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1LIVE PLAN B-TYP

Das voyeuristische Foto

Von Manuel Unger

Die Stahlstraße in Essen ist bekannt. Hier kommen Männer hin, die für Geld Sex wollen. Jürgen Chill kommt auch hier hin. Den 39-Jährigen aus Bochum ziehen jedoch nicht die Frauen an, sondern die Zimmer in denen die Damen ihr Geld verdienen. Jürgen ist Fotograf. Mit Hilfe einer selbstausgedachten und -gebauten Apparatur fotografiert er die Räume aus einem Blickwinkel, den man sonst nicht hat.

Jürgen Chill, Rechte: WDR Bild vergrößern

Jürgen Chill mit der Teleskopstange. Erst damit gelingen die Fotos von der Decke.

An einer Teleskopstange aus dem Malerbedarf hat er seine professionelle, digitale Spiegelreflexkamera angebracht. So kann er dicht unter die Zimmerdecke kommen und über einen Fernauslöser die Fotos machen, die man mit klassischer Fotografie nicht bekommt. Ein Bild reicht aber nicht. Um jeden Zentimeter eines ca. acht Quadratmeter großen Raumes abzulichten, muss er zwischen 100 und 150 Fotos machen. Diese werden dann in mühsamer Kleinarbeit über mehrere Tage am Rechner bearbeitet und zu einem einzigen, symmetrischen Ganzen zusammengesetzt. So ergibt sich ein Einblick in einen Raum, als ob man bei einem Puppenhaus das Dach abnimmt und direkt von oben in ein Zimmer schaut.

Authentischer Blick

Gasmaske, Rechte:WDR Bild vergrößern

Momentan fotografiert Jürgen Chill im Puff.

Angefangen hat alles in seiner eigenen Wohnung. Hier wurde ausprobiert und die Idee des voyeuristischen Fotos perfektioniert. Danach ging es in Schulklassen, Hotelzimmer, Arzträume und schließlich in Gefängniszellen. Durch Jürgens Bilder bekommt man einen erschreckend authentischen Blick in eine Welt, die nicht viele kennen. Für diese Arbeit wurde er 2007 mit dem Architekturfotografiepreis ausgezeichnet.

Der Puff von oben

Domina Zimmer, Rechte: Jürgen Chill Bild vergrößern

Ein "Decken-Foto" besteht aus 100-150 Einzelbildern.

Jetzt hat er sich das nächste Paralleluniversum vorgenommen - die Welt des Rotlichts. Im Puff sind Kameras nicht so gerne gesehen, weder die Prostituierten noch die Freier legen Wert darauf, einen professionellen Fotografen im Haus zu haben. Der Besitzer einiger Bordelle in Bochum und Essen fand die Idee und Umsetzung seiner Bilder aber so beeindruckend, dass er ihm verschiedene Räume zur Verfügung stellt. Morgens, wenn in der Stahlstraße noch nicht so viel los ist, kann sich Jürgen in den leeren Zimmern austoben und die Speicherkarte seiner Kamera voll machen. Interessant sind für ihn vor allem die kleinen Details, die in jedem Raum anders sind. Da können kleine Enten im Regal stehen oder im Domina-Studio riesige Dildos und Gasmasken rumliegen, das sind die Dinge, die ein Foto unverwechselbar machen, und der Betrachter hat jede Menge zu entdecken. Ab und zu wird vor seinem Besuch extra noch mal aufgeräumt, aber meistens findet er die Zimmer so vor, als würde gleich der nächste Kunde erwartet.

Neuer Blickwinkel auf Architektur

Zimmer von oben, Rechte: WDR Bild vergrößern

Für seinen ganz neuen Blickwinkel bekam der Fotograf schon den Architekturfotografiepreis.

Jürgen hat Kunst in Hattingen und im niederländischen Arnhem studiert. Neben der Fotografie beschäftigt er sich auch mit Videokunst und Installationen. Der rote Faden bei all seinen Arbeiten ist aber immer Architektur. Sein Geld verdient er, wenn seine Fotos irgendwo abgedruckt werden oder mit Auftragsarbeiten, dann fotografiert er auch schon mal Tankstellen. Zwei Tage die Woche arbeitet er nebenher noch in seinem anderen Beruf als Radiologieassistent im Krankenhaus - damit die Miete gesichert ist.

Chill und Manuel Unger, Rechte: WDR Bild vergrößern

1LIVE Reporter Manuel Unger mit Jürgen Chill im Bochumer Rotlichtmilleu.

Wer Jürgens Gefängniszellenfotos sehen möchte, der hat dazu die Möglichkeit auf der Photokina, die Ende September in Köln stattfindet.

Dank ihm, unserem letzten Plan B Typ für 2008, war ich jetzt endlich auch mal im Puff!

Stand: 18.08.2008

PROGRAMM

Was läuft in Plan B?

Stundenplan; Rechte: dpa

Die aktuelle Woche in Plan B in der Übersicht. [Wochenübersicht]


DIE STIMMEN

Christiane Falk und Ingo Schmoll

Moderatoren; Rechte: WDR

Präsentiert wird 1LIVE Plan B von Christiane Falk und Ingo Schmoll, im wöchentlichen Wechsel. [mehr]


HÖRSPIEL-DOWNLOAD

Das Hörspiel zum Mitnehmen

Mischpult; Rechte: dpa/Schönherr

Jeden Monat bietet euch 1LIVE Plan B ein Hörspiel zum kostenlosen Download an. [mehr]


SEKTOR-MUSIK

Heimatkult

Gartenzwerg; Rechte: dpa

Immer montags und mittwochs stellen wir eine Band aus dem Sektor vor. [mehr]


MIXTAPE

Kassettendeck

Kassettendeck; Rechte: dpa

Jeden Montag springt das Kassettendeck an. Exklusiv zu hören sind Mixtapes aktueller Künstler. [Webradio]


POP-GESCHICHTE

1LIVE Popzeugen

Mitbewohner der Ramones; Rechte: Privat

Die legendären Momente des Pop - wir treffen Menschen, die live dabei waren. [mehr]


INTERPRETATION

1LIVE Popdolmetscher

Wolke; Rechte: WDR/Daniel Schmidthäussler

Die entscheidenden Fragen werden hier gelöst. [Wünscht euch was!]


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