vorhanden. Und insofern ging es uns um jemanden, der das alles noch nicht kennt. Jemand mit jugendlichem Enthusiasmus und kindlicher Naivität, die auf uns überschwappt. Von der wir uns anstecken und beflügeln lassen. Wobei Steve eh ein ziemlich enthusiastischer Typ ist – und sehr energetisch.

Placebo, Rechte: Joseph Llanes Bild vergrößern

Placebo lieben es, Coverversionen ihrer eigenen Stücke anzufertigen

1LIVE: Und was erwartet uns bei euren Auftritten bei Rock Am Ring/Rock Im Park? Konzentriert ihr euch aufs neue Material?

Brian Molko: Im Festival-Kontext wäre es einfach falsch, da rauszugehen und nur das neue Album zu spielen. Das wäre geradezu anmaßend. Denn Festivals sind ja mehr wie eine Party. Zumindest für das Publikum. Man ist an der frischen Luft, trägt das Haar offen und wälzt sich im Schlamm. Insofern ist es wichtig, eine gute Song-Auswahl zu bringen. Und genau das werden wir tun. Wir werden ein paar neue Sachen bringen, aber auch jede Menge Klassiker. Wenn wir im Herbst unsere europäische Arena-Tour unternehmen, gibt es ein bisschen mehr vom neuen Album - aber auch neue Arrangements von alten Stücken. Einfach, weil wir es lieben, Coverversionen von unseren eigenen Songs anzufertigen.

1LIVE: Mit einer sechsköpfigen Band?

Brian Molko: Was etwas ganz Neues und insofern auch Aufregendes ist. Wir haben zum Beispiel erstmals eine Violinistin dabei. Sie heißt Fiona Brice und ist verantwortlich für die Streicher-Arrangements auf der neuen Platte wie auch auf "Meds". Von daher war es nahe liegend, dass wir sie fragen, ob sie mit uns touren will. Und sie wird auch auf einigen alten Nummern Violine spielen, was der Sache eine völlig neue Dimension verleiht. Also: Es ist aufregend. Eine völlig neue Band.

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Stand: 05.05.2009

PLAYLIST AKTUELL

Uhrzeit 16:36:11Uhr
InterpretDonots
Titel"Calling"
Uhrzeit 16:31:29Uhr
InterpretOwl City
Titel"Fireflies"

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