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SENDUNGEN
Von Klaus Fiehe
Eine Zeit lang bewohnte ich zwei Zimmer innerhalb eines Hauses,
das nach hinten hin fast unmittelbar an einen Bahndamm grenzte. Die
zu entrichtende Miete war nach meiner Erinnerung nicht sonderlich
hoch, was vermutlich auch an den zahlreichen, insbesondere abends
und nachts vorbeiziehenden Güterzügen lag, deren
Schlottern und Klappern sich schon von weitem vernehmen ließ
und, wenn sie das Haus passierten, zu einem enormen
Geräuschpegel anschwoll. Gerade in lauen Sommernächten
bei geöffnetem Fenster hatte ich oft genug die
merkwürdige Vision, das Klackern der Waggons über die
Schienen würde ganz allmählich Besitz von mir ergreifen,
ich fühlte mich wie auf einem nicht enden wollenden Trip
direkt in die Hölle.
Manchmal traf ich tagsüber Freunde und Bekannte, die Stein und
Bein schworen, abends zuvor vor meiner Tür gestanden und Sturm
geklingelt zu haben, ohne dass ich geöffnet hätte. Andere
erkundigten sich nach meiner Telefonnummer und gaben an, ich sei
unter der ihnen geläufigen Zahlenfolge abends schlicht nicht
zu erreichen. "Es sind die Züge", antwortete ich
jeweils mit einem Schulterzucken, "sie übertönen
einfach alles..." Das war die Wahrheit. Selbst Gespräche
am Küchentisch über Gott und die Welt mussten ruhen, wenn
sich wieder einmal eins dieser Stahlrösser anschickte
vorbeizurollen. "Long Train
Runnin'", sagte bei einer Gelegenheit mal ein
Freund, der es spät am Abend zu mir in die Wohnung geschafft
hatte und damit traf er ins Schwarze; klack, klack, klack. Klack,
klack, klack……… Minutenlang hatten wir
geschwiegen, so zumindest schien es mir. Long Train Runnin', sein Kommentar gefiel mir,
und von nun an entgegnete ich allen, die sich darüber
beklagten, mich nicht erreichen zu können, eben dies: "Long Train
Runnin'".
Long Train Running. Ich
hörte nichts, kein Telefon, keine Klingel, keinen Torschrei im
Radio, nicht einmal das Pfeifen des kochenden Wasserkessels. Auch
das gleichnamige Lied der Doobie
Brothers – Long Train
Runnin' - hätte es bei noch so lautstarkem
Abspielen nie und nimmer aufgenommen mit der Geräuschkulisse,
die von draußen durchs Fenster nach innen drang. Davon
abgesehen wirkte die Musik der Doobie Brothers auf mich sowieso wie, sagen wir,
Fritten ohne Salz. Bier ohne Schaum. Heiligabend ohne Baum. Mit
einer Ausnahme: Long Train
Runnin'.
Als ich später für kurze Zeit als Hilfskraft einem Trupp
von Gleisarbeitern angehörte, der Reparaturarbeiten an einem
Bahndamm vorzunehmen hatte, mussten die Arbeiten immer dann ruhen,
wenn ein Zug das Gleis passierte. Statt gebührend Abstand zu
halten, näherte ich mich dem Zug so nahe es eben ging und
berauschte mich an der kühlen Frischluft des Fahrtwindes.
"Long Train
Runnin'", rief ich unentwegt, und hoffte, der Zug
sei ähnlich lang wie jene, die damals an meinem
Küchenfenster vorbei gezogen waren. An
Bahnübergängen, deren Schranken sich unmittelbar vor mir
schlossen, knurrte und fluchte ich, mal laut, mal leise: Long Train Runnin'. Diese
Warterei bei geschlossenen Bahnschranken geht mir bis heute
mächtig auf die Nerven. Manche Leute erzählen mir
gelegentlich, sie hätten Jahre ihres Lebens verschenkt und
vergeudet, weil sie falschen Beziehungen viel zu lange nachgehangen
hätten und fragen mich: "Und du?" "Ich
habe die Hälfte meines Lebens vor geschlossenen Bahnschranken
verbracht", antworte ich dann und füge hinzu: "Long Train
Runnin'."
Mit den Jahren erlosch die Erinnerung an die Doobie Brothers. Einzig der Titel
eines ihrer berühmtesten Lieder musste immer mal wieder etwa
dann als griffiger Kommentar herhalten, wenn ein scheinbar nicht
enden wollender Zug sich mir wie auch immer in den Weg stellte:
Long Train Runnin'.
Davon abgesehen: Die musikalischen Moden änderten sich: Sex Pistols, New Order, Nirvana
und und und. Und Oasis.
Irgendwann war ich heilfroh, im deutschen Oasis-Ultras-Fanclub Aufnahme zu finden.
Als die Gallagher-Brüder im Dezember 2002 in der Bar des
Münchener Hotels Bayerischer Hof in eine handfeste
Schlägerei verwickelt wurden, ging es bei uns im Fanclub
drunter und drüber. Jeder wusste etwas, was andere nicht
wussten. Einige etwa sprachen von zwei Schneidezähnen, die man
Liam ausgeschlagen hätte, andere schworen Stein und Bein, er
hätte zusätzlich auch noch einen Zahn weiter hinten
verloren. Ich wollte nicht schweigend außen vor stehen und
ermittelte unter größten zeitraubenden Mühen den
Namen der lokalen Showband, die zu Beginn der Schlägerei auf
der Bühne der Bar gestanden hatte. Freilich, im Lauf der Jahre
ist er mir zwar wieder entfallen; nicht aber der Name des Liedes,
welches die Band just angestimmt hatte, als es zu der Rauferei kam:
Es war Long Train
Runnin'....
Long Train Runnin'.
Plötzlich waren sie wieder wie ein aus dem Nichts heran
rauschender Schnellzug mitten in meinem Leben angelangt: The Doobie Brothers. Ich spielte
ihren Hit ab sofort wieder bei jeder passenden und bevorzugt auch
bei zahlreichen nicht passenden Gelegenheiten. Für mich waren
sie fortan ein unverrückbarer Bestandteil des Oasis-Kosmos.
Und das in weit höherem Maße als etwa der alte Deep-Purple-Keyboarder Jon Lord.
Der nämlich hatte mal als Gast bei der englischen Band Ride die Tasten gedrückt.
Und einer der beiden Köpfe dieser Band, Andy Bell, wurde später zum Oasis-Bassisten.
Den anderen Ride-Kopf Mark
Gardener hatte sein allererster Deutschlandbesuch
übrigens in die westfälische Kleinstadt Oelde
geführt. Gardener hatte dort als Fußballspieler an einem
international besetzten Jugendturnier teilgenommen, ausgerichtet
vom dort ansässigen Verein SC Oelde 09. Kleinigkeiten,
zugegeben, kein Rocklexikon würde auch nur eine Zeile für
so etwas hergeben. Wobei ich zugeben muss: Rocklexika gehen mir
bisweilen auf die Nerven. Ähnlich wie Rockmusik im Fernsehen.
Und Bahnschranken, die unmittelbar vor einem heruntergelassen
werden...
Long Train Runnin', ein
neues Jahrtausend hatte begonnen und vieles, was ich in die Hand
nahm, warf mich plötzlich wieder gefühlte Lichtjahre
zurück auf diesen Song und die dafür verantwortliche Band
– The Doobie
Brothers.
Long Train Runnin'.
Vor wenigen Tagen erst ist der Zug der britischen Band Oasis zum wohl endgültigen
Stillstand gekommen. Schuld ist erneut eine Schlägerei,
diesmal eine zwischen den beiden Gallagher-Brüdern Liam und Noel. Unmittelbar nach Bekanntwerden der
offensichtlichen Bandauflösung erwische ich mich bei der
Frage, was nun wohl aus mir und den Doobie Brothers werden wird. Offen gestanden,
über die zwischenzeitlichen Schicksale der einzelnen
Bandmitglieder war mir bis vor wenigen Tagen so gut wie nichts
bekannt. Altenheim, hätte ich getippt, wären Fragen
danach an mich heran getragen worden. Altenheim. Das sage ich
immer, wenn Personen offensichtlich abgetaucht zu sein scheinen.
Das mag mit der Zeit meiner Kindheit zusammenhängen. Da
nämlich war das örtliche Altenheim der für mich
geheimnisvollste und rätselhafteste Bau der Stadt – noch
vor dem Gefängnis. Der Weg zum Hauseingang dort war mit
schneeweißem Kies belegt, links und rechts davon wuchsen
üppige Büsche. Unmittelbar vor dem Eingang zum Haus
zweigten links und rechts sorgfältig gepflasterte Wege
halbkreisförmig vom Kiesweg ab und wanden sich hinter das
Haus. Meistens war das Gelände verwaist, niemand war zu sehen.
Und wenn doch mal jemand am Stock gehend oder im Rollstuhl sitzend
kurz auftauchte, so eilte gleich eine ungleich jüngere Person
im weißen Kittel hinzu und verschwand mit den Alten hinterm
Haus.
Ich fand das ungemein spannend und aufregend und nahm mir fest vor,
später selbst einmal meinen Lebensabend im Altenheim
verbringen zu wollen, um den Dingen dort auf den Grund zu gehen.
Aber bis dahin war ja noch Zeit – Long Train Runnin'...
Also: Wie alt ist eigentlich Michael McDonald von den Doobie Brothers? Und was tut er? Lebt er in einem
Altenheim? Einer Residenz? Einem Seniorenpark? Ist er am Ende
bereits so alt wie Mr High,
der Chef von G-Man Jerry
Cotton und seinem Kollegen Phil Decker? Den nämlich schätze ich
persönlich auf etwa 200 Jahre. Spannende Fragen sind das. Und
die Antworten erst – sie sind noch spannender...
Der 57-jährige Michael
McDonald, Keyboarder und Sänger der Doobie Brothers nach deren Long
Train Runnin'-Ära wird im Frühjahr dieses Jahres in
einem New Yorker Club
gesichtet. Auf der Bühne steht die Avantgarde-Band Grizzly Bear aus Brooklyn. Nach der Show
führt ein gewisser Molly
Hawkins, Manager des Duos Chairlift und ebenso mit Grizzly-Bear-Bassist Chris Taylor wie auch mit
Michael McDonald bekannt,
diesen mit der Band zusammen. Unglaublich: Grizzly Bear bitten den Softrock-Senior um einen Backgroundgesang auf
ihrer neuen Single "While You
Wait For The Others". Das anschließende Resultat
überzeugt die Band so sehr, dass sie McDonald nun bittet, doch gleich den kompletten
Gesang mit seinem Bariton zu übernehmen. McDonald erledigt auch das mit
Bravour und muss zur Kenntnis nehmen: Diese ungewöhnliche
Kollaboration bleibt kein Einzelfall. Denn zwischenzeitlich meldet
sich auch das New Yorker
Disco-Wave-Duo Holy Ghost und bittet um einen Gesangspart
für das Debütalbum, welches demnächst auf dem
Kultlabel DFA erscheinen wird. Hergestellt wird der Kontakt
über eine junge Frau. Deren Vater ist Bassist der aktuellen
Band von Kenny
"Footloose" Loggins. Und der wiederum hat einst
gemeinsam mit Michael
McDonald einen echten Smashhit produziert: "What A Fool Believes".
Leben mit den Doobie
Brothers. Hört das nie auf? Ein Blick auf den
Lebenslauf von Michael
McDonald legt die Antwort im Grunde nahe: Nein! Es
fängt gerade erst an. Alte Männer, deren Weg in
schummrigen Bars, stinkenden Bussen und mit, sagen wir Rock
'n' Roll-Orgien beginnt, und deren Weg in der Glitzerwelt
des Dancefloors.....nun, endet? Wer will das sagen, wie lang so ein
Zug am Ende ist? Long Train
Runnin'. Mit dem 62-jährigen Österreicher
Louie Austen verhält
es sich übrigens ganz ähnlich – frappierend
ähnlich...
Louie Austen. The Doobie
Brothers. Michael McDonald. Altenheime. Erst gestern noch
habe ich ein solches besichtigt – von außen. Um nicht
missverstanden zu werden: Ich bin wie die oben genannten jung und
stark, sehe phantastisch aus. Sonst säße ich nicht hier.
Gelegentlich verlasse ich das Haus und gehe stundenlang geradeaus.
Doch gestern kam ich kurzzeitig vom Weg ab, und dann stand ich da
vor diesem Altenheim. Dieser Residenz. Und niemand war zu sehen.
Nur Büsche, dazu eine Zufahrt mit weißem Kies an den
Rändern.
Und ein Glaskasten am Zaun. Darin eine Broschüre, aus der
hervorging, was mich dereinst erwartet: eine künstliche
Therapiekatze etwa, die durch visuelle und akustische Sensoren auf
mein Verhalten reagieren und sich dem durch künstliche
Intelligenz sogar anpassen kann. Das Tier kann sich auch aufrichten
oder hinlegen. Es schmiegt sich beim Kraulen an. Das Schnurren ist
durch Vibration spürbar. Nachdenklich las ich mir das alles
durch, als plötzlich eine Person in weißem Kittel auf
mich zutrat.
"Gibt es bei Ihnen außer dieser Katze auch eine
Discokugel auf den Zimmern?", erkundigte ich mich.
"Nein", sagte die Person und musterte mich. "Sie
haben doch sicherlich noch ein wenig Zeit", sagte sie dann;
eine Frau übrigens, Mitte Zwanzig vielleicht.
"Long Train
Runnin'", sagte ich und erkundigte mich, ob es
hinter dem Haus wenigstens einen Bahndamm gebe. Die Frau schaute
mich ein wenig irritiert an.
"Schon gut", sagte ich und fügte erneut hinzu: "Long Train
Runnin'".
Wir verabschiedeten uns und wünschten uns einen guten Tag.
Gute Nacht.
| Uhrzeit | Interpret | Titel |
|---|---|---|
| 00:56:00 | Peverelist | Esperanto |
| 00:53:00 | Joy Orbison | So Derobe |
| 00:50:00 | First Aid Kit | Winter Is All Over You |
| 00:47:00 | Local Natives | Cubism Dream |
| 00:43:00 | Alessandro Crimi | Alaska |
| 00:39:00 | Four Tet | Love Cry |
| 00:36:00 | Laura Veirs | Where Are You Driving |
| 00:33:00 | The Welcome Wagon | Up On A Mountain |
| 00:28:00 | The Leisure Society | A Short Weekend Begins With Longing |
| 00:23:00 | The Orb | Glen Coe |
| 00:18:00 | Massive Attack | Paradise Circus |
| 00:13:00 | Midlake | Winter Dies |
| 00:08:00 | Lawrence Arabia | The Undesireables |
| 00:03:00 | Lou Barlow | The One I Call |
Stand: 10.09.2009
