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SENDUNGEN

Fiehe unzensiert

Long Train Runnin' - Leben mit den Doobie Brothers.

Von Klaus Fiehe

Passion Pit: "Make Light" / Kris Menace: "Lightning"

Sehr langer Zug, Rechte: dpa/epa/afp Bild vergrößern

Long Train Runnin'

Eine Zeit lang bewohnte ich zwei Zimmer innerhalb eines Hauses, das nach hinten hin fast unmittelbar an einen Bahndamm grenzte. Die zu entrichtende Miete war nach meiner Erinnerung nicht sonderlich hoch, was vermutlich auch an den zahlreichen, insbesondere abends und nachts vorbeiziehenden Güterzügen lag, deren Schlottern und Klappern sich schon von weitem vernehmen ließ und, wenn sie das Haus passierten, zu einem enormen Geräuschpegel anschwoll. Gerade in lauen Sommernächten bei geöffnetem Fenster hatte ich oft genug die merkwürdige Vision, das Klackern der Waggons über die Schienen würde ganz allmählich Besitz von mir ergreifen, ich fühlte mich wie auf einem nicht enden wollenden Trip direkt in die Hölle.

Manchmal traf ich tagsüber Freunde und Bekannte, die Stein und Bein schworen, abends zuvor vor meiner Tür gestanden und Sturm geklingelt zu haben, ohne dass ich geöffnet hätte. Andere erkundigten sich nach meiner Telefonnummer und gaben an, ich sei unter der ihnen geläufigen Zahlenfolge abends schlicht nicht zu erreichen. "Es sind die Züge", antwortete ich jeweils mit einem Schulterzucken, "sie übertönen einfach alles..." Das war die Wahrheit. Selbst Gespräche am Küchentisch über Gott und die Welt mussten ruhen, wenn sich wieder einmal eins dieser Stahlrösser anschickte vorbeizurollen. "Long Train Runnin'", sagte bei einer Gelegenheit mal ein Freund, der es spät am Abend zu mir in die Wohnung geschafft hatte und damit traf er ins Schwarze; klack, klack, klack. Klack, klack, klack……… Minutenlang hatten wir geschwiegen, so zumindest schien es mir. Long Train Runnin', sein Kommentar gefiel mir, und von nun an entgegnete ich allen, die sich darüber beklagten, mich nicht erreichen zu können, eben dies: "Long Train Runnin'".

Reverend & The Makers: "Professor Pickles" / Die Sterne: "Nach Fest Kommt Lose" (instrumental)

Wahlplakat, Rechte: dpa/Halbauer Bild vergrößern

Ein halbes Leben vor Bahnschranken...

Long Train Running. Ich hörte nichts, kein Telefon, keine Klingel, keinen Torschrei im Radio, nicht einmal das Pfeifen des kochenden Wasserkessels. Auch das gleichnamige Lied der Doobie BrothersLong Train Runnin' -  hätte es bei noch so lautstarkem Abspielen nie und nimmer aufgenommen mit der Geräuschkulisse, die von draußen durchs Fenster nach innen drang. Davon abgesehen wirkte die Musik der Doobie Brothers auf mich sowieso wie, sagen wir, Fritten ohne Salz. Bier ohne Schaum. Heiligabend ohne Baum. Mit einer Ausnahme: Long Train Runnin'.

Als ich später für kurze Zeit als Hilfskraft einem Trupp von Gleisarbeitern angehörte, der Reparaturarbeiten an einem Bahndamm vorzunehmen hatte, mussten die Arbeiten immer dann ruhen, wenn ein Zug das Gleis passierte. Statt gebührend Abstand zu halten, näherte ich mich dem Zug so nahe es eben ging und berauschte mich an der kühlen Frischluft des Fahrtwindes. "Long Train Runnin'", rief ich unentwegt, und hoffte, der Zug sei ähnlich lang wie jene, die damals an meinem Küchenfenster vorbei gezogen waren. An Bahnübergängen, deren Schranken sich unmittelbar vor mir schlossen, knurrte und fluchte ich, mal laut, mal leise: Long Train Runnin'. Diese Warterei bei geschlossenen Bahnschranken geht mir bis heute mächtig auf die Nerven. Manche Leute erzählen mir gelegentlich, sie hätten Jahre ihres Lebens verschenkt und vergeudet, weil sie falschen Beziehungen viel zu lange nachgehangen hätten und fragen mich: "Und du?"  "Ich habe die Hälfte meines Lebens vor geschlossenen Bahnschranken verbracht", antworte ich dann und füge hinzu: "Long Train Runnin'."

Kenny Rogers: "Ruby" (Retouched By Simian Mobile Disco) / LCD Soundsystem: "4533" (Prins Thomas Diskomiks Remix)

Liam Gallagher beim Oasis-Konzert in Düsseldorf 2009, Rechte: WDR/Von der Heiden Bild vergrößern

Na, Liam. Wie viele Zähne waren's damals?

Mit den Jahren erlosch die Erinnerung an die Doobie Brothers. Einzig der Titel eines ihrer berühmtesten Lieder musste immer mal wieder etwa dann als griffiger Kommentar herhalten, wenn ein scheinbar nicht enden wollender Zug sich mir wie auch immer in den Weg stellte: Long Train Runnin'. Davon abgesehen: Die musikalischen Moden änderten sich: Sex Pistols, New Order, Nirvana und und und. Und Oasis. Irgendwann war ich heilfroh, im deutschen Oasis-Ultras-Fanclub Aufnahme zu finden.

Als die Gallagher-Brüder im Dezember 2002 in der Bar des Münchener Hotels Bayerischer Hof in eine handfeste Schlägerei verwickelt wurden, ging es bei uns im Fanclub drunter und drüber. Jeder wusste etwas, was andere nicht wussten. Einige etwa sprachen von zwei Schneidezähnen, die man Liam ausgeschlagen hätte, andere schworen Stein und Bein, er hätte zusätzlich auch noch einen Zahn weiter hinten verloren. Ich wollte nicht schweigend außen vor stehen und ermittelte unter größten zeitraubenden Mühen den Namen der lokalen Showband, die zu Beginn der Schlägerei auf der Bühne der Bar gestanden hatte. Freilich, im Lauf der Jahre ist er mir zwar wieder entfallen; nicht aber der Name des Liedes, welches die Band just angestimmt hatte, als es zu der Rauferei kam: Es war Long Train Runnin'....

Retro/Grade: "Moda"

Andy Bell, Rechte: WDR/Von der Heiden Bild vergrößern

Ex-Ride-Mastermind und Oasis-Bassist Andy Bell

Long Train Runnin'. Plötzlich waren sie wieder wie ein aus dem Nichts heran rauschender Schnellzug mitten in meinem Leben angelangt: The Doobie Brothers. Ich spielte ihren Hit ab sofort wieder bei jeder passenden und bevorzugt auch bei zahlreichen nicht passenden Gelegenheiten. Für mich waren sie fortan ein unverrückbarer Bestandteil des Oasis-Kosmos. Und das in weit höherem Maße als etwa der alte Deep-Purple-Keyboarder Jon Lord. Der nämlich hatte mal als Gast bei der englischen Band Ride die Tasten gedrückt. Und einer der beiden Köpfe dieser Band, Andy Bell, wurde später zum Oasis-Bassisten. Den anderen Ride-Kopf Mark Gardener hatte sein allererster Deutschlandbesuch übrigens in die westfälische Kleinstadt Oelde geführt. Gardener hatte dort als Fußballspieler an einem international besetzten Jugendturnier teilgenommen, ausgerichtet vom dort ansässigen Verein SC Oelde 09. Kleinigkeiten, zugegeben, kein Rocklexikon würde auch nur eine Zeile für so etwas hergeben. Wobei ich zugeben muss: Rocklexika gehen mir bisweilen auf die Nerven. Ähnlich wie Rockmusik im Fernsehen. Und Bahnschranken, die unmittelbar vor einem heruntergelassen werden...

Long Train Runnin', ein neues Jahrtausend hatte begonnen und vieles, was ich in die Hand nahm, warf mich plötzlich wieder gefühlte Lichtjahre zurück auf diesen Song und die dafür verantwortliche Band – The Doobie Brothers.

Urban Delights: "Rock 'n' Roll Star" / The Doobie Brothers: "Long Train Runnin'"

Altenheim-Verkehrsschild, Rechte: dpa/Ender Bild vergrößern

Sind die Doobie Brothers im Altenheim?

Long Train Runnin'. Vor wenigen Tagen erst ist der Zug der britischen Band Oasis zum wohl endgültigen Stillstand gekommen. Schuld ist erneut eine Schlägerei, diesmal eine zwischen den beiden Gallagher-Brüdern Liam und Noel. Unmittelbar nach Bekanntwerden der offensichtlichen Bandauflösung erwische ich mich bei der Frage, was nun wohl aus mir und den Doobie Brothers werden wird. Offen gestanden, über die zwischenzeitlichen Schicksale der einzelnen Bandmitglieder war mir bis vor wenigen Tagen so gut wie nichts bekannt. Altenheim, hätte ich getippt, wären Fragen danach an mich heran getragen worden. Altenheim. Das sage ich immer, wenn Personen offensichtlich abgetaucht zu sein scheinen. Das mag mit der Zeit meiner Kindheit zusammenhängen. Da nämlich war das örtliche Altenheim der für mich geheimnisvollste und rätselhafteste Bau der Stadt – noch vor dem Gefängnis. Der Weg zum Hauseingang dort war mit schneeweißem Kies belegt, links und rechts davon wuchsen üppige Büsche. Unmittelbar vor dem Eingang zum Haus zweigten links und rechts sorgfältig gepflasterte Wege halbkreisförmig vom Kiesweg ab und wanden sich hinter das Haus. Meistens war das Gelände verwaist, niemand war zu sehen. Und wenn doch mal jemand am Stock gehend oder im Rollstuhl sitzend kurz auftauchte, so eilte gleich eine ungleich jüngere Person im weißen Kittel hinzu und verschwand mit den Alten hinterm Haus.

Ich fand das ungemein spannend und aufregend und nahm mir fest vor, später selbst einmal meinen Lebensabend im Altenheim verbringen zu wollen, um den Dingen dort auf den Grund zu gehen. Aber bis dahin war ja noch Zeit – Long Train Runnin'...
Also: Wie alt ist eigentlich Michael McDonald von den Doobie Brothers? Und was tut er? Lebt er in einem Altenheim? Einer Residenz? Einem Seniorenpark? Ist er am Ende bereits so alt wie Mr High, der Chef von G-Man Jerry Cotton und seinem Kollegen Phil Decker? Den nämlich schätze ich persönlich auf etwa 200 Jahre. Spannende Fragen sind das. Und die Antworten erst – sie sind noch spannender...

Grizzly Bear: "While You Wait For The Others" / Grizzly Bear feat. Michael McDonald: "While You Wait For The Others"

Grizzly Bear, Rechte: Tom Hines Bild vergrößern

Grizzly Bear auf den Spuren der Doobie Brothers

Der 57-jährige Michael McDonald, Keyboarder und Sänger der Doobie Brothers nach deren Long Train Runnin'-Ära wird im Frühjahr dieses Jahres in einem New Yorker Club gesichtet. Auf der Bühne steht die Avantgarde-Band Grizzly Bear aus Brooklyn. Nach der Show führt ein gewisser Molly Hawkins, Manager des Duos Chairlift und ebenso mit Grizzly-Bear-Bassist Chris Taylor wie auch mit Michael McDonald bekannt, diesen mit der Band zusammen. Unglaublich: Grizzly Bear bitten den Softrock-Senior um einen Backgroundgesang auf ihrer neuen Single "While You Wait For The Others". Das anschließende Resultat überzeugt die Band so sehr, dass sie McDonald nun bittet, doch gleich den kompletten Gesang mit seinem Bariton zu übernehmen. McDonald erledigt auch das mit Bravour und muss zur Kenntnis nehmen: Diese ungewöhnliche Kollaboration bleibt kein Einzelfall. Denn zwischenzeitlich meldet sich auch das New Yorker Disco-Wave-Duo Holy Ghost und bittet um einen Gesangspart für das Debütalbum, welches demnächst auf dem Kultlabel DFA erscheinen wird. Hergestellt wird der Kontakt über eine junge Frau. Deren Vater ist Bassist der aktuellen Band von Kenny "Footloose" Loggins. Und der wiederum hat einst gemeinsam mit Michael McDonald einen echten Smashhit produziert: "What A Fool Believes".

Leben mit den Doobie Brothers. Hört das nie auf? Ein Blick auf den Lebenslauf von Michael McDonald legt die Antwort im Grunde nahe: Nein! Es fängt gerade erst an. Alte Männer, deren Weg in schummrigen Bars, stinkenden Bussen und mit, sagen wir Rock 'n' Roll-Orgien beginnt, und deren Weg in der Glitzerwelt des Dancefloors.....nun, endet? Wer will das sagen, wie lang so ein Zug am Ende ist? Long Train Runnin'. Mit dem 62-jährigen Österreicher Louie Austen verhält es sich übrigens ganz ähnlich – frappierend ähnlich...

Louie Austen: "Disco Dancer" / Kris Menace: "Fairlight Pt.1"

Discokugel, Rechte: dpa/Jespersen Bild vergrößern

Keine Discokugeln auf den Zimmern des Altenheims...

Louie Austen. The Doobie Brothers. Michael McDonald. Altenheime. Erst gestern noch habe ich ein solches besichtigt – von außen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin wie die oben genannten jung und stark, sehe phantastisch aus. Sonst säße ich nicht hier. Gelegentlich verlasse ich das Haus und gehe stundenlang geradeaus. Doch gestern kam ich kurzzeitig vom Weg ab, und dann stand ich da vor diesem Altenheim. Dieser Residenz. Und niemand war zu sehen. Nur Büsche, dazu eine Zufahrt mit weißem Kies an den Rändern.

Und ein Glaskasten am Zaun. Darin eine Broschüre, aus der hervorging, was mich dereinst erwartet: eine künstliche Therapiekatze etwa, die durch visuelle und akustische Sensoren auf mein Verhalten reagieren und sich dem durch künstliche Intelligenz sogar anpassen kann. Das Tier kann sich auch aufrichten oder hinlegen. Es schmiegt sich beim Kraulen an. Das Schnurren ist durch Vibration spürbar. Nachdenklich las ich mir das alles durch, als plötzlich eine Person in weißem Kittel auf mich zutrat.

"Gibt es bei Ihnen außer dieser Katze auch eine Discokugel auf den Zimmern?", erkundigte ich mich.
"Nein", sagte die Person und musterte mich. "Sie haben doch sicherlich noch ein wenig Zeit", sagte sie dann; eine Frau übrigens, Mitte Zwanzig vielleicht.
"Long Train Runnin'", sagte ich und erkundigte mich, ob es hinter dem Haus wenigstens einen Bahndamm gebe. Die Frau schaute mich ein wenig irritiert an.
"Schon gut", sagte ich und fügte erneut hinzu: "Long Train Runnin'".
Wir verabschiedeten uns und wünschten uns einen guten Tag. Gute Nacht.

1LIVE Plan B mit Klaus Fiehe: Die Playlisten

Uhrzeit Interpret Titel
00:56:00 Peverelist Esperanto
00:53:00 Joy Orbison So Derobe
00:50:00 First Aid Kit Winter Is All Over You
00:47:00 Local Natives Cubism Dream
00:43:00 Alessandro Crimi Alaska
00:39:00 Four Tet Love Cry
00:36:00 Laura Veirs Where Are You Driving
00:33:00 The Welcome Wagon Up On A Mountain
00:28:00 The Leisure Society A Short Weekend Begins With Longing
00:23:00 The Orb Glen Coe
00:18:00 Massive Attack Paradise Circus
00:13:00 Midlake Winter Dies
00:08:00 Lawrence Arabia The Undesireables
00:03:00 Lou Barlow The One I Call


Stand: 10.09.2009

PLAYLIST AKTUELL

Uhrzeit 16:36:11Uhr
InterpretDonots
Titel"Calling"
Uhrzeit 16:31:29Uhr
InterpretOwl City
Titel"Fireflies"

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