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KASSETTENDECK
Von Marcel Anders
Auch, wenn er vielen nur als hart rockender Frontmann der Foo Fighters bekannt ist: David
Eric Grohl ist ein Stück amerikanischer Musikgeschichte. Und
zwar ein quicklebendiges. Und darum hat der 38-Jährige im
1LIVE Kassettendeck auch so einiges zu erzählen.
Mit gerade mal 38 Jahren hat er schon mehr gesehen und gemacht als so mancher Musiker in seinen 50ern und 60ern. Er war Schlagzeuger bei der Hardcore-Band Scream (aus Washington, DC), stieg dann bei den Grunge-Göttern Nirvana ein (unmittelbar nach den Aufnahmen zu "Nevermind") und startete nach dem Tod von Kurt Cobain eine zweite Karriere als Sänger, Songwriter und Gitarrist. Mit den Foo Fighters nahm er in den letzten zwölf Jahren sechs überaus erfolgreiche Alben auf, erspielte sich eine ständig wachsende Fangemeinde und wurde mit Auszeichnungen aller Art bedacht. Kein Wunder bei einem erdigen, schweißtreibenden Sound, der seine Einflüsse aus 70er Hardrock, Punk, New Wave sowie Pop bezieht und immer wieder Ohrwürmer wie "The Pretender", "Learn To Fly", "Big Me", "Monkey Wrench", "Everlong" oder "All My Life" hervorbringt.
Zudem ist Grohl auch außerhalb der Band aktiv. Er trommelt für befreundete Künstler wie Queens Of The Stone Age, Killing Joke, Mike Watt, Tenacious D., Cat Power, Garbage oder David Bowie – und wagt sich mit Probot sogar an ein lupenreines Metal-Projekt. Was weniger auf schierer Arbeitswut als auf ungebrochenem Enthusiasmus beruht. Denn obwohl er mittlerweile stolzer Familienvater und Besitzer eines Tonstudios in Los Angeles ist, Grohl ist und bleibt ein Musikfreak. Einer, der Alben und Singles sammelt, zu jedem erdenklichen Konzert rennt, mit leuchtenden Augen über seine Idole wie Led Zeppelin, Beatles nebst Bad Brains sinniert und einen Heidenspaß daran hat, einfach mal eine geschlagene Stunde über seine ganz persönlichen Lieblingssongs zu reden. Was er im 1LIVE Kassettendeck denn auch mit Gusto tut – und ganz nebenbei eine überzeugende Bewerbung als Radio-DJ abgibt. Aber lest selbst...
Dave über Bad Brains: "Sailin' On"
Jetzt stelle ich euch Songs vor, die eine ganz besondere Bedeutung für mich haben – auch, wenn es natürlich fast unmöglich ist, so etwas wie "seine Lieblingsstücke aller Zeiten" zusammenzustellen. Aber hier sind zumindest ein paar davon. Und das Beste, mit dem ich anfangen könnte, ist ein Stück von den Bad Brains. Eine Band aus Washington, DC, die später nach New York umgezogen ist und wahrscheinlich Amerikas beste Hardcore-Punk-Band war. Sie machen immer noch Platten und sind immer noch auf Tour. In den 80ern hatte ich das Glück diese Band wirklich sehr oft zu erleben. Ich war jung, bin zu vielen Hardcore-Shows gegangen, und das war wirklich die beste Live-Band, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Das meine ich vollkommen ernst. Das Stück "Sailin' On" ist aus ihren Anfangstagen. Es stammt von einem Album namens "Rock For Light".
Eine Band, die ich wahnsinnig liebe und bei der ich sogar mal Schlagzeug spielen durfte, sind die Queens Of The Stone Age. Ich habe diese Jungs getroffen, als sie noch bei einer Gruppe namens Kyuss waren – vor etwa 16 Jahren. Das ist also wirklich lange her. Kyuss waren unglaublich. Und als sie auseinanderfielen, haben Josh und Nick die Queens Of The Stone Age gestartet. Ihr erstes Album war ganz anders als alles, was ich je gehört habe. Es hatte die Power und die heftigen Riffs von Kyuss. War aber zugleich viel kompakter und eingängiger. Mit einem wirklich maskulinen Groove – und einem sehr femininen Gesang, der unglaublich ist. Wenn du dir Queens Of The Stone Age live angesehen hast, waren in den Clubs immer die schönsten Frauen, die es gibt. Und so ist es bis heute. Ich habe auf ihrem Album "Songs For The Deaf" getrommelt und bin ein paar Monate mit ihnen getourt. Ich kann nur sagen: Das ist die beste Band, in der ich je war. Die waren unglaublich – und sind es immer noch.
Dave über Pixies: "Hey"
Eine weitere Band, die mich – und viele Andere – beeinflusst hat, waren die Pixies. Als ich damals zu Nirvana gestoßen bin, habe ich noch richtig heftigen Hardcore-Punk, Old-School-Thrash-Metal und solche Sachen gehört. Das war die Musik, die mich bewegt hat, Schlagzeug zu spielen. Aber als ich bei Nirvana eingestiegen bin, waren die Anderen richtige Pixies-Freaks. Die standen da total drauf, und ich hatte sie vorher gar nicht richtig wahrgenommen. Doch als ich mich da ein bisschen reinhörte, musste ich feststellen, dass ihr Ansatz ganz anders war als der aller anderen Bands. Eben in der Art, wie ihre Songs strukturiert waren – und welches Rezept sie da benutzten. Sie hatten diese simplen Drum-Beats und Basslinien, die chaotischen Gitarren und die umwerfenden Texte von Frank Black. Er ist ein Poet mit einem durchgeknallten Sinn für Humor. Ein Typ, mit dem du auf eine Party gehen, ein paar Biere kippen und dich über jeden im Raum lustig machen möchtest. Und ein gutes Beispiel für die Genialität der Pixies ist der Song namens "Hey".
Dave über The Zombies: "Care Of Cell 44"
Jetzt zu einer Band, die wahrscheinlich nur ganz wenige Leute als die größte Rock'n'Roll-Band aller Zeiten erachten würden. Nämlich The Zombies. Eine Menge Leute kennen sie vor allem aus den 60ern, als sie ein paar Hits hatten. Aber die haben eben auch ein Album namens "Odessey And Oracle" gemacht. Ich glaube, sie waren die erste Band, die in Abbey Road aufgenommen hat, nachdem die Beatles mit "Sgt. Pepper's" fertig waren. Das ist zumindest die Geschichte, die ich gehört habe. Die sind also da rein und haben diese Platte gemacht, die kein wirklich großer Hit war – und sie haben sich auch kurz danach getrennt. Aber für mich ist "Odessey And Oracle" eines der größten Rockalben aller Zeiten. Und ich habe es mir in den letzten Jahren sehr oft angehört. Ich habe eine Menge Lieblingsalben – von den Beatles, Led Zeppelin oder Bad Brains. Alben, von denen ich denke, dass sie die Welt verändert haben. Und dieses hat vielleicht nicht die ganze Welt verändert, aber doch meine. "Care Of Cell 44" ist ein toller Song. Ich höre ihn jeden Morgen mit meiner 18 Monate alten Tochter. Wenn wir aufwachen, mache ich ihr eine Flasche, lege diese Platte auf, und so beginnt wirklich jeder einzelne Tag. Wahrscheinlich mag ich es deshalb so sehr.
Dave über High On Fire: "Devilution"
Und als ich in den frühen 80ern mit Punkrock und Hardcore angefangen habe, war ich regelrecht vernarrt in diese Bands, deren Musik so schnell, so verzerrt, so dissonant war. Meine ersten Lieblingsbands aus dieser Szene waren amerikanische Gruppen wie MDC, Dead Kennedys oder die Bad Brains. Und das war alles sehr schnell und heftig. Jedes Jahr kam ein Album raus, das eben noch schneller und noch heftiger war. Nach dem Motto: "D.R.I. sind die schnellste Band der Welt." Aber nach einer Weile fand ich diesen dreckigen Underground-Thrash-Metal-Sound dann doch nicht mehr so toll. Einfach, weil es anfing, alles irgendwie gleich zu klingen. Aber ab und zu gibt es eben doch noch ein Album, das wirklich aufregend ist. Etwa von einer Band namens High On Fire, die eine Platte mit Steve Albini gemacht haben: "Devilution". Die hat mich schon beim ersten Hören gleich wieder zum Teenager gemacht. Im Ernst. Ich hatte das Gefühl: Das sind Motörhead und Venom vereint in einer Band – mit einem Album, auf das ich gewartet habe. Und das mich wieder in diese Zeit zurückversetzt, als ich 100 Bier trinken und Fensterscheiben zerschlagen wollte.
Jetzt eine Band, die man einfach erwähnen muss, wenn es um Musikgeschichte geht. Nämlich die Beatles. Sie sind die Grundlage dessen, was wir als vierköpfige Rockband machen. Es wurde alles von ihnen geprägt. Ihr Aufstieg hat die Popkultur und die Träume von einer Million Kindern komplett verändert. Plötzlich war in einer Band zu sein etwa so als wäre man in einer Gang. Und mir erschien das als die beste Idee der Welt. Als ich klein war, hatte ich ein Beatles-Songbuch. Ich war zehn oder elf Jahre alt und hatte gerade angefangen, Gitarre zu spielen. Ich saß also da, schaute mir die Akkordfolgen an und spielte ihre Platten nach. Das habe ich den ganzen Tag gemacht. Ich habe sie aufgelegt und nachgeahmt - und auf die Weise habe ich gelernt, Gitarre zu spielen. Von daher verdanke ich den Beatles so ziemlich alles – sie waren so etwas wie meine Lehrer. Und "In My Life" ist ein wunderbarer Song.
Dave über Cat Power: "Cross Bone Style"
In Amerika ist es so, dass du immer mal wieder ein Mixtape von jemandem bekommst. Mit vielen kleinen Überraschungen, die du vielleicht noch nie zuvor gehört hast. Und eines der besten Mixtapes, die ich je gehört habe, war in Neuseeland. Das ist so sieben oder acht Jahre her. Wir waren da für eine Tour, hatten aber ein paar Tage bis zur ersten Show. Wir haben in Auckland übernachtet und hatten einen Freund, der uns jeden Morgen an den Strand gefahren hat, und er hatte diese Mixtapes. Eines Tages, als wir losfuhren, war da dieser Song mit einer Mädchenstimme. Er war wirklich simpel, aber wunderbar. Und diese Stimme - Mann, das war das Unglaublichste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Also fragte ich unseren Fahrer: Wer ist das? Und darauf er: "Oh, das ist Cat Power."
Als wir zurück vom Strand sind, bin ich direkt in den nächsten Plattenladen und habe mir dieses Album namens "Moon Pigs" gekauft. Ich hatte mich total in das Mädchen verliebt. Ich meine, ich hatte sie nie getroffen, hatte noch nicht mal ein Bild von ihr gesehen, sondern nur ihre Stimme gehört. Aber mir war klar: "Ich bin verliebt in diese Frau!" Ich habe mir die Platte dann tausendmal angehört. Einfach, weil ihre Stimme so stark und so klar ist. Wobei ihre Texte sehr bizarr sind. Die sind total merkwürdig. Und dann habe ich sie endlich getroffen – und sie ist eine der schönsten Frauen der Welt. Ich war total verliebt. Ich konnte nichts dagegen machen. Ich war einfach hin und weg. Aber ich habe versucht, das zu überspielen. Eben: Lass uns Freunde sein und blah-blah-blah. Egal, ich schweife ab. Hier ist Cat Power, gesungen von Chan Marshall. Hört euch das an - dann wisst ihr, warum ich mich so verliebt habe.
Dave über No Means No: "It's Catching Up"
Lasst uns weitermachen mit einer der besten Bands, die ich je erlebt habe: No Means No aus Kanada. Bevor ich bei Nirvana gespielt habe, war ich bei einer Gruppe namens Scream. Wir kamen aus Virginia, in der Nähe von Washington, DC. Und in den 80ern sind wir viel durch Europa getingelt. In Deutschland haben wir vor allem in Jugendzentren und besetzten Häusern gespielt. Nicht so sehr in Clubs. Einfach, weil man als Hardcore-Band eben in der Hausbesetzer-Szene auftrat. Und wann immer du in ein solches Gebäude gekommen bist, hingen da all die Poster von den Shows, die gerade waren oder noch kamen. Und da waren immer No Means No dabei. Der Wahnsinn. Scream sind ein paar Mal mit ihnen aufgetreten, und sie waren ohne Zweifel die kompakteste, druckvollste Band ihrer Zeit – ein Trio aus Kanada, das ein paar wirklich großartige Alben gemacht hat. Aber die eine Platte, die die Leute immer mit ihnen assoziieren, ist "Wrong", die 1988 erschienen ist. "It's Catching Up" ist unglaublich kraftvoll - multipliziert das mal zehn, und dann habt ihr eine Vorstellung davon, wie das live war.
Du kannst kein richtiger Rock'n'Roll-Fan sein, wenn du nicht auf Motörhead stehst. Das ist zumindest meine Meinung. Wobei ich nicht glaube, dass Lemmy seine Band als Heavy Metal erachtet – das ist einfach eine Rock'n'Roll-Band. Und ich hatte die Chance, ein paar mal mit ihm abzuhängen und ein paar Sachen mit ihm aufzunehmen. Insofern kann ich nur sagen: Wenn ich einen Helden habe, dann Lemmy. Ich meine, eine Menge Leute halten Keith Richards für den ultimativen Rock'n'Roller. Doch da bin ich mir nicht so sicher. Wenn du ein paar Tage mit Lemmy verbringst, erkennst du: Der lebt, was er tut. Das ist alles echt. Er ist die Nummer 1 - die überzeugendste Rock'n'Roll-Persönlichkeit, die ich je getroffen habe. Mann, ich liebe Lemmy!
Dave über Killing Joke: "Requiem"
Hier ist eine weitere Band, zu der ich aufgesehen habe, als ich noch jung war. Und von der ich mir mein allererstes Punkrock-T-Shirt gekauft habe. Ich war zwölf oder 13 Jahre alt, als ich diesen Plattenladen in Chicago betrat, der auch Shirts verkaufte. Und da hing eins, auf dem stand: Killing Joke. Es war weiß mit einem schwarz-roten Aufdruck. Und ich hatte die Band zwar noch nie gehört – mochte aber das Shirt. Also habe ich erst das gekauft und dann das Album.
Killing Joke sind eine Band, wie keine andere. Jazz Coleman, der Sänger, schreibt unfassbare Texte und ist nebenbei noch ein klassischer Komponist. Ich habe das Gefühl, dass ich ein paar Leute getroffen habe, die echte Genies sind, und Jazz ist eines davon. Ich meine, ich habe gesehen, wie er Sonette auf einer Cocktail-Serviette schreibt. Er entwickelt da wirklich die gesamte Orchestrierung. Und dann hält er sie dir unter die Nase und sagt: "Das billigste Tonstudio der Welt." Du denkst dir: "Ich kann nicht glauben, dass du gerade etwas Klassisches für ein Orchester geschrieben hast – auf einer Papier-Serviette." Aber ich habe gesehen, wie er das macht. Und ich liebe seine Stimme. Genau wie den hypnotischen Groove seiner Band. Einfach wegen dieser Tribal-Rhythmen, die sie verwenden. Und "Requiem" ist von einer ganz frühen Killing-Joke-Platte.
Dave über Garry Rafferty: "Baker Street"
So sehr ich chaotischen, heftigen, schnellen, harten Rock mag - ich habe auch eine Schwäche für Mainstream-Rock'n'Roll. Für Leute wie Andrew Gold, Phoebe Snow oder 10 CC. Für Singer-Songwriter aus den 70ern, die eine Art "leichten" Rock gemacht haben. Oder auch Soft Rock - mit wunderbaren Melodien. Einer dieser Leute war Garry Rafferty, der einen Song namens "Baker Street" hatte. Und wenn ich den heute höre, erinnert er mich daran, wie ich mit sechs oder sieben Jahren auf dem Rücksitz vom Auto meiner Mutter saß und mit ihr zu diesem See gefahren bin, wo wir immer Schwimmen gegangen sind. Im Radio liefen dann Sachen wie Garry Rafferty. Und wenn ich die Platte höre, sehe ich das braune Leder der Autositze vor mir und spüre die schwüle Wärme eines Sommertages in Virginia. Ich liebe die Melodie von "Baker Street".
Dave über XBXRX: "Gold Cross"
Jetzt eine Band, die ich erst kürzlich entdeckt habe, aber wahnsinnig liebe: XBXRX. Die wurden mir von jemandem empfohlen. Und ich bin dann direkt ins Netz, habe ihre Alben gefunden und sie alle gekauft. Aus einem einfachen Grund: Jedes Mal, wenn du dich fragst: Wie könnte eine Band das alles noch auf die Spitze treiben, dann findest du diese eine, die es tatsächlich schafft, alle anderen zu toppen, dann denkst du: "Gott, die sind ja total verrückt!" Und seit ich diese Band gehört habe, bin ich der Meinung, dass der Gitarrist einer meiner absoluten Helden werden könnte. Nicht im Sinne von Jimmy Page oder so, sondern auf eine sehr, sehr abgefuckte Weise.
Es hat eine Menge Spaß gemacht, euch Songs vorzustellen, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich bis heute höre. Jetzt der einzige Song, der ein würdiges Finale zu all dem abgeben könnte: "Kashmir" von Led Zeppelin. Vielen Dank sagt Dave Grohl von den Foo Fighters. Das war mein Kassettendeck in 1LIVE. Man sieht sich.
Stand: 28.12.2007
